Jahre und Zahlenspiele X

Vom Tablett zum Torpedo

Wie in der vorigen Notiz erwähnt, der Formen-Verlauf sieht – grob skizziert – so aus: Torpedo, Stromlinie, Ponton, Keil. Die Torpedo-Karosserie war freilich schon das Ergebnis eines komplexen Prozesses, in dem der pferdelose Wagen formal von der Kutsche abgeleitet wurde. Und vom Fahrrad.

Benz Patentwagen: die Pferde haben müde gelächelt.

Ich möchte nun noch kurz die erste Phase des Automobildesigns in einigen Exemplaren ausrollen. So mag besser verständlich werden, welches ästhetische Kräftespiel dieses Thema treibt. Es heißt, die erste Tankstelle Österreichs sei um 1924 in Graz auf dem Jakominiplatz errichtet gewesen. Rund um dieses Motiv gab es 2019 eine sehr fein gestaltete Ausstellung im Volkskundemuseum: „Mythos Tankstelle“.

Dort war unter den Exponaten eine Replik des Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 zu sehen. (Patent von 1886.) Genau betrachtet: ein motorisiertes Fahrrad mit verstärktem Rahmen und Sitzbank. Solche Tricycles waren Ende des 19. Jahrhunderts recht beliebt, vor allem aber stabiler als die Highwheelers.

Albl Phönix: nur das Nötigste und eher keine Bergtouren.

Wer mit einem der Hochräder auf den schlechten Wegen stürzte, konnte sich dabei schwer verletzen. Manche schlugen sich sogar die Köpfe ein und starben. Auf drei oder vier Fahrrad-Rädern was dieses Risko nur mehr minimal.

Das älteste Automobil, auf dem ich je gesessen hab, ist der Albl Phönix von 1902, ein Grazer Produkt. Solche winzigen Fahrzeuge nennt man Voiturette. Das kommt aus dem Französischen: Voiture = Auto, Wagen, also „Wägelchen“. Eine motorisierte Plattform mit etwas Aufbau. Eine art tuckerndes Tablett.

Ford Model T Runabout: wie eine Voiturette, aber größer.

Dann der Sprung in die Massenproduktion. Der Ford Model T, den ich hier in einer sehr nackten Version hab, fällt unter die Bezeichnung Runabout. Ein Begriff aus der Kutschenwelt, mit dem karg ausgestattete Pferdewagen ähnlich dem Buggy gemeint waren. (Kleine Motorboote wurden auch so genannt.)

Autos fuhren bald schneller, weil kräftiger motorisiert. Die „Autler“ wünschten besseren Wetterschutzt, was ihnen dicke Kleidung ersparen konnte. Der Phaeton als offener Wagen, mit zwei Sitzreihen: Doppelphaeton, hat seine Bezeichnung ebenfalls aus der Kutschenwelt.

Steyr IV: kompakter Doppelphaeton.

Bei diesen Wagen findet man deutliche Beispiele für die Torpedo-Karosserie, was bedeutet, die vorher häufige Stufe zwischen Motorraum und Fahrgastraum war eingeebnet worden. Auch das Heck wurde geformt, auf daß der Torpedo eine durchgängige Gürtellinie ohne erheblichen Knick bekam.

Steyr 100: geschlossener Innenlenker (Sedan).

Schließlich baute man „geschlossene Innenlenker“, meist als Sedan, Saloon oder Berline bezeichnet. Überraschung: auch Begriffe aus der Kutschenwelt. (Die kleine Berline schafft es mit dem Begriff Berlinetta fast bis in die Gegenwart.) [Vorlauf] [Fortsetzung]

+) Die Übersicht

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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