Wovon handelt Kulturpolitik? #12

Kunstschaffende, die rein aus ihrer Kunstproduktion ein annehmbares Jahreseinkommen erwirtschaften, sind in Österreich die Ausnahme. Solche Leute können sie in vielen Genres mit der Lupe suchen. Es bleibt ein Rätsel, warum genau dieser Typ von Professional das dominante Rolemodel der Branche sein soll und überdies noch mit allerhand moralischen Implikationen behängt wird.

Viele Berufsgruppen kennen Freelancers. Der „freischaffende Künstler“ ist in Österreich bloß eine Variation und auf dem Feld der Kunst keineswegs das Hauptereignis. Leute von Rang haben zum Beispiel Lehraufträge; wie etwa Brigitte Kowanz oder Niki Passath an der Angewandten in Wien.

Der Weizer Maler Hannes Schwarz

Die FH bietet auch attraktive Anstellungen, wie in Graz beispielsweise Melitta Moschik eine inne hat, oder Lehraufträge, wie Jörg Vogeltanz einen pflegt. Auch auf der TU kann man fündig werden. Der Universitäre Bereich ist ebenfalls ein sicherer Hafen für Künstler. Dichter Alois Hergouth, ein Mitbegründer des „forum stadtpark“, war am Institut für Volkskunde an der Universität Graz beschäftigt. Außerdem verdienen an zahlreichen Mittelschulen Künstler ihr Brot. Hannes Schwarz, der bedeutenste lebende Maler der Oststeiermark, ebenfalls ein „forum stadtpark“-Gründer, war Jahrzehnte als Lehrer tätig. Im Bereich der Literatur kommt das genauso häufig vor.

Von Alfred Kolleritsch bis Wolfgang Pollanz reichen Beispiele der Lehrer, die auf solche Art von den drückendsten existenziellen Lasten befreit sind und etwa über eine verminderte Lehrverpflichtung Zeit für ihr kulturelles Engagement finden. Bildungseinrichtungen aller Art bieten solche Beispiele. Aber auch Politik und Verwaltung haben Jobs für Kunstschaffende. Andrea Wolfmayr war beispielsweise Nationalsratsabgeordnete und ist heute im Kulturamt der Stadt Graz tätig.

Medienkünstler Niki Passath

Ökonomisch erfolgreiche Freelancer wie Thomas Glavinic sind die Ausnahme. Selbst eine bedeutende Größe der österreichischen Literatur wie H.C. Artmann hat zum Lebensabend materielle Probleme gekannt und durfte sich dafür noch von einem Schnösel wie Jörg Haider vorführen lassen.

Das heißt also unterm Strich, daß Freelancers den geringeren Teil der Kunstschaffenden ausmachen. Unter ihnen, und dafür bin ich selbst ein Beispiel, bemühen sich viele, in kunstnahen Bereichen Geld dazuzuverdienen, weil sich aus nur künstlerischer Praxis kein adäquates Jahreseinkommen ausgeht.

Viele Kunstschaffende üben Brotberufe aus. Recht häufig sind auch Ensembles wie der freischaffender Künstler und die Lehrerin etc., also Ehepaare, bei denen ein Part über ein fixes Einkommen verfügt und dem anderen Teil entsprechenden Freiraum sichert.

Viele Menschen haben nicht einmal die Spur einer zutreffenden Vorstellung vom österreichischen Kunstbetrieb. Da gab es vor Jahren eine Veranstaltung in Weiz, zu der ich eingeladen war, in einer Debatte über die Bedeutung Kunstschaffender in dieser Gesellschaft mitzuwirken. In der Runde saß auch Markus Wilfling. Ich erinnere mich noch an das Staunen einiger Gäste, als sie erfuhren, daß Wilfling KEIN wohlhabender oder zumindest gut situierter Mann ist, denn „er hat es doch geschafft“.

Künstler Markus Wilfling und Kunsthistorikerin Mirjana Peitler-Selakov

Wir leisten uns in Österreich also ein doppeltes Problem. Einerseits herrschen keine realistischen Auffassungen von realen Berufsbildern auf dem Kunstfeld. Andrerseits tun wir selbst offenbar zu wenig oder kaum Angemessenes, um die vorherrschenden Bilder und Klischees zu korrigieren.

Kein Wunder, daß der kulturpolitische Diskurs entsprechend hinkt und holpert, was allerhand dazu beiträgt, daß die sozialen Rahmenbedingungen Kunstschaffender weitgehend inadäquat sind. (Vor allem im Bereich der Steuergesetzgebung und der Sozialversicherung.)

Es muß einigen sehr verschrobenen psychischen Dispositionen zu verdanken sein, wie gerne verwischt wird, daß Kunstschaffende seit Jahrtausenden vor allem einmal Dienstleister waren. Selbst der große Leonardo befand seine künstlerischen Potentiale nachrangig gegenüber den praktischn Fertigkeiten, die er den Fürsten seiner Zeit anbot, um sein Brot zu verdienen.

Ab der Renaissance kennen wir Traditionen, worin der höfliche Dienstleister teilweise zum sebstbewußten Unternehmer wurde. Superstars des Geschäfts wie Brunelleschi oder Cellini sind freilich Ausnahmeerscheinungen geblieben. Jedenfalls haben sie Wege geebnet, damit der individuelle Künstler, dem eine besondere Aura zugeschrieben wird, sich als Einzelpersönlichkeit im Betrieb profilieren, hervorheben kann. Und nur ausnahmsweise wird er auch großen ökonomischen Erfolg schaffen.

In Österreich sind wir teilweise bei einem romantischen Motiv aus Romanen hängengeblieben. Der Bohemien, die Bohemienne, antibürgerlich aufgestellt, alle „bürgerlichen Werte“ und das „Establishment“ verachtend, um doch niemand anderen als Publikum und als Geldquelle zu haben, denn da ist nur die Bourgeoisie, der sich ein Bohemien mit seiner Attitüde und seiner Kritik widmen kann, von der ihm der Lebensunterhalt bezahlt wird.

Solche Klischees und Ressentiments ergeben Gemengelagen des Diffusen, in denen natürlich überhaupt nicht klar sichtbar wird, welche realen und realistischen Berufsbilder auf dem Kunstfeld zu finden sind und welche Bedarfslagen kulturpolitisch zu verhandeln wären.

Ich meine, wer solche Diffusion mehrt, statt durchschneidet, wer sich in solchen Unschärfen geborgen fühlt, statt aus ihnen herauszutreten, ist natürlich verurteilt, in diesen prekären Verhältnissen hängen zu bleiben.

Eine Kulturpolitik, die nicht bloß der Funktionärswelt überlassen ist, sondern auch von der Elgenverantwortung Kunststschaffender getragen wird, müßte solcher Diffusion eigentlich energisch entgegenwirken. Siehe zu diesen Überlegungen auch: „Wovon lebt der Krusche?“ [link]

[überblick]

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffend
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