Was es wiegt… #91: Wendepunkt

(Beiträge und Fragen zu einer nächsten Kulturpolitik)

Am 10. Mai 2022 fand die Weizer Session statt, deren offizielle Ergebnisse in einem Video festgehalten sind. Inzwischen hat auch die Krieglach-Session stattgefunden, es sind also bisher fünf Konferenzen dokumentiert: Die Übersicht.

Karl Bauer neben Künstlerin Monika Lafer

Heute ist der 25. Mai 2022. Nach einigen Unebenheiten in verschiedenen Verläufen finde ich nun einen Stand der Dinge vor, den ich für zufriedenstellend halte. Was ich mit wünschenswerter Rollenklarheit meinte, zeichnet sich konkret ab. Gleisdorfs Kulturreferent Karl Bauer zeigt das in zwei Richtungen.

Einerseits zur Projektleitung hin. Dafür gilt es, die Konferenzergebnisse redaktionell aufzuarbeiten, also etwas abzuschließen. Andrerseits zu Basis der primären Kräfte hin, um etwas zu beginnen. Bauer hat schon explizit geäußert, daß er im Raum Gleisdorf einen Diskurs etablieren möchte, in dem aktuelle Fragen erörtert werden.

Wie ich es verstehe, ist dieser Ansatz zwar offen, kann sich in seiner Reichweite entfalten, zielt vorerst aber nicht auf eine große Geste, sondern geht von dem aus, was sich vor Ort zeigen will. Ich schätze diesen Ansatz, wie er mir aus der Tradition der „Eigenständigen Regionalentwicklung“ her vertraut ist: prozeßhaftes Arbeiten.

Manche mögen sich auch an ein Motto aus vergangenen Jahren erinnern. Da hieß es: „Grabe wo du stehst!“ So der Titel eines Buches des Literaturhistorikers Sven Lindqvist, das Ende der 1970er erschienen ist. Das war ein Appell, in eigener Verantwortung Geschichtswerkstätten zu betreiben, um mehr über sich herauszufinden.

Ich werde an anderer Stelle noch erzählen, wie wir das während der 1980er in der Region umgesetzt haben. Das betrifft unter anderem den „SO-Verein“, zu dem auch der heutige Weizer Bürgermeister Erwin Eggenreich gehörte. Unter diesem Logo habe ich die erste Publikation von Andrea Sailer realisiert, die nun bei der Weizer Session einen Auftritt hatte.

Den geistreichen Beitrag, ein literarisches Regionalportrait, können Sie im Doku-Video ab ca. 33:44 hören: [Link] Später habe ich die erste Publikation von Thomas Glavinic in der SO-Zeitung gebracht und wir gaben ein Buch über regionales Frauenleben in der Nachkriegszeit heraus etc.

Wie schon angedeutet, Geschichtswerkstatt, Spurensuche, aber speziell auch Identitätssuche und schließlich – das ist ein wichtiger Punkt – die Umschau nach den Talenten und Ressourcen der eigenen Region, welche wirksam werden sollten. Also nicht bloß Leute von außen holen, wahlweise mit Promi-Namen herumwacheln, sondern laufend prüfen, was an Kompetenzen vor Ort verfügbar ist.

Dabei war unter anderem das schwedische Konzept der „Studienzirkel“ für uns anregend. In diesem großen, dünnbesiedelten Land hatte das ja noch ganz anderes Gewicht; diese Frage: worüber verfügen wir selbst?

Oder Hilmar Hoffmann mit seinem Buch „Kultur für alle“. Paolo Freire mit seiner „Pädagogik der Unterdrückten“. Augusto Boal mit seinem „Unsichtbarer Theater“. In solchen Zusammenhängen erkundeten wir während der 1980er Formen der Selbstermächtigung, was ja stets auch hieß: Formen der Selbstverantwortung.

Nun ist einerseits bei dem großen steirischen Vorhaben, das Landeskulturreferent Christopher Drexler initiiert hat, die aktuelle Ereignisrunde etwa bei der Hälfte angelangt. Andrerseits äußerte Karl Bauer: „Was wir unabhängig davon in Gleisdorf tun könnten, ist einen ständigen Austausch von Kunst und Kulturpolitik zu pflegen.“ Das zähle ich schon zu den Ergebnissen, die jetzt noch konkretisiert werden.

Ich sehe das auch, wie in meine Glosse „Funkenflug VI“ dargelegt, hier an der richtigen Adresse angekommen. Eine Repolitisierung der Kulturpolitik verlangt aus meiner Sicht, daß der Kulturreferent in seiner Aufgabe ernst genommen wird und den Kulturschaffenden für Dialog wie Kooperation in einem klaren Rollenselbstverständnis begegnet.

Man muß freilich von der Zivilgesellschaft her auch in diese Dialogmöglichkeit einsteigen. Die politische Ebene einer Kommune ist ja keine Servicestation, bei der man Bestellungen aufgibt, keine „Drive in-Politik“, sondern ein Handlungsraum der Demokratie, also ein Ort der Republik.

— [Das Weizer Panel] —
— [The Long Distance Howl] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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