Erinnern und Erzählen

Aleida Assmann, seit vielen Jahren mit dem Thema kulturelles Gedächtnis befaßt, sagte in einem Gespräch mit Jakob Augstein, das Erinnern sei „ja sehr eng mit dem Erzählen verbunden“. Das verträgt sich sehr gut mit der Forderung, heute neu in Dimensionen eines Europas zu denken, eine aktuelle Idee von Europa zu entwickeln.

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Omertà

Falls Sie Krimis lieben und jene mögen, die von der Mafia handeln, kennen sie den Begriff Omertà. Die Schweigepflicht. Keiner redet. Nichts wird verraten. Niemand muckt auf. Es herrscht Ruhe im Schuppen.

Das Gleisdorfer Wappen handelt unter anderem vom Verhältnis zwischen Untertanen und Obrigkeit.

In der ständischen Gesellschaft der Feudalzeit war streng geregelt, in welcher Richtung sich Unmut entladen durfte. Ganz klar: von oben nach unten. Umgekehrt wäre das als etwas zwischen Unbotmäßigkeit und Rebellion bewertet worden. Das Stadtwappen von Gleisdorf erinnert an so eine Situation. Falls sie gelegentlich vor dem Rathaus stehen, blicken Sie nach oben!

Die rote Farbe im Wappen soll an ein spezielles Blutbad erinnern. Am Rennfeld, wo heute eine adrette Siedlung besteht, wurde 1515 ein Bauernheer in einer von drei wesentlichen Schlachten niedergeschlagen. Dazu sollte man wissen, daß Bauern völlig verzweifelt sein mußten, um sich aufzubäumen und den bewaffneten Verbänden der Herrschaft zu stellen. Das geschah, wenn die Abgabenlast zu groß wurde, wenn man sich bloß noch von Hungerrevolten eine Besserung der Verhältnisse versprechen konnte etc.

Kein Fürst konnte derlei Aufbegehren allerdings dulden, weshalb das von der Obrigkeit mit demonstrativer Gewalttätigkeit geahndet wurde. Franz Arnfelser notierte dazu in seiner Gleisdorf-Chronik von 1928:

Frondiensts Plage, elende Lage
Ward den Bauern zur Pein.
Da wurde sie alle rebellisch:
Es strafte sie Herberstein.

Der Aufstand begann in der deutschen Sprachinsel Gottschee erfaßte bald das gesamte Herzogtum Krain, reichte in die Steiermark. Die Bauern verlangten die „stara prava“, die „alte Gerechtigkeit“. Das bedeutet, die Grundherren sollten sich mit jenen seit alters in den Urbaren verzeichneten Abgaben zufrieden geben und nicht stets neue dazu erfinden.

Das Rennfeld-Kreuz erinnert an die Schlacht, in der die geschundenen Bauern zurechtgewiesen wurden.

Das ist zum Glück Geschichte. Doch noch meine Eltern und vor allem meine Großeltern lebten in Systemen, da konnte es noch harte Konsequenzen setzen, sogar das Leben kosten, wenn man die Herrschaft kritisierte. Die Habsburger verstanden dabei keinen Spaß, die Nazi noch weniger.

Heute sind wir es gewohnt, daß man seine Ansichten öffentlich äußern kann, daß auch Kritik möglich und im günstigsten Fall sogar erwünscht ist. Nun hat uns Österreichs Regierung in jüngerer Vergangenheit mit ihrer Praxis der Message Control nicht gerade ein rühmliches Vorbild gegeben. Wir konnten zum Beispiel in unzähligen TV-Gesprächen erleben, wie aggressiv Funktionstragende über Menschen mit anderer Meinung herfielen. Das erinnerte sehr an alte Hierarchien in einer ständischen Gesellschaft.

Aber wir kennen seit dem 19. Jahrhundert markante Beispiele von Intellektuellen, die sich in öffentliche politische Diskurse einbringen, ohne von Regierungen erwünscht zu sein. Schriftsteller, Journalisten, allerhand intellektuelle Kräfte, von denen die Deutungshoheit Herrschender angefochten wurde.

Das vermutlich schillerndste Beispiel ist der Schriftsteller Émile Zola, als er 1898 mit seinem „J’accuse …!“ („Ich klage an …!“) den Staat herausforderte. Seither machen unsere Leute höchst wechselhafte Erfahrungen, was passiert, wenn man Dinge offen benennt. Wie schon angedeutet, das ist alles keineswegs vom Tisch.

Was ich eben erst im Text Ein holperndes Hoppala berichtet hab, führte zu ein paar bemerkenswerten Reaktionen, vor allem aber zu gar keinen. Da war viel Schweigen unter den Kreativen der Region. Omertà?

Bei der Abschlußveranstaltung des Literaturwettbewerbes „Wortschatz 2019“ hatte man Künstlerin Herta Niederl-Lehmann vor Publikum ein eine demütigende Situation gebracht. Sie war fälschlich als Preisträgern hervorgehoben und auf die Bühne gebeten worden, mußte den Irrtum dort vor allen Leuten aussitzen, blieb dieser Unannehmlichkeit ausgeliefert, ohne daß jemand von offizieller Seite helfend eingegriffen hätte. Es war dann Schauspieler Peter Simonischek, der die Sache zu einem Ende brachte.

Aber auch hinterher fand es niemand nötig, sich etwa zu entschuldigen. Ehemann Winfried Lehmann teilte mir mit, es habe noch immer keine Stellungnahme oder Entschuldigung gegeben. Im Gegenzug rief mich Irmgard Eixelberger an, deren Text eigentlich prämiert worden war, die man aber einzuladen vergessen hatte. Sie ließ mich wissen, Simonischek werde im Herbst nach Gleisdorf kommen, um ihr den versäumten Preis zu überreichen.

Es ist oft überraschend, zu welchen Ereignissen und Erfahrungen uns kleine Momente der Geschichtsbetrachtung führen.

Es gab übrigens kaum öffentliche Reaktionen auf den Bericht über diesen Vorfall. Die deutlichsten Worte fand Musiker Alex Deutsch, der meinte, man müsse „Verantwortung übernehmen und sich bei allen entschuldigen, ein Mindestaufwand, aber ein Fremdwort heutzutage – beschämend“. Darüber hinaus erreichten mich meist bloß persönliche Nachrichten. Darunter eine, die den Funktionstragenden zu denken geben sollte, lautend: „Danke, gehört ja auch Mut dazu, könnte ja auch geschäftliche Folgen nach sich ziehen, bzw. tut es eh…“

Falls es schon Mut bräuchte, um in so einem Fall die Faktenlage zu berichten, sollten wir uns um unsere Demokratie eventuell Sorgen machen. Ich fände es erfreulich, wenn Politik und Verwaltung verdeutlichen, daß uns diese Sorge nicht zu quälen braucht. Das wäre ein angemessener Dienst am Staat.

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Ein holperndes Hoppala

Als Hoppala bezeichnet man in Österreich einen kleine Ausrutscher, eine eher harmlose Fehlleistung, die geeignet ist, Menschen zu unterhalten. Dem war zum Beispiel in den 1980er Jahren eine ganze Sendereihe gewidmet, die der populäre Peter Rapp moderiert hat.

Schauspieler Peter Simonischek
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Güterverschiebungen

„Nichts gehört der Vergangenheit an. Alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“ Diese Aussage wird dem Juristen Fritz Bauer zugeschrieben, der einst als Generalstaatsanwalt in den Frankfurter Auschwitzprozessen exponiert war.

Seine hier formulierte Auflassung ist nicht nur in politischen und zeitgeschichtlichen Kategorien anregend, die hat auch im Kulturbereich einige Brisanz. Damit ist allerdings keinerlei „Traditionsschützerei“ gemeint, auch keine klassizistische Pose. Es läßt darüber nachdenken, wie Denkweisen und Handlungskonzepte über Generationen hinweg wirken, gelegentlich verblassen, auch ruhen, und plötzlich wieder sehr virulent werden.

Tradierte Motive und Antwortvielfalt als kulturelles Grundprinzip: Es fällt vielleicht nicht gleich auf, aber der Baumarkt ist heute ein spezieller Schmelztiegel von Kulturen und kulturellen Konzepten.
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Nonnen-Kitsch

Weshalb mischt sich ein Künstler in diese politischen Angelegenheiten ein? Wozu dieses Exponieren? Wäre es nicht hinreichend, sich in diesem Metier dem Schönen zu widmen und die Menschen zu erfreuen? Oder anders gestrickt: Mindestens die letzten tausend Jahre waren Künstler der Herrschaft dienstbar und bissen nicht die Hände, von denen sie gefüttert wurden.

Der Kowalska-Jesus in Eichkögl
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