Was es wiegt, das hat’s IV: Weiz

(Beiträge und Fragen zu einer nächsten Kulturpolitik)

Nachdem ich die dritte Session von Johannes Schwarz, sein Südsteiermark-Meeting, ausführlich rezensiert hab, wäre es mir recht gewesen, einige Reaktionen vorzufinden. Bisher aber nur Schweigen zur Möglichkeit, einen kulturpolitischen Diskurs in die Öffentlichkeit zu tragen.

Der Andere: Maler Hannes Schwarz, ein radikaler Geist und präziser Denker.

Gut, es ist wie es ist. Schwarz ließ sich den Slogan „Kultur ist mehr“ anheften. Mehr als was? Das erfahren wir nicht. Sie ahnen schon: üblicher PR-Sprech. Inhaltsfrei. Derzeit promotet Schwarz seine Fahrt in die Oststeiermark. (Die reicht – historisch betrachtet, von den Fischbacher Alpen im Norden zum Stradener Kogel im Süden.)

Was er unter „Sommer, Sonne, Clubgespräch!“ ankündigt, darf ich ein wenig erläutern, denn da ist eine eigentümliche Seilschaft im Spiel, deren Zusammenhänge ja nicht allgemein bekannt sein dürften. Der Reihe nach, soweit es jene Personen und Positionen betrifft, die ich aus ihrem konkreten Tun selbst kenne:

+) Kunsthaus Weiz
+) Michaela Zingerle (Styrian Summer Art)
+) Richard Frankenberger
+) Hannes-Schwarz-Zentrum
+) Kunstschule KO
+) Erwin Eggenreich (Bürgermeister)
+) Oswin Donnerer (Kulturreferent)

Nun sachlich sortiert. Selbstverständlich ist es die Bezirkshauptstadt Weiz. Das einzige oststeirisches Beispiel für Jahrzehnte einer ungebrochenen SPÖ-Stadtregierung, die ihre Meriten und ihre Protégées hat.

Das rote Weiz im schwarze Schatten
Bürgermeister Erwin Eggenreich war in den 1980er Jahren Teil einer jungen Kulturbewegung, die sich etwa in Formationen wie „Ventil“, „Reiz“ oder „So-Verein“ manifestiert haben. Aber es ist Jahrzehnte her, daß sich derlei Wege trennten und Eggenreich fiel seither öffentlich durch keinerlei kulturpolitische Expertise mehr auf.

(Quelle: Facebook)

Ohne jegliche öffentlich bekannte kulturpolitische Expertise ist auch Kulturreferent Oswin Donnerer, der vor Jahren den einstigen Nationalrat und Haudrauf Christian Faul in dieser lokalpolitischen Position abgelöst hat. Eggenreich und Donnerer, beide Lehrer, sind nach meiner Einschätzung reine Zeitvergeudung für das kommenden Klubgespräch, in dem es ja angeblich darum geht, wo Kunst- und Kulturschaffenden „der Schuh drückt“ und was nun eventuell zu tun sei.

Der eigentlich maßgebliche Mann in der Weizer Kulturpolitik tritt hier gar nicht in Erscheinung. Es ist die Verwaltungskraft Georg Köhler. Er muß sich offenbar aus protokollarischen Gründen bei diesem Gespräch zugunsten der formal zuständigen Politiker im Hintergrund halten.

April 2009: Georg Köhler konnte es schon damals erkennbar nicht leiden, daß wir eine lebhafte Gleisdorf-Weiz-Connection eingerichtet haben.

Köhler hat in Weiz zur Ebene alles eisern im Griff. Da wächst kulturell nichts, was er nicht goutiert. Unter Kulturreferent Faul mußte er sich noch in zweiter Reihe zurückhalten und seinen Dienst mit gebeugtem Haupt tun. Das hat sich unter Donnerer geändert.

Zu ebener Erde und im ersten Stock
Warum „in Weiz zur Ebene“? Das werden Außenstehende nicht wissen. Weiz und Weizberg. Das rote Stadtzentrum und die schwarze Hügelspitze. Denken Sie kurz in historischen Dimensionen! Die auffallend große Weizberg-Kirche, quasi eine Faust der Gegenreformation, wurde im Jänner 2018 zur „Basilika minor“ erhoben. Sowas kommt natürlich nicht aus dem Blauen.

Es ist ein Ehrentitel: „Basilika minor“. Höher geht es in unserer Gegend nimmer. (Es gibt bloß vier „Basilicae maiores“. Nicht einmal Österreichs Basilika Mariazell gehört zu dieser Oberliga.) Wie erwähnt, im Jänner 2018 wurde die Weizberg-Kirche auf diese Art geehrt. Zufall? Das glaube wer will, ich nicht. Der 2017er Reformationstag (31. Oktober) war nämlich ein spezielles Datum.

