Wir bedenken meist nicht, was für eine komplexe menschliche Leistung IDENTITÄT ist. Damit unterschätzen wir auch leicht eine so simpel scheinende Frage wie: Woher weiß ich nach dem Aufstehen, daß ich der bin, der gestern in’s Bett gegangen ist, um zu schlafen? Das ist eine enorme Integrationsleistung, die Körper und Geist täglich vollbringen.
Ich hab keine Ahnung gehabt, wie es sich fügen könnte. Unsere Session im Hause KWB [link] ging von einer äußerst heterogenen Runde aus. Wir haben die exponierten Personen auch zum Teil in eine Situation hereingeholt, die ihnen vorab nicht ganz klar gewesen ist. So ergab sich eine womöglich recht authentische Startsituation.
Von links: Erwin Stubenschrott, Kurt Winter, Werner Höfler, Karl Bauer, Sandra Kocuvan, Iris Absenger-Helmli, Gerhard Flekatsch
Damit meine ich: Menschen aus ganz unterschiedlichen Metiers, die in unserem Lebensraum ganz unterschiedliche Aufgaben haben und deshalb auch sehr verschiedene Prioritätenkataloge mitbringen, sind plötzlich für zwei Stunden mit einander verknüpft und sind gefordert, eine gemeinsame Themenstellung zu beleuchten.
Das hat natürlich keineswegs bloß Konsens generiert. Aber wir haben miteinander eine Gesamtsituation erlebt, in der sehr unterschiedliche Positionen einmal deutlich da sein konnten; ergänzt um Eindrücke, in welchen Zusammenhängen alltäglicher Arbeit diese unterschiedlichen Positionen bestehen.
Das waren in unserer zweiten Session diesmal:
+) Iris Absenger-Helmli (LEADER-Managerin, „Energie-Region“)
+) Karl Bauer (Tierarzt, Gemeinderat Gleisdorf)
+) Werner Höfler (Landwirt, Bürgermeister, Hofstätten a.d. Raab)
+) Sandra Kocuvan (Fachreferentin, Kulturabteilung d. Landes Steiermark)
+) Erwin Stubenschrott (Unternehmer, KWB)
+) Kurt Winter (IT-Fachmann, Wirtschaftskammer)
Ich hab übrigens einen Tonmitschnitt der Inputs und der darauf folgenden Debatte, den ich hier demnächst als Download zur Verfügung stellen möchte.
Von links: Karl Bauer, Sandra Kocuvan, Iris Absenger-Helmli
Wir werden im Basis-Team (Fickl, Flekatsch, Krusche, Peitler-Selakov) nun die gesamte Diskussion des Abends aufarbeiten; inklusive der Inputs aus dem Publikum. Eine Zusammenfassung dessen wird an die Leute geschickt, damit Einwände und Ergänzungen möglich sind.
Dann geht es in eine zweite Runde der Redaktionsarbeit, die ein kohärentes Arbeitspapier ergeben soll, mit dem ich geklärt sehen möchte, was wir an diesem Abend erarbeitet haben, was davon abgehakt werden kann und was uns in die nächste Station begleiten sollte.
Apropos nächste Station! Der Gleisdorfer Gemeinderat Karl Bauer [link] und Johann Baumgartner [link], im Raiffeisenhof für Bildung und Kultur zuständig, haben diesbezüglich schon Vorschläge gemacht. Wir werden also sehr bald die dritte Station unserer Serie fixiert haben.
Eines unserer Ziele ist ja, daß wir in die Praxis dieser oder jener Kooperation kommen. Dazu hat jener Abend nun schon ein paar interessante Ansätze geliefert. Ich darf dennoch betonen: Es geht hier um keine „schnellen Ergebnisse“, sondern vor allem einmal um einen anregenden Prozeß und um eine wachsende Kommunikationssituation. Es geht um einen längerfristigen belebten „Möglichkeitsraum“, in dem wir eine Art „Praxis des Kontrastes“ erproben können.
Andreas Turk (links) und Reinhard Weixler
Ich denke, es ist so, wie wir es grade exemplarisch mit der Firma KWB [link] erleben. KWB Und „kunst ost“ entwickeln nämlich zur Zeit gemeinsam ein Kunstprojekt. Und das läuft nicht auf die Art „Sie wünschen, wir spielen, zack, das war’s, und hier sind die Ergebnisse“. Allein der Entwicklungsprozeß dieses Projektes, das von unserer Seite Kuratorin Mirjana Peitler-Selakov betreuet, erstreckt sich nun schon über mehrere Monate.
Offenbar wissen beide Seiten in diesem Prozeß, daß genau diese behutsame und konzentrierte Arbeit schon für sich Ergebnisse generiert, Erfahrung bringt, die in Wissen übersetzt werden kann. Und genau das ist – neben herkömmlichen Schritten der Kunstpräsentation – unsere Angelegenheit.
