Was es wiegt, das hat’s IX: Kulturpolitische Agonie

(Beiträge und Fragen zu einer nächsten Kulturpolitik)

Kulturpolitik ist etwas anderes als Kulturmanagement. Diese Trennschärfe wurde in der Oststeiermark leider völlig aufgelöst. Am 2. August 2019 waren wir beim Verlassen der Häuser noch unbeschwert. Corona soll schon in Bewegung gewesen sein, aber wir wußten es nicht. Ich notierte zum damaligen Wahlkampf unter „Kulturpolitik im Pausenmodus“ die Fragen: „Aber was meinen die Funktionstragenden der Politik, wenn sie solche Schlagworte plakatieren lassen? Sind das bloß leere Phrasen? Steckt etwas Greifbares dahinter? Kann ich irgendwo nachlesen, was gemeint ist?“ [Quelle]

Auch was andere Inhalte betraf, waren die Leute der verschiedenen Fraktionen noch nicht von den Sofas hochgekommen, wie man da nachlesen kann. (Diese inhaltliche Schwäche hält bis heute an.) Am 18. Februar 2020 durfte ich noch davon ausgehen, daß im folgenden März der Gemeinderat neu gewählt wird.

Daher hat mich interessiert, ob die politischen Parteien der Wissens- und Kulturarbeit irgendeine Bedeutung beimessen, ob es kulturpolitische Positionsbestimmungen gibt. Immerhin konnten wir von da aus auf das Jahr 2010 zurückblicken, als die Wirkungen der damaligen Weltwirtschaftskrise bei uns spürbar wurden. Das hatte erhebliche, vor allem schmerzliche Konsequenzen. Ich hab meine Glosse „Wahlkampf und Kultur: eine Nullnummer“ hier für alle Fälle als PDF-Datei (780 kb) angehängt: [Link]

Die ursprüngliche Publikation auf dem WOCHE-Server ist von ein paar anderen Glossen flankiert. Kurz zuvor, am 16. Februar 2020, hatte ich schon gemutmaßt, daß die Gleisdorfer Fraktionen Kultur nicht im Fokus haben und notierte:

„Ich denke, wir leben gerade im größten kulturellen Umbruch seit Sokrates das Aufkommen der Schriftkultur kritisiert hat. Damit meine ich, wie müssen unsere Koexistenz mit völlig neuen Maschinentypen klären, leben nun mit selbstlernenden Systemen in einer globalisierten Wirtschaft, eingebettet in eine die Welt umspannende Info-Sphäre.“ (Quelle: „Gemeinderatswahl: Dröhnendes Schweigen„)

Am 18. Juni 2020 durfte ich festhalten, daß die oststeirische Kulturpolitik auf die Seuche und den ersten Lockdown überhaupt nicht reagiert hat. Da wurde einfach auf vorherige Art weitergemacht, als wäre nichts geschehen. Das ist übrigens bis heute, den 30. Juli 2021, genau so geblieben.

Die oststeirische Kulturpolitik ist – soweit sich erkennen läßt – ohne jede Idee oder gar Vision, wie auf die Seuchensituation reagiert werden könnte. Einfach weitermachen wie gewohnt… Siehe: „Kulturpolitik nach dem Lockdown“!

Was den Bezirk Weiz angeht, wo Weiz und Gleisdorf dominieren, ist einer der Gründe problemlos auffindbar: der ganze Kulturbetrieb wird den Marketing-Agenda untergeordnet. Verfügbare Mittel werden nicht primär in das geistige Leben, sondern in die Public Relations investiert. Das passiert, wenn politisch Verantwortliche es der Verwaltung überlassen, die Gangart und die Richtung zu bestimmen, statt eigene kulturpolitische Konzepte vorzulegen. (Dann schlägt das jeweilige City Management zu.)

Das bedeutet in etwas polemischer Verkürzung, Kunst und Kultur dürfen der Ökonomie dienen, die freilich ihrerseits dringend auf ein kontrastreiches geistiges Leben angewiesen wäre, falls Zukunftsfähigkeit im Fokus der Funktionstragenden von Politik und Verwaltung stünde. Wie konnte es unserem regionalen Bildungsbürgertum passieren, das aus den Augen zu verlieren?

— [The Long Distance Howl] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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