Import-Export

Wir hatten dieser Tage einen weitläufigen „Round Table“ mit einer intensiven kulturpolitischen Debatte. Dabei war unter anderem zu hören, es bestünde ein „Leistungsbilanzdefizit“, da wir künstlerisch mehr importieren denn exportieren würden.

"diSTRUKTURA" (SRB) sind demnächst bei Lendl und im Herbst in Gleisdorf

Im Laufe der Debatte kam das noch konkreter: Da würden zum Beispiel allerhand „Künstler aus Ex-Jugoslawien importiert, im Gegenzug aber…“ Ja, was?

Und ist es angebracht, im Kunstkontext Sprachregelungen und Kategorien der Wirtschaft einzuführen, mit dieser Nomenklatur unsere diesbezüglichen Erörterungen zu überschreiben, zu dominieren? Ich zweifle.

Ferner, solche In-Out-Fragen können wunde Punkte offenlegen . Ein Beispiel: Vor einem Weilchen, so erinnere ich mich gut, war etwa Mirjana Peitler-Selakov Ko-Kuratorin einer Ausstellung steirischer Gegenwartskunst im serbischen Novi Sad: „…by the way…“: [link]

Da mußte für einige Positionen auch „zweite Wahl“ angenommen werden, weil es nicht möglich war, ausreichend junge, qualitativ hochrangige Leute zu kriegen.

Radenko Milak (BIH) wird mit seinen radikalen Aquarellstudien des 20 Jahrhunderts im Herbst bei uns sein.

Was aber nun „Künstler aus Ex-Jugoslawien“ angeht, da fühle ich mich gerade ein wenig gemeint, weil ich demnächst südslawische Gäste bringe. Es ist es ja nicht so, daß wir da irgendwas „importieren“, als wären das Güter in einem endlich unbegrenzt möglichen Warenverkehr.

Was wir etwa kommenden Herbst in Gleisdorf realisieren, ist der Auftakt eines längerfristigen Dialoges zwischen Intellektuellen und Kunstschaffenden aus Österreich, Bosnien & Hercegovina und Serbien.

Das halte ich angesichts des bald anbrechenden Jahres 2014 für keine so üble Idee, weil wir an 1914 denken sollten, als die „Schüsse von Sarajevo“ ein symbolisches Ereignis waren, in dessen Kielwasser sich enorme Kräftespiele entfalteten.

Kurz, wir IMPORTIEREN nichts und niemanden aus „Ex-Jugoslawien“, sondern wir freuen uns auf hochkarätige Gäste, mit denen wir einerseits via Teleworking in Arbeit sind, die wir andererseits hier treffen und bewirten möchten, um mit ihnen anregende Stunden zu verbringen, einige Frage- und Themenstellungen zu entwickeln.

Die ersten Korrekturfahnen trudeln ein...

Eben kam eine Korrekturfahne für den Auftakt mit dem Duo „diSTRUKTURA“, das im September unser Symposion eröffnen wird, aber schon Ende Juni Arbeiten bei Lendl zeigt. Peitler-Selakov hat dafür mit dem serbischen Paar „Next Landscape“ auf den Punkt gebracht.

Nein, ich bin nicht dafür zu haben, in unserem Tun einen ökonomischen Jargon als dominante Verständigungsform zuzulassen. Wir hatten schon vor Jahren festzustellen: „Wenn wir nicht klären, was Kunst sei, werden uns das Politik und Wirtschaft gerne abnehmen.“

Ich hab diese Aussage damals eher als Warnung, denn als liebliche Feststellung gemeint. Wir haben ferner zu bemerken, daß sich die Verhältnisse zwischen Kunstschaffenden und Wirtschaftstreibenden da und dort zu recht merkwürdiger Verhaltensoriginalität entwickeln durften.

Selman Trtovac (SRB): "Kiseonicni cvet" (Performance)

Das bedarf der kritischen Debatte und allenfalls auch einiger Kurskorrekturen. Zu diesem Themenkomplex empfehle ich derzeit gerne die Lektüre von Hanno Rauterberg: „Magd des Marktes“ [link]

Mir ist ferner die Abgrenzung mit dem Grenzpfosten „Das Steirische“ ein wenig zu eng. Wenn ich bloß die Wahl hätte, zwischen „postnationalistischen Reminiszenzen“ und der Wirtschaftslogik des derzeitigen Marktes etwas zu nehmen, müßte ich mich in diesen Verhältnissen massiv querlegen.

So aber steht es mir und uns frei, auch ganz andere Konzepte der „Wir-Konstruktion“ zu verfolgen. Dabei möchte ich vielleicht nicht gar so sehr auf Künstler hören, die sich längst — hochdotiert — mit „Leitbetrieben“ dieser oder jener Region verständigt und arrangiert haben.

Wo zukunftsträchtige und tragfähige „Wir-Konstruktion“ zur Debatte stehen, könnten ja auch andere symbolische Güter konstituierende Kraft erlangen.

Wenn etwa eine „Wissensgesellschaft“ ihre Zusammengehörigkeit über eine Grundausstattung an Ethos und Kompetenzen definieren mag, ist „Das Steirische“ als ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert heute, im 21. Jahrhundert, eventuell keine vorrangige Kategorie mehr. Genau solche Fragen liegen vor uns…

— [Das Symposion: Südost] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffend
Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton, Reflexion und Grundlagen abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar