Gehen und Fahren

Das Gehen als Thema im Projekt „Mythos Puch“, noch dazu im Rahmen einer „gehenden Konferenz“? Die Erklärung fällt leicht und verlangt einen Hauch von Geschichtsbetrachtung. Wenn Ursula Glaeser vom KulturBüro Stainz das Gehen grundsätzlich zu einem der Angelpunkte ihres kulturellen Engagements macht, hat das Referenzpunkte, welche bis in die Antike reichen.

Ursula Glaeser, KulturBüro Stainz

Einerseits war das Gehen immer eine Alltags-Bürde jener Mehrzahl von Menschen, die mangels entsprechender Mittel nicht reiten oder fahren konnten, was über Jahrtausende vorherrschte. Doch gegenüber den Fragen der Alltagsbewältigung war Wanderschaft andrerseits auch eines der Fundamente des Handwerks und der Forschung; außerdem hat Europa bis heute fahrende Völker.

Wie viele Schritte tat wohl Alexander von Humboldt, als er dem Denken Europas einige neue Dimensionen beibrachte? Er starb im gleichen Monat und Jahr (Mai 1859) wie Erzherzog Johann von Österreich, der seinesgleichen tief irritierte, denn der Bruder des Kaisers ging für ein Mitglied des Hochadels ziemlich viel zu Fuß; überdies in sehr volkstümlichen Zusammenhängen.

Dieses Thema streift Glaeser auf jeden Fall allein durch den Standort. Der „Steirische Prinz“ war etliche Zeit Bürgermeister von Stainz; auch sehr ungewöhnlich für einen Aristokraten. Doch nun noch ein Stück tiefer in die Geschichte.

Es gab in der Antike rund um Aristoteles die Denkschule der Peripatetiker. Im Peripatos, der „Wandelhalle“, wurde unterm Gehen nachgedacht. Das korrespondiert mit jenem Modus, den Glaeser schon eine Weile als „Walking Conference“ pflegt, eine Konferenz im Gehen.

Heuer sind es 200 Jahre, daß der Freiherr von Drais sein Laufrad öffentlich vorgeführt hat, was 1817 offiziell zum Geburtsjahr des Fahrrades macht. Die „Fußkutsche“, das „Veloziped“ („Schneller Fuß“), wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Form des Niederrades das Vehikel einer sozialen Revolution.

Doch zum Beginn der Zweiten Republik war man bei uns des Strampelns müde. Wer sich, wie die meisten, noch kein Auto leisten konnte, fand Ende der 1950er Jahre Entlastung in einem neuen Kraftfahrzeugtyp, dem Moped. Das änderte sich spätestens in den 1970ern, da eine umfassende Volksmotorisierung durchgeschlagen hatte.

Der Automobilbesitz galt lange als soziales Statement, als Hinweis auf gelingenden Aufstieg. Dieser Teil der Geschichte hat heute ein erkennbares Ablaufdatum. Inzwischen kursiert das Bonmot, Sitzen sei das neue Rauchen.

Damit will gesagt sein, daß ein eklatanter Mangel an Bewegung den Menschen die Chancen auf ein langes Leben erheblich schmälert. Das Gehen und seine zünftigeren Geschwister, vom Laufen bis zum Bergsteigen, stellen sich neu zur Diskussion, während riesige Flotten von Automobilen das Geschehen in den Städten mehr und mehr lähmen.

In Glaesers Walking Conference zum Thema Gehen wird nicht gepredigt, sondern erkundet. Was wissen wir heute über leibliche Anwesenheit und individuelle Mobilität, da der „Österreichische Volkswagen“, das „Puch-Schammerl“, den 60. Jahrestag seiner Erstpräsentation hat? Wohin geht der Weg dieser Gesellschaft und welche Rolle(n) spielt das Gehen dabei?

— [KulturBüro Stainz] —

1.4.2017: Gehen
16:00 Uhr, Walking Conference
KulturBüro Stainz, Hauptplatz 7, 8510 Stainz
[Aviso]

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton, Veranstaltung abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.