Das ergibt sich übrigens auch allein schon im Basis-Team. Fickl, Flekatsch, Krusche, Peitler-Selakov, das sind vier höchst unterschiedliche Charaktere mit ganz verschiedenen Temperamenten und Zugängen. Auch da gibt es keine „schnellen Ergebnisse“, sondern prozeßhaftes Arbeiten in laufender Kommunikation ist vorerst eines der Hauptereignisse. Nun also unterwegs zur dritten Station von „Kunst Wirtschaft Wissenschaft“…
Kunstschaffende, die rein aus ihrer Kunstproduktion ein annehmbares Jahreseinkommen erwirtschaften, sind in Österreich die Ausnahme. Solche Leute können sie in vielen Genres mit der Lupe suchen. Es bleibt ein Rätsel, warum genau dieser Typ von Professional das dominante Rolemodel der Branche sein soll und überdies noch mit allerhand moralischen Implikationen behängt wird.
Viele Berufsgruppen kennen Freelancers. Der „freischaffende Künstler“ ist in Österreich bloß eine Variation und auf dem Feld der Kunst keineswegs das Hauptereignis. Leute von Rang haben zum Beispiel Lehraufträge; wie etwa Brigitte Kowanz oder Niki Passath an der Angewandten in Wien.
Der Weizer Maler Hannes Schwarz
Die FH bietet auch attraktive Anstellungen, wie in Graz beispielsweise Melitta Moschik eine inne hat, oder Lehraufträge, wie Jörg Vogeltanz einen pflegt. Auch auf der TU kann man fündig werden. Der Universitäre Bereich ist ebenfalls ein sicherer Hafen für Künstler. Dichter Alois Hergouth, ein Mitbegründer des „forum stadtpark“, war am Institut für Volkskunde an der Universität Graz beschäftigt. Außerdem verdienen an zahlreichen Mittelschulen Künstler ihr Brot. Hannes Schwarz, der bedeutenste lebende Maler der Oststeiermark, ebenfalls ein „forum stadtpark“-Gründer, war Jahrzehnte als Lehrer tätig. Im Bereich der Literatur kommt das genauso häufig vor.
Von Alfred Kolleritsch bis Wolfgang Pollanz reichen Beispiele der Lehrer, die auf solche Art von den drückendsten existenziellen Lasten befreit sind und etwa über eine verminderte Lehrverpflichtung Zeit für ihr kulturelles Engagement finden. Bildungseinrichtungen aller Art bieten solche Beispiele. Aber auch Politik und Verwaltung haben Jobs für Kunstschaffende. Andrea Wolfmayr war beispielsweise Nationalsratsabgeordnete und ist heute im Kulturamt der Stadt Graz tätig.
Medienkünstler Niki Passath
Ökonomisch erfolgreiche Freelancer wie Thomas Glavinic sind die Ausnahme. Selbst eine bedeutende Größe der österreichischen Literatur wie H.C. Artmann hat zum Lebensabend materielle Probleme gekannt und durfte sich dafür noch von einem Schnösel wie Jörg Haider vorführen lassen.
Das heißt also unterm Strich, daß Freelancers den geringeren Teil der Kunstschaffenden ausmachen. Unter ihnen, und dafür bin ich selbst ein Beispiel, bemühen sich viele, in kunstnahen Bereichen Geld dazuzuverdienen, weil sich aus nur künstlerischer Praxis kein adäquates Jahreseinkommen ausgeht.
Viele Kunstschaffende üben Brotberufe aus. Recht häufig sind auch Ensembles wie der freischaffender Künstler und die Lehrerin etc., also Ehepaare, bei denen ein Part über ein fixes Einkommen verfügt und dem anderen Teil entsprechenden Freiraum sichert.
Viele Menschen haben nicht einmal die Spur einer zutreffenden Vorstellung vom österreichischen Kunstbetrieb. Da gab es vor Jahren eine Veranstaltung in Weiz, zu der ich eingeladen war, in einer Debatte über die Bedeutung Kunstschaffender in dieser Gesellschaft mitzuwirken. In der Runde saß auch Markus Wilfling. Ich erinnere mich noch an das Staunen einiger Gäste, als sie erfuhren, daß Wilfling KEIN wohlhabender oder zumindest gut situierter Mann ist, denn „er hat es doch geschafft“.
Künstler Markus Wilfling und Kunsthistorikerin Mirjana Peitler-Selakov
Wir leisten uns in Österreich also ein doppeltes Problem. Einerseits herrschen keine realistischen Auffassungen von realen Berufsbildern auf dem Kunstfeld. Andrerseits tun wir selbst offenbar zu wenig oder kaum Angemessenes, um die vorherrschenden Bilder und Klischees zu korrigieren.
