Das neunzehnte Jahr

Eine Faustregel, die auf der griechischen Tragödie beruht, lautet: ohne Krisis keine Katharsis. Da wir gewöhnlich jede Art von Veränderung scheuen, die – wenn sie unabwendbar scheint – große Widerstände erzeugen, sagen viele: „Katharsis nein Danke!“ Lustig! Als ob sich dadurch Krisen vermeiden ließen.

Ausschnitt aus einer Arbeit von Chris Scheuer

Außedem sind Krisen ja erst einmal der Umbruch. Ob das nun Richtung Katharsis oder Richtung Katastrophe führt, liegt ganz wesentlich an uns selbst. Das wäre ein nächstes Ärgernis. Die Katharsis will erarneutet werden. Die Katastrope macht auch Arbeit.

Wir leben gerade eine überaus prächtieg Krise, Stichwort Corina-19, die auf keinen Fall vergeudet werden sollte. Aber dabei haben wir uns ineinander verheddert. Unglaublich, was daraus für ein Gezänk entstanden ist. Ich hab freilich keine Zeit und keine Kraft für Verwünschungen und Grobheiten.

Es ist nun das neunzehnte Jahr meines Langzeitprojektes The Long Distance Howl. Das begann 2002 mit der Verschwörung der Poeten“. Im Jahr darauf ging es mit dem „Howl“ los. (Fußnoten: nein, das bezieht sich nicht auf Allen Ginsberg!) Ich hatte mir dafür 20 Jahre vorgenommen und staune gerade, wie sich dieser Abschnitt rundet. Ich staune außerdem, wie viel – gemessen an den Bedingungen der Startphase – auf der Strecke geblieben ist.

Krise. Umbruch. Und zwar gesamtgesellschaftlich. Ausgerechnet in dem von mir gewählten Zeitfenster. Ein kurioser Zufall. Aber das ist eben genau der Prozeß, in dem für mich neue Klarheiten entstanden sind.

Etliche davon recht unerwarteter Natur. Das ist vielleicht mein größere Profit aus diesem Vorhaben. Um es mit Wissenschafter Hermann Maurer, der in diesen Jahren zu einem meiner Kooperationspartner wurde, zu sagen: „Vieles, was vorhergesagt wurde, ist nicht gekommen. Vieles, was gekommen ist, wurde nicht vorhergesagt.“

Da merke ich: derart formuliert weist das auf eine gute Nachricht hin. Weshalb? Ich hab gerade während der letzten Jahre immer wieder antike Texte befragt, um mich zu orientieren. Selbst wer auf das offene Meer hinausfährt, braucht noch einen Fixpunkt, um nicht völlig verloren zu gehen. Etwas wie den Polarstern.

So brauche ich auf noch unbefahrenen Strecken meines geistigen Lebens ebenfalls ein paar Bezugspunkte zur gelegentlichen Standortbestimmung. Aus der Antike stammt die Empfehlung, daß sich Erkenntnis erweisen solle, statt bezahlt machen möge.

Damit ist die Unterschiedlichkeit von Gütern betont. Ich muß ja auch – wie jeder – Rechnungen bezahlen und daher Ergebnisse meiner Arbeit vermarkten. Das betrifft aber nur ein Teil der Vorgänge. Anderes ist nicht zur Vermarktung geeignet, hat als Wissens- und Kulturarbeit grundlegenderen Nutzen.

Ich hab nun den bisherigen Verlauf von „The Long Distance Howl“ zu reflektieren, womit ich schon im Vorjahr beschäftigt war. Parallel gibt es noch ein paar bescheidene Projektlinien, die nach außen führen. Und ich muß überdies nach wie vor Geld verdienen. Aber dieses 20 Jahre-Ding ist nun – wie erwähnt – in der abschließenden Reflexionsphase angekommen.

P.S.:
Auf der ListeStadt-Land (Teilnehmende Beobachtung im Plauderton, eine kleine Diskursreihe und Dokumentation) gibt es eine Reihe von Beiträgen unter dem Titel „Jahr 18“, die schon Teil dieser Reflexionsarbeit sind. Nun also Jahr 19 von 20.

+) Aktuelles Teilprojekt: Next Concept Vertigo

Krusche-Portrait von Chris Scheuer

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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