volkskultur II

noch einmal: „jeder mensch, ausnahmslos jeder, hat spirituelle und kulturelle bedürfnisse“. also gab es allerweil auch schon eine kultur der subalternen schichten, die sich natürlich von höfischen und kirchlichen kulturformen unterschied; später auch von versionen der bürgerlichen repräsentationskultur.

das inserat stamm aus „der gebirgsfreund“, august 1933

damit meine ich: menschen haben phantasie, geschick und gestaltungswillen auch dann umgesetzt, wenn damit keine große geste möglich war, die selbstrepräsentation keine besonderen wellen schlug.

aus der antike wissen wir, daß kunst, handwerk und wissenschaft einst eng verzahnt waren, begrifflich auch lange zeit gar nicht getrennt wurden. für unsere gegenwart können wir annehmen, daß kunst und handwerk teilweise aus den gleichen quellen schöpfen.

im idealfall zeigt sich, daß jemand eine sache um ihrer selbst willen möglichst gut machen möchte. wenn sich das mit handfertigkeit und immateriellen qualitäten verbindet, werden dinge und prozesse entstehen, die WERKSTOLZ auslösen, dann dem werten publikum freude machen können.

in meinen kindertagen war das mekrwürdig straff und klar geordnet. ich bin jahrgang 1956. in den 1960ern hab ich erlebt, daß meine leute hauptsächlich volkskultur und hochkultur unterschieden. dazu kam die mysteriöse kategorie „echte volkskultur“.

was ich pöbelhaftes an mir fand, fiel damals unter kitsch und schund. die popkultur galt als sehr suspekt, war den erwachsenen ebenso verdächtig wie „moderne kunst“, was immer das sein mochte. (ah ja! alles abstrakte auf jeden fall.)

dagegen taten viele so, als sei etwa bei ikonen oder „bauernmalerei“ alles klar… so lange es der „echten voklkskultur“ zugerechnet werden durfte. freilich fand ich später heraus, daß vor allem kunstformen, von denen sich das kleinbügertum beunruhigt fühlte, gerne denunziert wurden. da war das genre volkskultur mit einigen veranten keine ausnahme.

deshalb habe ich in glosse #1 gefragt: wenn jemand VOLKSKULTUR sagt, meint das
+) einen sozialen und sozialgeschichtlichen zusammenhang?
+) ein künstlerisches genre?
+) ein vermarktbares produkt der unterhaltungsindustrie?

denn ich sehe bis in unsere tage, daß „volkskultur“ ein containerbegriff ist, der je nach interessenslage beliebige füllungen erhält, um den anspruch auf irgendeine manövriermasse zu legitimieren. wenn ich nun über optionen einer NÄCHSTEN KULTURPOLITIK nachdenke, wünsche ich mir, daß dieser bereich weniger dubios bearbeitet wird. dazu mein lieblings-motto: nennen sie ihre gründe! (facebook-notiz vom 17.5.21, origami ninja association)

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton, Kulturpolitik abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.