Wovon handelt Kulturpolitik? #29

Ich saß im etwas entlegenen Gutenberg mit der IEFS-Frau Maki Stolberg an einem Tisch, den auch Andreas Gratl und Franziska Hederer aus dem Architekturbereich mit uns teilten. Eine Station im „April-Festival“ von „kunst ost“ im Rahmen unserer Diskursreihe: [link]

Franziska Hederer und Andreas Gratl

Zu einigen Problemlagen, die wir gerade abgeklopft hatten, meinte Gratl eher rhetorisch: „Und warum ist das so?“ Ich erwiderte: „Weil wir keinen Kunstdiskurs mehr haben.“ Er nickte. Und es wäre anzufügen gewesen: „Unsere kulturpolitischen Diskurse sind auch den Bach runtergegangen.“

Nachts schien mir sich mir die passende Illustration dieser etwas pessimistischen Deutung aufzudrängen. Ich bin auf Facebook mit Josi Bauer verbunden. Durch den kam ich auf ein Statement von Künstlerin Eva Ursprung, die dem Kollektiv „Schaumbad“ und dem Vorstand der IG Kultur Steiermark angehört:

„das was ich mache ist laut neuestem kunstbegriff zumindest in der steiermark keine kunst mehr. was soll ich jetzt machen?“

Dem folgt eine Serie von Statements zur Sache, die – wenig überraschend – ihren Künstlerinnenstatus bekräftigen. Doch was stimmt nicht an diesem Thread? Man sollte den Kasus kennen, um ihn debattieren zu können, aber ich kenne ihn nicht. Woher also mein Gefühl der Unstimmigkeit?

Es ist nichts von einem „neusten Kunstbegriff“ bekannt, zumal meiner Einschätzung nach nichts neuer sein kann als neu. Wir haben in unserem Milieu inzwischen nicht einnal mehr einen „alten Kunstbegriff“, sondern lieber gar keinen.

Eva Ursprung

Ich halte es für ausgeschlossen, daß ein prüfendes Gremium der Künstlerin Eva Ursprung beschieden hätte, sie sei neuerdings keine Künstlerin mehr. Was also stimmt nicht an diesem Thread? Ich denke, es mangelt ihm an Redlichkeit. Das ist schlecht für kulturpolitische Diskurse, die wir ohnehin nicht führen. Sehr verwirrend!

Eigentlich müßte es so gewesen sein, daß Ursprung ein Projekt zur Kofinanzierung eingereicht hat. In der Folge dürfte man ihr mitgeteilt haben, daß diese Projekt aus zu nennenden Gründen derzeit nicht förderungswürdig erscheine.

Das kann am Inhalt liegen. Oder vielleicht an mangelnder Nachvollziehbarkeit des Inhaltes. Das kann an der Kalkulation des Projektes, an der Darstellung der Finanzgebarung liegen. Das kann kommen, weil vielleicht die Restfinanzierung unklar ist.

Selbstreferentielle Verfahrensweisen mögen sich als Strategie der Kunst bewähren, als Grundlage kulturpolitische Debatten reichen sie gewiß nicht.

Nun weiß Ursprung natürlich, daß wir gar kein so übles Landeskulturförderungsgesetz haben. Dadurch ist es möglich, im Falle so einer Ablehnung Einspruch zu erheben. Ursprung hätte die Gelegenheit, dem zuständigen Gremium ihr Projekt persönlich vorzutragen, um mindestens die Relevanz und Nachvollziehbarkeit sicherzustellen, allfällige Einwände persönlich zu hören und allenfalls entkräften zu können.

Dann wäre es freilich immer noch denkbar, daß ein zuständiges Gremium Gründe vorbringt, dieses Projekt derzeit nicht zu unterstützen. Das sollte für Kunstschaffende nachvollziehbar begründet werden. Es hat eventuell mit benennbaren Kriterien zu tun und mit der Tatsache, daß dank Maastricht das aktuelle Budget derzeit knapper denn je ist.

Ergo werden sicher nicht alle Einreichungen mit Geldern aufgewogen, sondern manche Projekte kriegen Zustimmung, andere nicht.

Da ich selbst mein Brot hauptsächlich durch Projekte verdiene, kenne ich den Kummer, wenn Finanzierungen nicht klappen. Und ich weiß sehr gut, wie wir alle in den letzten Jahren unter Druck gekommen sind, weil immer mehr Arbeit nötig war, um zuzusehen, wie dennoch das Jahreseinkommen absackt.

Wir Kunstschaffende haben auch eine Bürde mit diesem eklatanten Mangel an Verteilungsgerechtigkeit, der nicht bearbeitet wird. Plus die Belastungen durch ein Sozialversicherungs-Reglement, daß einem faustischen Pakt gleicht.

Wir sind demnach gefordert, an Lösungen zu arbeiten und in der Funktionärswelt wie in der Politik Gehör zu finden, Kooperation zu erreichen, damit sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen Freischaffender auf dem Kunstfeld verbessern lassen.

Das wird aber nicht gelingen, ja sogar noch sabotiert, wenn etwa ein Vorstandsmitglied der IG Kultur Steiermark solche Polemiken anzettelt, statt ein Problem sachlich darzustellen, auf daß erörtert werden könnte, welche Strategien unserem Berufsfeld bessere Bedingungen schaffen könnten.

Diese zunehmende Grazer Betroffenheitsgymnastik, von der solider kulturpolitischer Diskurs ersetzt wird, ist eines ganz bestimmt: Ein sicher gesetzter Schuß ins eigene Knie.

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Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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