Fahrrad. Kultur.

Die Kontroverse zwischen dem Fahrradvolk und den übrigen Menschen auf unseren Straßen ist über hundert Jahre alt. Erst Kollisionen mit allen, die zu Fuß unterwegs sind. Ein Match bis zum heutige Tag. Dann die Konfrontationen mit den „Autlern“. Die Pferdefuhrwerke sind entfallen, die Straßenbahnen geblieben.

Zeitungsbericht anno 1896: „Eingezwickt“

Dieser Teil der Konfliktgeschichte begann Ende des 19. Jahrhunderts, reicht bis in die Gegenwart. Der Automobilismus fuhr dabei hart in diese Gemengelage und schiebt bis heute alles andere beiseite; Straßenbahnen ausgenommen. Das erreichte während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im städtischen Leben schon problematische Verdichtungen. Mit der Volksmotorisierung ab Ende der 1950er Jahre hat das noch ganz andere Dimensionen erlangt.

Iris Kasper und Elisabeth Saubach (contemporarycollectivegraz.at) haben Gäste geladen, um einen Blick auf diese Zusammenhänge zu werfen: „Kulturgeschichte in Bewegung: Das Fahrrad, Symposium“. Eine Session in der Kunsthalle Graz, während David Bernkopf („Radlerei“) in einer Ausstellung restaurierte Sporträder zeigte, Themenschwerpunkt auf Puch.

Was im Englischen als „Personal Transport“ bezeichnet wird, ließe sich mit individueller Mobilität übersetzten. Dabei haben gerade die Konfliktgeschichten, wie sie an diesem Abend erzählt wurden, illustriert, wie fest zementiert die Fronten bei uns immer noch erscheinen. Darin bildet sich eine Mentalitätsgeschichte ab, die von der Industrie und verschiedenen Lobbies über rund ein Jahrhundert ideologisch aufgeladen wurde.

Klassiker aus der „Radlerei“

Nach wie vor sind die Verkehrsflächen das Feld von Rivalitäten aller Art. Gerade die Verkehrsflächen mit ihrer Peripherie sind aber auch wesentlicher Teil jenes öffentlichen Raumes, der – wie einst die Allmende – allen gehören muß, Gemeingut ist. Das ist eigentlich politischer Raum, den eine Demokratie nicht aufgeben kann.

Anders ausgedrückt, in diesen Zusammenhängen wird dieser öffentliche Raum selbst in trivialen Auseinandersetzungen unübersehbar zum politischen Raum. Die reale soziale Begegnung ist eines der Kriterien dafür. Was in den Köpfen an Bildern dominiert, spiegelt Kulturgeschichte, bildet aber auch ab, wessen Definitionshoheit sich durchgesetzt hat.

Kasper und Saubach kommen vom Kunstfeld. Deshalb also ein Teilthema des Abends: „Im Symposium werden einerseits künstlerische Strategien besprochen in denen das Fahrrad als Objekt oder Motiv Eingang in die Kunst findet, andererseits wird aber vor allem die momentane Situation in Graz betrachtet: Wie gestaltet sich Fahrradkultur in Graz?“

Zu diesem Ansatz liegt ein nächster Schritt nahe, um zu klären, welche Fragen und Aufgabenstellungen da bezüglich Kunstpraxis Vorrang haben könnten. Aus meiner Sicht bedeutet das nicht primär, das Fahrrad selbst zum Kunstobjekt zu machen, was ja gelegentlich vorkommt. Es legt eher zu untersuchen nahe, was technologiegestütze Mobilität des Menschen bedeutet.

Dafür hat uns die Mythologie Europas mit Phaeton sowie Ikarus und Daedalus ein paar Vorgaben deponiert. Vor allem der Automobilismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war dann wohlhabenden Menschen vorbehalten. Daraus folgte, daß viele Zeitungsinserate in ihren visuellen Codes deren ästhetischen Ansprüchen entgegenkamen, also bemerkenswerte Gebrauchsgraphik lieferten. Die Fahrradwelt war dabei markant anders inszeniert.

Was die Massenmotorisierung begleitet, fand schließlich ganz andere Formen und verzweigte sich in alle Medien, vor allem auch in die Kino- und Fernsehabteilungen. Welche Codes liegen da vor uns, um eventuell aufgegriffen, paraphrasiert zu werden? Welche Definitionshoheit bestimmt die gegenwärtigen Legenden rund um unsere Fahrzeugwelt? Welche künstlerischen Praktiken handeln von Zugriffen auf Fahrzeuge, um dabei nicht unbedingt und in allen Fällen Fahrzeuge zu thematisieren?

Zur Erinnerung: Laut Ovid war Ikarus kein athletischer Himmelsstürmer, sondern als verspieltes Kind…

+) Anläßlich: Wir sind Ikarier (Ein Input zum Symposium „Kulturgeschichte in Bewegung: Das Fahrrad“)
+) Doku-Seite
+) Weiterführend: Mythos Puch V (Der Geist des Transports)

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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