Kunst und Kohle in der Provinz

Der Gegenwartskunst mehr Terrain verschaffen. Es wäre ein Gigantengeschäft und es wäre aussichtslos, auch ein wenig lächerlich, sollte ich das alleine regeln wollen; so a la: Der Held wirft sich in’s Rad der Geschichte. Lustig! Das sind ganz alte Konzepte. Das 21. Jahrhundert ist jung.

Ludger Hünnekens vom Burda Museum (Baden-Baden) auf der Bühne, um die während des Symposions die Arbeit in der Rundhalle von Binder +Co weiterging.

Wir brauchen für die Zugänge zur Kunst und den Bestand des Metiers allerhand ganz neue Konzepte. Es sind aber kaum welche in Sicht. Also grübeln und probieren wir. Ich kenne Kunstsammler Erich Wolf schon ein Weilchen. Daraus und aus unseren höchst unterschiedlichen Wegen zur Gegenwartskunst erwuchs eine Kooperation, die nun, nach über einem Jahr der internen Arbeit, mit einem großen Schritt nach außen führte.

Künstler Richard Kriesche spielt darin eine prägende Rolle. Sein Rang und seine Erfahrung fügen sich komplementär in eine Reihe anderer Kompetenzen, die wir drei in einer heftigen Praxis des Kontrastes repräsentieren. Ja, da reizt es manche zu ätzen und herumzukaspern. Nur zu! Das ist alles sehr anregend.

Sabine Folie von der Generali Foundation, Wien

Wir haben das Symposion in einer Gleisdorfer Fabrikshalle realisiert, bei laufendem Betrieb in der Hütte. Hausherr Karl Grabner ist uns dabei mit Verve entgegengekommen. Diese Nähe zum Handgreiflichen liegt mir sehr. Als sich 2010 Bettina Vollath, die damalige Landeskulturreferentin der Steiermark, eine erste LEADER-Kulturkonferenz wünschte, hab ich die in einer Weizer Autowerkstatt realisiert. Das haben manche vorab nicht erstanden, hinterher möglicherweise doch.

Die Provinz hat weder vergleichbar gewachsene Strukturen noch ein gewachsenes Publikum zur Kunst, wie das in den Landeszentren selbstverständlich ist. Und da sollen wir uns jetzt das anschwellende Jammern der Zentrumsleute anhören? Eher nicht! Wir probieren jetzt was ganz anderes; im Kontrast zu zeitgemäßem Wehklagen auf kulturellen Feldern. (Fußnote: Graz darf rund drei Viertel des steirischen Kulturbudgets konsumieren, für den Rest des Landes bleibt ein Viertel.)

Von links: Künstler Richard Kriesche, Kulturjournalistin Almuth Spiegler und Kunstsammler Erich Wolf in einem Reflexions-Abschnitt

Zu erwähnen wäre, daß wir längerfristig an einem Strang ziehen, um jenseits von Graz ein Kompetenzzentrum für steirische Gegenwartskunst herbeizuführen. Wenn die Budgets allgemein runtergehen, zielen wir um so höher, damit die Sache Hand und Fuß und Sinn hat, um all das in der Provinz zur Wirkung zu bringen. Wenig Grund, sich mit Kulturpessimismus aufzuhalten.

Das schließe ich auch aus den Reaktionen etlicher unserer Gäste. Wenn ein erfahrener Mann wie Ludger Hünnekens (Burda-Musuem, Baden Baden) keineswegs meint, wir hätten unseren Verstand verloren, sondern mit uns vergnügt seine Erfahrungen debattiert, dann nützt mir das ja weit mehr als wenn mir einige Grazer Kolleginnen und Kollegen Grimassen schneiden.

Ich finde es auch anregend, mit einem Unternehmer zu plaudern, der ein Auto im Gegemwert einer netten Wohnung fährt. Ja, da rümpfen manche ich weiß nicht was. Darf ich erinnern? Rund 60 von 100 Prozent österreichischer Unternehmen sind EPU, also „Ein-Personen-Unternehmen“. Die können kein Geld in unsere Vorhaben investieren. Vermutlich mehr als 90 von 100 Prozent der heimischen Läden sind Klein- und Mittelbetriebe. Viel Glück bei der Akquise! Und Crowdfunding, da wissen wir noch kaum, wie weit es trägt.

Von links: Unternehmer Manfred Gaulhofer, Künstler Richard Kriesche, Sammler Fritz Kleiner und Kunstpromotor Ralf Schilcher

Vor diesem Hintergrund ist es ja hilfreich, wenn wir aus erster Hand erfahren können, wie ein Unternehmer tickt und was ihn kulturell beschäftigt, während er nebenbei mit seinen Produkten auf dem Weltmarkt präsent ist. Oder! Sammler. Was hab ich mich bei den Schilderungen von Gutachter Fritz Kleiner amüsiert. Er braucht, wie manch andere, keinen Kunstdiskurs und keine Rankings. Es müsse ihn erreichen, berühren, sagt er. Und er lobt einen Galeristen wie Eugen Lendl, der noch nie gesagt habe „Das mußt du kaufen!“, sondern bestenfalls „Das mußt du dir anschauen.“

Lendl lächelte und war in der Pause für eine ungeschminkte Plauderei über den Status quo des Kunstbetriebes zu haben. Ja, da sind nicht immer nur die anderen die Arschlöcher, die Feinde, die Totengräber des Betriebs. Freilich, auch manche Kunstschaffende schaffen gelegentlich kleine Beiträge zum Absacken der Branche. Ach, darüber reden wir nicht. (Na, Lendl schon. Da erfahr ich wenigstens was.)

Ich hab auch Kunsthistoriker Werner Fenz auf dem Set gesehen. Wir sollten ihn noch befragen, was seine Erfahrungen der letzten Jahre über den Lauf der Dinge aussagen. Und die Kunstschaffenden selbst, von denen etliche in der Fabrik über die Bühne gingen. Manche so reizbar und unverholen wie Norbert Trummer oder Markus Wilfling. Manche still und präzise, andere vergnügt und leutselig. Den grimmigen Witz von Ronald Kodritsch müßte man patentieren lassen. Die leise Eindringlichkeit von Julie Hayward sagt mir viel mehr als so manches Gehopse auf dem Kunstboulevard.

Die Sache ist nun gewissermaßen im zweiten Abschnitt. In den kommenden zwei Jahren wollen Erich Wolf und ich geklärt haben, was möglich ist. Zum Abschluß noch ein Satzfragment von Richard Kriesche: „Der Region ein Bild ihrer selbst geben.“

(Der Text erschien erstmals im Megaphon vom Oktober 2012)

— [dokumentation] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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