Kein Wunder, daß der kulturpolitische Diskurs entsprechend hinkt und holpert, was allerhand dazu beiträgt, daß die sozialen Rahmenbedingungen Kunstschaffender weitgehend inadäquat sind. (Vor allem im Bereich der Steuergesetzgebung und der Sozialversicherung.)
Es muß einigen sehr verschrobenen psychischen Dispositionen zu verdanken sein, wie gerne verwischt wird, daß Kunstschaffende seit Jahrtausenden vor allem einmal Dienstleister waren. Selbst der große Leonardo befand seine künstlerischen Potentiale nachrangig gegenüber den praktischn Fertigkeiten, die er den Fürsten seiner Zeit anbot, um sein Brot zu verdienen.
Ab der Renaissance kennen wir Traditionen, worin der höfliche Dienstleister teilweise zum sebstbewußten Unternehmer wurde. Superstars des Geschäfts wie Brunelleschi oder Cellini sind freilich Ausnahmeerscheinungen geblieben. Jedenfalls haben sie Wege geebnet, damit der individuelle Künstler, dem eine besondere Aura zugeschrieben wird, sich als Einzelpersönlichkeit im Betrieb profilieren, hervorheben kann. Und nur ausnahmsweise wird er auch großen ökonomischen Erfolg schaffen.
In Österreich sind wir teilweise bei einem romantischen Motiv aus Romanen hängengeblieben. Der Bohemien, die Bohemienne, antibürgerlich aufgestellt, alle „bürgerlichen Werte“ und das „Establishment“ verachtend, um doch niemand anderen als Publikum und als Geldquelle zu haben, denn da ist nur die Bourgeoisie, der sich ein Bohemien mit seiner Attitüde und seiner Kritik widmen kann, von der ihm der Lebensunterhalt bezahlt wird.
Solche Klischees und Ressentiments ergeben Gemengelagen des Diffusen, in denen natürlich überhaupt nicht klar sichtbar wird, welche realen und realistischen Berufsbilder auf dem Kunstfeld zu finden sind und welche Bedarfslagen kulturpolitisch zu verhandeln wären.
Ich meine, wer solche Diffusion mehrt, statt durchschneidet, wer sich in solchen Unschärfen geborgen fühlt, statt aus ihnen herauszutreten, ist natürlich verurteilt, in diesen prekären Verhältnissen hängen zu bleiben.
Eine Kulturpolitik, die nicht bloß der Funktionärswelt überlassen ist, sondern auch von der Elgenverantwortung Kunststschaffender getragen wird, müßte solcher Diffusion eigentlich energisch entgegenwirken. Siehe zu diesen Überlegungen auch: „Wovon lebt der Krusche?“ [link]
Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft in der Wechselbeziehung der Möglichkeiten. Alles klar? Na, keineswegs! Und die Frage nach kulturellem Engagement auf der Höhe der Zeit erscheint mir einigermaßen brisant. Sehe ich mich in meinem Metier um, fällt mir auf, daß so allerhand in ganz altvertrauten Bahnen läuft, in denen sich sehr wahrscheinlich kein neues Terrain erreichen läßt.
Dazu gehören auch eingeführte Vorstellungen, wie sich die genannten Genres – Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft – zu einander verhalten sollen, was man von einander erwarten könnte. Um Augenhöhe zu erreichen, sollte sich herausfinden lassen, welche Interessen an welchen Themenstellungen wir teilen. Dazu haben wir uns auf ein Motiv konzentriert, das hier praktisch in jeder Branche so oder so genutzt wird.
„Regionale Identität: eine Illusion oder unsere Wirklichkeit?“ ist das Hauptthema unseres zweiten Abends. Der soll uns auch zu Klarheit führen, zu welchen Aufgabenstellungen wir unsere Kompetenzen allenfalls bündeln möchten.
Also fragen wir in diesem nächsten Schritt unseres Vorhabens, welche Bedeutung „Regionale Identität“ in der Arbeitspraxis einiger exponierter Personen in verschiedenen Metiers der Oststeiermark hat. Es beginnt mit einer Reihe persönlicher Inputs, dann wird der Abend in eine offene Debatte übergeführt, aus der wir einige konkrete Aufgabenstellungen für die kommenden Schritte mitnehmen wollen.
