Was es wiegt, das hat’s XLVIII: Die Causa I

(Beiträge und Fragen zu einer nächsten Kulturpolitik)

Menschen haben Interessen. Diese gedeihen oft als verdeckte Intentionen. Deshalb fordere ich in Kontroversen gerne: Nennen Sie Ihre Gründe! Ich habe allerdings inzwischen gelernt, daß in verschiedenen Bezugssystemen fundamental unterschiedliche Regeln gelten; auch für die Art wie Diskurse geführt werden und um Klarheiten gerungen wird.

Das Foto: ein Marker im Kalender

Eines der Kriterien, das mir in solchen Situationen nützt, ist die Frage, ob sich auf einem bestimmten Weg Erkenntnis gewinnen läßt. Ich stehe da in abendländischer Kulturtradition, wonach sich Erkenntnis erweisen und nicht bezahlt machen soll. Es ist ein Ringen um immaterielle Güter.

In einer kulturpolitischen Kontroverse werden unter anderem Ideen verhandelt. Die sind nicht beweisbar. Ich kann mit einer Idee und daraus folgenden Schlüssen nicht vor Gericht erscheinen. Wenn also, wie jüngst, ein kulturpolitischer Diskurs Richtung Gericht gelenkt wird, ereignet sich ein Ebenenwechsel, der eher keinen Erkenntnisgewinn zuläßt.

Aber zurück zum Ausgangspunkt einer sinnvollen Erzählung. Seit rund einem Jahrzehnt hat sich das Klima im steirischen Kulturbetrieb merklich gewandelt. Ein konkretes Beispiel. Der 5. November 2009 war ein Donnerstag. Mitten am Nachmittag erreichte mich ein Anruf von Gleisdorfs Bürgermeister, dem heutigen Nationalratsabgeordneten Christoph Stark. Der sagte mir etwa: „Ich möchte dich warnen. In Graz geht etwas gegen dich vor. Ich kann leider nicht deutlicher werden, aber paß auf.“

Es wäre mir unpassend erschienen, ihn wegen Details zu bedrängen. Seit ich Stark kenne, erschien er mir immer pakttreu. Was wir zu reden hatten, galt auch und hielt. Wenn er mehr nicht sagen mochte, hätte ich ihn mit Fragen nur brüskiert. Ich wüßte dieses Datum nicht mehr, aber ich hatte eben mein Auto auf dem Parkplatz einer Raststätte abgestellt, um die gegenüberliegende Spedition aufzusuchen.

Wer hat es formuliert?

Dort stand ein offenbar frisch restaurierter MAN Rundhauber, ein Klassiker unter den Packeseln des 20. Jahrhunderts, den ich zu fotografieren vorhatte. Die Fotodateien sind mit Datum und Zeit signiert. Also läßt sich halbwegs genau sagen, wann dieser Anruf von Christoph Stark stattgefunden hat.

Ich wußte zu der Zeit, daß ich durch ein aktuelles Projekt neue Opponenten hatte. Es war mir gelungen, den Zuschlag für das überhaupt erste formelle LEADER Kulturprojekt der Steiermark zu bekommen. Das hieß, unser kleiner Kulturverein namens kultur.at durfte (für eine LEADER-Periode) innerhalb von vier Jahren über 400.000,- Euro bewegen, deren Verwendung übrigens strikt an das Bottom up-Prinzip gebunden war.

Ich hatte am 5. November 2009 noch nicht wissen können, was unmittelbar davon geschehen war, durfte es aber herausfinden. Es muß am 28.10.2009 ein Arbeitsgespräch mit der damaligen Landeskulturreferentin Bettina Vollath (SPÖ) gegeben haben, denn ein diesbezügliches Arbeitspapier trägt dieses Datum.

Das Papier, dessen Autor mir bis heute unbekannt ist, war auf jeden Fall in den Händen des damaligen Nationalratsabgeordneten Christian Faul (SPÖ). Das ist mit einer Fotografie belegt. Dieses Papier (sie können es am Ende dieser Glosse zur Ansicht downloaden) zeichnet sich durch besonderen Zynismus aus, denn es paraphrasiert mein „Kunst Ost“, ist mit „Protokoll zur Besprechung Kultur-Ost“ überschrieben.

Es offenbart die detaillierte Kenntnis meines Konzeptes für das erwähnte EU-Projekt, spricht mir jegliche Kompetenz ab und begründet kühn, weshalb man mich und dieses Projekt verhindert sollte. Daraus kann ich nur schließen, daß jemand darangegangen war, mir das Budget abzujagen und mich beruflich umfassend zu diskreditieren.

Zur Orientierung: Christian Faul war damals Weizer Kulturreferent (Politik), Georg Köhler der Weizer Kulturbeauftragte (Verwaltung). Es wäre von daher völlig legitim gewesen, daß sie mein Projektkonzept kennen, denn es betraf ja die „Energieregion Weiz-Gleisdorf“, eine bis heute bestehende LEADER-Region.

Lesenswert! (Download am Glossen-Ende)

Die zeitliche Nähe zwischen dieser im Protokoll genannten Besprechung (mit Vollath?) und dem Telefonanruf von Stark bringt mich zum Schluß, daß mehrere Leute von jenem Treffen mit Landesrätin Vollath wußten. (Auf jeden Fall war Fauls parlamentarische Mitarbeiterin Sabine Prazsky dabei.)

Wenn ich mich recht erinnere, waren damals auf der Verwaltungsebene zwei Landesbedienstete für LEADER-Projekte und den Kontext Kultur zuständig: Gerald Gigler ganz generell im Bereich „Entwicklung im ländlichen Raum“ und Sandra Kocuvan für die Kulturabteilung. (Waren sie Teil dieser Besprechung?)

Ist es vorstellbar, daß diese beiden Kräfte vom Treffen und dem genannten Papier nichts wußten? Naja, wenn sie davon gewußt hätten, wäre ein Gespräch mit mir unverzichtbar gewesen, denn ich stand am Anfang eines anspruchsvollen Kulturprojektes innerhalb ihrer Zuständigkeit. [Fortsetzung]

— [The Long Distance Howl] —

Das Dokument, eine glühende Rufschädigung
Die Signatur des originalen PDF-Dokuments nennt unter „Autor“ den Namen Sabine Prazsky, was aber vermutlich die Schreibkraft (Büroassistentin) bezeichnet, von der das Dokument erstellt wurde. Christian Faul schrieb in „Weiz präsent“ vom Mai 2010: „In dieser Ausgabe möchte ich Ihnen meine parlamentarische Mitarbeiterin Mag. Sabine Prazsky auch bildlich vorstellen.“ Hier der Download als PDF-Datei (64 kb)

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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