Was es wiegt… #94: Fluß und Verbauung I

(Beiträge und Fragen zu einer nächsten Kulturpolitik)

Es ist doch schön, wenn sich etwas reimt. Wie etwa: „Congress in Progress“. Oder „Konferenz in Permanenz“. Dafür hab ich ein besonderes Faible. Sowas schraubt sich manchmal in meinen Kopf und ich werde es Tage lang nicht los. Oder was mir Kinder liefern, wofür ich extrem anfällig bin. Diese wunderbaren, poetischen Pragmatiker. Da steht dann zum Beispiel: „Konsikwens“. Unübertrefflich!

Aber ich sollte derzeit mehr für verläßliche Bodenhaftung sorgen, sonst haut es mich gleich wieder aus einer der nächsten Kurven. Die Leute regen sich ja entsetzlich auf, wenn man sie bei so einem Malheur ins Wanken bringt, weil ständig wo jemand herumsteht, den es dann trifft.

Und ich sage seit Jahren: „Steh doch in der Kurve innen, nicht außen am Rand, Du besorgtes Wesen, mit Deiner Langatmigkeit und mit all Deinem Sicherheitsbedürfnis.“ Es ist doch klar, daß es einen wie mich immer wieder wo rausschmeißt. Da sollte eben niemand im Weg herumstehen.

Jetzt aber ernsthaft!
In meinen Sideletters der Serie „Funkenflug“ hab ich eben das Thema „Vernetzung! Vernetzung! Vernetzung!“ angerissen. Ich finde es etwas gruselig, wenn sich ein bestimmter Aspekt des Kulturgeschehens in den flotten Ergebnissen von Konferenzen derart breit macht, obwohl sich auf dem Weg dahin kaum etwas davon gezeigt hat; nämlich vom Bedürfnis nach Vernetzung und Kooperation. Ich will das gerne erläutern.

Wäre es plausibel gewesen, die Konferenzreihe zur „Kulturstrategie 2030“ gesamt als einen kompakten, gut vernetzten Kongreß zu entwerfen? Genau! Ein „Congress in Progress“ mit einer Serie von Konferenzen, die aber vor allem Kristallisationspunkte eines tieferen Prozesses sein würden. Ginge das?

Mit „gut vernetzter Kongreß“ meine ich nicht eine Community am Gängelband, die sich gut überschauen und arrangieren läßt. Ich meine ein adäquates Angebot an Kommunikationsverbindungen, so daß jede formell beteiligte Person jede relevante Information dann haben kann, wenn sie diese braucht und haben möchte, statt daß die Zentrale „Herrschaftswissen“ zu generieren und zu horten versucht.

Schluchten oder Felder?
Wäre es naheliegend gewesen, den primären Kräften des Geschehens einen solchen Rahmen und eine taugliche Struktur anzubieten, womit sie vor allem einmal selbst zeigen könnten, wie tief das Kräftespiel ihrer Anliegen reicht?

Um das zu präzieren: Mit den „Primären Kräften“ meine ich jene Menschen in der Wissens- und Kulturarbeit, aber auch in der Kunstpraxis, die Konzepte, Inhalte und Umsetzungen auf eine Art erbringen, daß da dann Kulturmanagement, Verwaltung und Kunstmarkt sinnvoll andocken können. Das sind völlig verschiedene Rollen, verschiedene Jobs. (Hierzu eines meiner bevorzugten Mantras: „Sorgen wir für Rollenklarheit!“)

Wäre es zu solchen Zwecken einleuchtend, im Web ein leistungsfähiges Kongreß-Portal einzurichten, das sich längerfristig als Ort der Telepräsenz und des Teleworkings bewährt, um die realen sozialen Begegnungen zu begleiten und zu verstärken? Immerhin zielt die Themenstellung auf das Jahr 2030. Wir haben grade 2022. Da wird also noch einiges zu tun sein.

Was sollte so eine Website können? Sie sollte vermutlich Bereiche aufweisen, die teils public und teils private geschaltet sind. Das meint öffentliche Bereiche, die man via Web jederzeit einsehen kann und – im Kontrast dazu – interne Zonen mit speziellen Zugangs-Modi.

Stellen Sie sich vor, jeder Thementisch, von zwei Personen geleitet, könnte sich daher via Web a) öffentlich und b) privat einrichten. Dazu wären dann intern alle Mitglieder des jeweiligen Panels vernetzt und könnten jede Konferenz inhaltlich gut vorbereiten, so daß man vor Ort nicht erst bei Null ansetzen müßte. Es blieben ja keine drei Stunden für die reale Konferenz.

Man stelle sich bloß vor, ein qualifizierter Teil der „Szene“ hätte sich eigenständig über so ein Portal in Verbindung gesetzt und Prioritäten weitreichender Art geklärt. Aber was hab ich erlebt? Fluß und Verbauung, geregelte Informationsflüsse, statt einer lebendigen Auenlandschaft, in der die Kommunikationsprozesse flimmern und fließen. [Fortsetzung]

— [Das Weizer Panel] —
— [The Long Distance Howl] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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