Primäre Inputs
+) Werner Höfler (Landwirt, Bürgermeister, Hofstätten a.d. Raab)
+) Erwin Stubenschrott (Unternehmer, KWB)
+) Kurt Winter (IT-Fachmann, Wirtschaftskammer)
Funktionstragende
+) Iris Absenger-Helmli (LEADER-Managerin, „Energie-Region“)
+) Karl Bauer (Tierarzt, Gemeinderat Gleisdorf)
+) Sandra Kocuvan (Fachreferentin, Kulturabteilung d. Landes Steiermark)
Mittwoch, 25. Januar 2012
Beginn: 18:00 Uhr KWB – KRAFT UND WÄRME AUS BIOMASSE GMBH
Industriestraße 235, St. Margarethen
Das Basis-Team:
+) Horst Fickel (Techniker)
+) Gerhard Flekatsch (Künstler, Verein „bluethenlese“)
+) Martin Krusche (Künstler, Verein „kunst ost“)
+) Mirjana Peitler-Selakov (Kunsthistorikerin, Verein „kultur.at“)
Die Anordnung trägt eine kuriose Doppeldeutigkeit in sich. Einerseits handelt sie davon, wer wem einen Auftrag erteilen darf. Andrerseits meint sie Aufstellungen und Relationen, also auch, wie sich Positionen zu einander verhalten.
Ich hab in einem vorherigen Beitrag von Architekt Winfried Lechner erzählt und von seinen Berufserfahrungen mit regionalen Codes, ungeschriebenen Regeln und gesellschaftliche Zusammenhänge, die selbst innerhalb der Steiermark erheblich differieren: [link] Zu unserem Thema „Regionale Identität: eine Illusion oder unsere Wirklichkeit?“ hab ich inzwischen noch weitere Vorgespräche geführt.
IT-Fachmann Kurt Winter
Zum Beispiel mit Kurt Winter, der einerseits in der IT-Branche tätig ist, andrerseits hier im Raum Gleisdorf die Wirtschaftskammer repräsentiert. Er erzählte mir von erstaunlichen Erfahrungen, etwa bei Gewerkschaftsverhandlungen, wo zum Beispiel eine falsch gewählte Sitzordnung den Abbruch einer Gesprächsrunde bedeuten könne. Ganz zu schweigen von Fronstellungen, die sich auch in der Anordnung der Sitzmöbel ausdrücke.
Wir haben es da also mit sehr ambivalenten Spielarten des menschlichen Umgangs mit einander zu tun. Einerseits sind Rituale offenbar hilfreich, Gemeinschaft zu ordnen und auf die Art Regelsysteme zu nutzen, die es auch aus sehr unterschiedlichen Positionen heraus möglich machen, an Konsens zu arbeiten und zu Kooperation zu führen. Auf der anderen Seite kann genau das auch zur leeren Geste werden, die blockiert.
Wir kennen das Problem natürlich ebenso im Kunstbetrieb. Das Ringen um Balance zwischen Eigennutz und Gemeinwohl wird gerade im Kontext kultureller Vorhaben ganz gerne ausgesetzt; zugunsten einer angeblichen Verteidigung einer nicht näher begründeten „Freiheit der Kunst“. Damit wir uns recht verstehen, ich argumentiere hier nicht gegen diese Freiheit, sondern bloß gegen eine wahllose Berufung darauf.
Pro beteiligter Person je ein eigenes Universum
In „KWW: Genres, Codes und Perspektiven“ [link] hab ich das Thema „Begegnung in Augenhöhe“ angerissen. Die hat zwei sehr simple Voraussetzungen. Interesse an der jeweils anderen Position und grundlegender Respekt vor dem, was man selbst nicht repräsentiert. Diese beiden Voraussetzungen haben ihrerseits Voraussetzungen. Nämlich mindestens diese, gut eingeführte Klischees und Ressentiments hinter sich zu lassen.
Rituale und Anordnungen meint hier als Negativbeispiel das ewig gleiche Abfeiern populärer Klischees, um in die ewig gleichen Abwehrstellungen zu einander zu gehen, aus denen heraus dann womöglich Kooperation erwachsen soll. Durch welches Mirakel derlei gelingen könnte, ist mir ein weit größeres Mirakel.
Wir haben nun im Gesamtzusammenhang „Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft“ gut eingeführte Klischee-Kataloge auf dem Tisch, welche sich in einer Garnitur von Überschriften zusammenfassen lassen. Demnach würden die Kunstschaffenden nur auf sich schauen, die Wirtschaftsleute nur aufs Geld und die Leute der Wissenschaft nur in die Luft, weil da, irgendwo, die Theorie sei.
Ich gehe davon aus, daß unsere Projektarbeit im aktuellen Zusammenhang unter anderem genau das leistet: Die realen Intentionen und Handlungsweisen HINTER solchen Ressentiments greifbarer zu machen, um folglich brauchbare Ausgangspunkte für interessante Kooperationen zu haben.
Regionale Identität: eine Illusion oder unsere Wirklichkeit?
(Konferenz und öffentlich zugängliches Arbeitstreffen)
Mittwoch, 25. Januar 2012
[link]
Wir haben bei “kunst ost” ein Rahmenkonzept für den Jahreslauf erarbeitet, das sich bewährt. Das „April-Festival“ ist jeweils der Schwerpunkt des ersten Halbjahres. Da liegt der Fokus auf den Beiträgen regionaler Kräfte. Im zweiten Halbjahr setzen wir den Schwerpunkt stets auf Kunstprojekte im internationalen Kontext. Den „Angelpunkt“ des ganzen Jahres bildet der „FrauenMonat“, den wir rund um den Juni entfalten: [link]
Von links: Mirjana Peitler-Selakov, Selman Trtovac und Sabine Häsngen
Dieses Grundmuster schafft Fixpunkte, die durch kleine, sehr flexible Aktivitäten verbunden werden. Der herbstliche Kunstschwerpunkt war nun 2011 erstmals außerhalb der Landesgrenzen angelegt. „Virtuosi of Deception. An insight into the universe of the group Collective Actions.” als ein Ereignis in Serbien, zu Gast bei “The Third Belgrade 2011”; das hat seine Wurzeln in unserem 2010er-Herbstschwerpunkt.
Mit „the track: virtuosen der täuschung“ boten wir: „Einen Einblick in das Universum der Gruppe ‚Kollektive Aktionen'“: [link] Damit hatten wir eine der international bedeutendsten Konzeptkunst-Formationen der Gegenwart zu Gast. Und nicht nur das, es entspann sich daraus eine längerfristige Kooperation. Die führte uns im Herbst 2011 an die Ufer der Donau.
Von links: Sergej Letov, Mirjana Peitler-Selakov und Sabine Hänsgen
Das hatte dann eine Reflexionsebene mit einigen Stationen in der Oststeiermark, das spielte sich ferner on the road ab und das löste sich in einer großen, mehrteiligen Station in Beograd ein, bei der die Gruppe „Treci Beograd“ federführend war. Siehe „the track: archive (to recover some context)“: [link]
Fußnote: Der serbische Künstler Selman Trtovac, einer der maßgeblichen Akteure von “Treci Beograd”, wird heuer als Artist in Residence im Grazer “Rondo” ordinieren: [link] In der Zeit werden wir uns mit ihm auch in der Oststeiermark etwas vornehmen. Das wird seine künstlerische Praxis betreffen, aber auch sein kulturelles Engagement; eine weitere Erörterung des Themas „Kollaborative Arbeitsweisen zur Gegenwartskunst“; siehe: [link]
Aber zurück zu den „Kollektiven Aktionen“. Sergej Letov hat nun begonnen, jene Tage und Ereignisse in Serbien auf der KA-Website zu dokumentieren: >>The installation „Virtuosi of deception“ in “3. Beograd” (October 2012) consisted of a photo- and text-documentation, 2 video projections (Russian World / 1985; The tenth notebook / 1994) and an arrangement of definition texts (the terms of the „Collective Actions“) from the “Dictionary of Moscow conceptualism” shown on the windows of the exhibition hall. Curated by Sabine Hänsgen (D) & Mirjana Peitler-Selakov (A/SRB)<<
Hier der Link zu dieser Dokumentation: [link]
Siehe dazu auch: „altes ufer, neue optionen“ [link]
Das Thema „Regionale Identität: eine Illusion oder unsere Wirklichkeit?“ ergibt einen Angelpunkt, über den sich sehr unterschiedliche Genres in Wechselwirkung bringen lassen. Das ist für uns wichtig, wenn wir eine Begegnung in Augenhöhe bevorzugen und im kulturellen Engagement auf Kooperation setzen; so ein Schnittpunkt, bei dem selbst sehr gegensätzliche Positionen einen gemeinsamen Ausgangspunkt finden.
Bürgermeister Werner Höfler
Wir haben uns bemüht, für den Abend am 25. Jänner Personen zusammenzubringen, die aus ihrer Arbeitspraxis sehr konkrete Ansichten haben, was die Region sei und welche Fragen zum Thema Identität dabei augenblicklich vorrangig erscheinen.
In der Verständigung zu diesem Abend fällt auf: Exponierte Leute sind oft in Personalunion für mehrere Felder repräsentativ. So wird etwa Kurt Winter dabei sein, der einerseits beeideter Sachverständiger in der IT-Branche ist, andrerseits Gleisdorfer Wirtschaftsbund-Obmann. Winter ist also einerseits lokaler Wirtschaftstreibender, andrerseits bringt er Sichtweisen von der Landesebene her ein, nimmt an diesem Abend im Namen von Landesrat Christian Buchmann teil.
Gastgeber und KWB-Geschäftsführer Erwin Stubenschrott ist nicht nur ein bemerkenswertes Beispiel für unternehmerische Kreativität, er hat auch in Fragen des sozialen Klimas und dessen Bedingungen in der Region äußerst klare Vorstellungen.
LEADER-Managerin Iris Absenger-Helmli
Werner Höfler steht für die erhebliche Komplexität, welche wir im Lauf der regionalen Dinge heute finden. Als aktiver Landwirt ist er in Fragen der agrarischen Welt sachkundig. Als Bürgermeister von Hofstätten a.d. Raab hat er mit den Anliegen des Handwerks, der Industrie und des Speditionswesens zu tun, weil diese Metiers in der Gemeinde präsent sind.
Nun ist Hofstätten einerseits das Ergebnis einer vormaligen Zusammenlegung mehrerer Katastralgemeinden, andrerseits heute aber auch Teil der „Kleinregion Gleisdorf“, die dieses Thema Zusammenlegung erneut durchläuft. Überdies ist Hofstätten die südlichste Gemeinde der „Energie-Region Weiz Gleisdorf“, einer LEADER-Region.
Apropos! LEADER-Managerin Iris Absenger-Helmli wird auch an diesem Abend teilnehmen. Sie hat nun seit Jahren damit zu tun, Interessenslagen in den vielschichtigen Überlagerungen von Regionalkonzepten zu moderieren, aber auch im Kräftespiel zwischen einzelnen Gemeinden zu bestehen, die bei unterschiedlicher Größe auch höchst unterschiedliche wirtschaftliche Potenz haben; je nach betrieblicher Verfassung.
Wir werden ferner Sandra Kocuvan von der Kulturabteilung des Landes Steiermark hören. Sie ist unter anderem für das Festival „regionale“ und für die steirischen „LEADER Kulturprojekte“ zuständig.
Außerdem hat Tierarzt Karl Bauer sein Kommen zugesagt. Er ist als Gleisdorfer Gemeinderat mit der Kommunalpolitik vertraut, hat aber auch Erfahrung als Unternehmer.
Nicht zu vergessen, daß wir im „Basis-Team“ (Fickel, Flekatsch, Krusche & Peitler-Selakov) selbst den gesamten Themenblock „Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft“ repräsentieren. Sie ahnen schon, unser Tun ist einem Möglichkeitsraum gewidmet, der meint: Den Ort, die Region, das Land und internationale Anknüpfungspunkte.
Es geht aktuell vor allem einmal um ein Ausloten: Was sind a) relevante Fragen und b) naheliegende Aufgabenstellungen, die uns quer durch diese Genres gleichermaßen interessieren und beschäftigen?
Falls wir darüber Klarheit finden, falls die Verständigung zwischen Leuten gelingt, die berufsbedingt doch ganz verschiedene Codes pflegen, dürften sich daraus interessante Perspektiven ergeben.
Regionale Identität: eine Illusion oder unsere Wirklichkeit?
(Konferenz und öffentlich zugängliches Arbeitstreffen)
Mittwoch, 25. Januar 2012
[link]
Ich sehe die mittlerweile sehr moderate Kontroverse um das Grazer Kunsthaus als Anlaßfall für Debatten, als einen Kasus, in dem ein bescheidener Weckruf steckt. Aus der ursprünglichen Frontstellung ist eigentlich nichts geworden. Die gängige Klamotte hatte exponierte Rollen für a) Landeskulturreferent Buchmann, b) Joanneum-Boss Pakesch und c) ein heterogenes Bündel an Kunst- und Kulturschaffenden parat.
In der frühen Phase dieser Geschichte sorgte ein sehr anregendes Papier „Zur Lage der bildenden Kunst in Graz“ [link] für einen Akzent, der zum Ausgangspunkt taugte. Es ist mir nicht aufgefallen, daß die angeblichen „Hauptgegner“ Buchmann und Pakesch dem energisch widersprochen hätten. Auch ist die stellenweise „Kriegsrhetorik“ aus der Berichterstattung früherer Tage inzwischen verschwunden. Es könnte also interessant werden.
Grübeln für Unerschrockene: "Was will der Künstler, was die Künstlerin?"
Wir warten wohl alle noch gespannt, wie sich Landeskulturbeirat und Landesrat Buchmann zu den eingereichten Projektpapieren in der Sache äußern werden. Inzwischen haben „Krone“ und „Kleine Zeitung“ eine ganze Reihe von Statements zum kulturpolitischen Status quo publiziert. Einiges davon ist online zu finden; siehe die (vermutlich unvollständige) Übersicht: [link]
Etwas unklar ist nach wie vor das öffentliche Agieren der IG Kultur Steiermark. Ohne jeden Zweifel waren es vor allem IG-Leute, die eine Formation initiiert und begleitet haben, welche sich auf dieser Website präsentiert: [link] Doch formelle IG-Statements betonen, dies sei KEINE Initiatve der IG, sondern, wie das Impressum der Site besagt, eine „Arbeitsgruppe steirischer Künstler*innen für ein selbstverwaltetes Künstler*innenhaus Graz“.
Eine nic.at-Abfrage nennt die „werkstadt graz“ [link] und Joachim Baur als Inhaber der Domain. Ein allfälliges Mission Statement von ihm oder seiner Einrichtung habe ich nicht finden können. Er ist auch nicht unter den Leuten des „Einser-Papiers“ [link] genannt.
Es ist also nach wie vor nicht so leicht, halbwegs flott zu überblicken, wer nun genau welche Erwartungen bezüglich Künstlerhaus hegt. Ich kann nur hoffen, daß der Landeskulturreferent, dem nun eine zukunftsweisende Entscheidung abverlangt wird, sich etwas besser informiert fühlen darf.
Eines teilt diese Formation, die „Arbeitsgruppe steirischer Künstler*innen“, mit etlichen anderen Gruppierungen, die Ansprüche auf inhaltliche Gestaltung und zukünftige Nutzung des Künstlerhauses stellen. Sie hat bis dato kein Konzept auf dem Tisch, vermutlich auch in keiner Schublade.
Mit der wundersamen Vermehrung von Fisch, Brot und roten Rüben sind wir noch nicht rchtig vorangekommen.
Was als sogenanntes „Manifest“ bisher manifest geworden ist, würde bei keiner mir bekannten Förderstelle auch nur die Spur einer Aussicht auf Kofinanzierung finden: [link] Es sind etliche Formationen, Initiativen und Verbände damit befaßt, sich eine Nutzung des Hauses auszumalen. Leider suche ich auf den diversen Websites dieser Einrichtungen vergeblich nach aufschlußreichen Proklamationen, kulturpolitischen Statements oder themenbezogenen Diskursen.
Auch längst eingeführte Plattformen bieten eher magere Informationen. Die IG Kultur Steiermark ist in Sachen Inputs von einer in Wien gestarteten Kampagne (der bundesweiten Ländervertretung) dominiert: „Fair pay“ [steirischer link] [wiener Link]
Immerhin: „Die IG Kultur Steiermark ist ein Zusammenschluss steirischer Kulturinitiativen und agiert als kulturpolitische Interessensvertretung.“ Die Mitglieder, gut, einige, aber doch recht überschaubar: [link]
Dennoch genug Leute aus dem Metier, das könnte für ein, zwei Jahre kritischen Diskurs zur Kulturpolitik gut sein. Der würde mit Sicherheit weder in Politik noch Verwaltung ignoriert werden. Bloß, da IST kein öffentlicher Diskurs zur Sache. Und falls es einen privaten gibt, dringt davon eher nichts nach außen.
Klicken Sie einen beliebigen Link auf der Mitglieder-Liste an, ich hab’s gerade gemacht: Vier Stichproben, nichts. Oder wie wäre es mit „KIG! Kultur in Graz“, weil nämlich eine „Plattform für interdisziplinäre Vernetzungsarbeit, mit Veranstaltungskalender und Diskussionsforum“? [link] Nein, heute nicht. Kein aktueller Diskurs. Vielleicht nächstes Jahr.
Daß nun diese exponierten Angelpunkte in der aktuellen Sache – Künstlerhausdebatte – weitgehend beitragsfrei aufzufinden sind und speziell die Projektsite zum Thema [link] wie ein toter Briefkasten im Web hängt, wirft kein gutes Licht auf den Stand der Dinge. Es stellt sich vor allem die Frage: Was ist, wenn da nichts ist? Nämlich nichts an nachvollziehbaren Gründen und elaborierten Ansprüchen?
Was will ich damit eigentlich sagen? Mir fällt auf, daß die „primären Kräfte“, also Kunst- und Kulturschaffende der Steiermark, potentiell, aber eben nur potentiell, über eine erhebliche Medienmacht verfügen. All diese Initiativen und Einrichtungen verfügen gewöhnlich über eigene Printmedien oder haben adäquate Zugänge, betreiben eine Website, könnten in freien und in privaten Radios Präsenz pflegen.
Das könnte ein Diskursfeld und ein Ausmaß selbstbestimmter Öffentlichkeit ergeben, an dem – wie schon angedeutet – weder Politik noch Verwaltung vorbeikämen. Doch was ereignet sich? Es braucht eine konventionelle „Kleine Zeitung“, die ihr Personal losschickt, um über ganz herkömmliche journalistische Arbeit kluge Ansichten wie etwa die von Autor Johannes Schrettele zum Klingen zu bringen.
Wer immer sonst noch prätentiös rund ums Künstlerhaus herumsteht, freut sich vielleicht, sogar in der „Krone“ einige Statements von Gewicht nachlesen zu können. Doch viel mehr ist in der medial generierten Öffentlichkeit der Steiermark momentan nicht zu finden. Das Gros meiner Leute folgt offenbar dem Rat, den mir der oststeirische Bauer Richard Hubmann kürzlich augenzwinkernd zukommen ließ: „Da hilft nur eines: Kompromisslos weitersudern!“
Die Vorgeschichte erstreckt sich über mehrere Jahre, nun bündeln wir das mit aktuellen Perspektiven. Dieses Team arbeitet an Beispielen der Best Practice in gemeinsamen Projekten von Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft. Damit loten wir auch aus, welche neuen Beziehungsformen diese Kombination zuläßt.
Am vertrautesten Beispiel festgemacht, das Sponsoring-Phantasma: Die Künstlerin kommt zum Unternehmer und sagt: „Gib DU mir ein Geld, damit ICH was mache, DU wirst auch davon profitieren.“ Das ist a) eine antiquierte Pose und b) urbanen Konzepten entlehnt. „Wir machen, ihr zahlt.“ Diese Orientierung überzeugt mich nicht.
Von den Mühen, seine sieben Zwetschken zusammenzubekommen...
Es ist höchst unwahrscheinlich, daß sich dieser Modus a) abseits des Landeszentrums und b) im Kontext Gegenwartskunst bewährt, so lange es nicht um repräsentative Vorhaben geht. Außerdem verschenkt dieser Zugang die Frage, welche aktive Rolle allenfalls Unternehmer selbst im Kulturgeschehen der Region finden könnten. Im Sinne von aktiv, gestaltend, kommunizierend, nicht bloß über das „Medium Geld“.
Also habe ich zum Ausgangspunkt gefragt: Worin treffen wir uns allenfalls? Welche Fragestellungen teilen wir eventuell? Und zwar auch mit Leuten aus der Wissenschaft. Unser aktueller Arbeitsansatz geht von einer Problemlage aus, welche JEDES dieser Metiers berührt:
Die zunehmende Fragmentierung der Gesellschaft.
Daraus resultiert unter anderem eine starke Erosion sozialer Stabilität und ein wachsender Kompetenzverlust in allen Bereichen. Folglich sehen viele Menschen eine Institution, einen Betrieb, eine Gemeinde, einen Staat zunehmend als Mischung aus Service-Station und Selbstbedienungsladen.
Daher beschäftigen uns hier Verfahrensweisen und Projekte, bei denen in der Kooperation der drei Metiers Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft das Interesse an Partizipation steigen kann, weil wir miteinander sehr anregende Arbeitssituationen erleben.
Es geht um Partizipation statt Konsumation!
Und zwar als einer Orientierung, in welcher Zusammenarbeit Vergnügen macht und Problemlösungskompetenzen wachsen. Allein die bisherige Praxis von „kunst ost“ belegt, daß diese Möglichkeit zwar von einigen Hürden umstellt, doch erreichbar ist.
Wir schaffen Gelegenheiten und Kontinuität, um zu gemeinsamen Vorhaben zu finden, in denen die weitreichende Verschiedenenheit dieser drei Genres kein Ausschließungsgrund ist. Ganz im Gegenteil! Im Kennenlernen der verschiedenen Arbeitsbedingungen und Codes liegt ein wechselseitiger Gewinn.
Unser Ziel hat zwei Fokusbereiche:
+) Ein Gewinn an Kenntnis von einander: Wie läuft es da und welche Prioritäten stehen auf der Liste ganz oben?
+) Die Entwicklung und Realisierung gemeinsamer Vorhaben.
Deshalb verständigen wir uns zum Auftakte über:
+) relevante Fragen und
+) interessante Aufgaben,
die wir in den Genres Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam haben. Darum auch die aktuelle Fragestellung:
„Regionale Identität: eine Illusion oder unsere Wirklichkeit?“
[Die Veranstaltung]
…denn das ist ein Themenzusammenhang, mit dem wir auf jedem der drei Felder praktische Erfahrungen haben. Wir möchten die unterschiedlichen Deutungen und Gewichtungen kennenlernen, um so das „gemeinsame Feld“ ausloten zu können, von dem aus sich zu nächsten Schritten aufbrechen läßt.
Am Donnerstag, dem 19. Jänner, wird um 19:30 Uhr eine Ausstellung von Herta Tinchon und Christoph Urban eröffnet. Und zwar im Grazer ORF-Zentrum (Marburgerstraße 20).
Kurator Werner Wolf („Museum der Wahrnehmung“) hat auf Kongruenz und Kontrapunkt gesetzt, die Frage nach Konfrontation oder Harmonie aufgeworfen.