500 Jahre Martin Luther und seine 95 Thesen (1517 bis 2017), dann 1518 die Heidelberger Disputation, also: „Natürlich waren die Feierlichkeiten für das Reformationsjubiläum 500+1 etwas kleiner als zur ‚großen‘ 500, aber ebenso wie im Vorjahr gab es vielfältige Veranstaltungen zu erleben.“ [Quelle] Da antworten die Katholiken eben auf symbolischer Ebene.

Auf dem Weizberg hat Theologe Fery Berger das Sagen. Ein sozial und politisch sehr erfahrener Mann, neben Obmann Erwin Stubenschrott ein wesentlicher Exponent der „Solidarregion Weiz“. Doch weit wichtiger ist Bergers Verantwortung für die Weizer „Pfingstvision“, einem Format von internationaler Wirkung.

April 2009: Fery Berger (links) und Walter Kratner

Im Kielwasser diese Besonderheit wirkt Fery Bergers Protégé, der Künstler Walter Kratner. Er ist Kurator der „Kunst am Weizberg“ und jemand, der von Gegenwartskunst eine fundierte Ahnung hat, was ich übrigens bei Köhler sehr bezweifle. Man darf annehmen, daß einst Kratner und Faul nicht gar so kompatibel waren, während sich Kratner und Köhler inzwischen sehr gut arrangiert haben.

Pragmatischer Revierschutz
Nun wäre auch vom „Hannes-Schwarz-Zentrum“ zu reden und von der „Kunstschule KO“. Für die zeichnet Hubert Brandstätter verantwortlich. Ein linientreuer Vasall von Georg Köhler, der sich sehr engagiert, für Weiz eine Art „Gebietsschutz“ durchzusetzen. Ein ganz ungeschminktes Revierverhalten, das ich für völlig unmoralisch halte, das aber faktisch von Eggenreich und Donnerer mindestens gebilligt wird.

Winfried Kuckenberger, einst Kulturamtsleiter von Gleisdorf, könnte Lieder singen, was die leidenschaftliche Konkurrenz zwischen Weiz und Gleisdorf an Kuriositäten hervorbrachte. Er hat sich ausdauernd bemüht, den „Schorschi“ (Köhler) zu einer kooperativen Haltung zu bewegen. Viel war da nicht möglich.

Brandstätter verpflichtete sich, über das Zentrum die „Würdigung und Förderung des Werkes von Hannes Schwarz in der Öffentlichkeit“ zu betreiben. Das ist bei diesem Klubgespräch ganz offenbar nicht gelungen, denn es gibt für Außenstehende keinen Hinweis, was es damit auf sich habe. (Es werden in der Steiermark ja allerhand Budges mit inhaltlichen Versprechungen lukriert, um dann anderen Zwecken zu dienen.)

Michaela Zingerle, Chefin des bewährten Kursprogrammes „Styrian Summer Art“, gehörte seinerzeit zum Team von „Kunst Ost“ (Ära Christian Faul) und könnte erzählen, wie unverblümt und unverschämt ihr Brandstätter mit Konsequenzen gedroht hat, sollte sie ihr Angebot auf Weiz ausdehnen. Zingerle und Keramikerin Christa Ecker-Eckhofen (dazumals ebenfalls bei „Kunst Ost“) fanden das seinerzeit eher amüsant.

April 2009, von links: Hubert Brandstätter, Christa Ecker-Eckhofen und Michaela Zingerle bei einem Arbeitstreffen in Gleisdorf.

Brandstätters Kunstschule gehört zum beliebten Kurs-Zirkus des Landes und ist wesentlich dem Bereich Hobbykunst gewidmet. Das Kursprogramm belegt, daß hier das gleiche Marktsegment bewirtschaftet wird wie von Zingerles Kursangebot.

Business as usual
Brandstätters Kursangebot füttert unter anderem auch Kräfte, die man dann bei der maßgeblichen Weizer „Kunstgruppe AKU“ findet. Hauptsächlich Voluntary Arts, eine Hobbykunst-Gilde, die der Politik erfahrungsgemäß weit willfähriger entgegenkommt, als professionelle Künstler das tun.

Natürlich stellt Brandstätter in Abrede, daß er in dieser Formation Wirkmächtigkeit habe, etwas bestimmen würde, aber die „Akunale“ ist eine sichere Sache für Köhler und Brandstätter. Es bleibt eine Frage der Revier-Kontrolle. Wie gesagt, was diesem Team nicht zusagt, mag gelegentlich stattfinden, aber wird in Weiz nicht gedeihen.

Zu Michaela Zingerle wäre noch zu sagen, daß sie dem Vorstand der IG Kultur angehört und außerdem seit Jahren ein gutes Verhältnis mit Sandra Kocuvan pflegt. Die ist als Landesbedienstete Leiterin der EU-Beratungsstelle im Kulturressort des Landes Steiermark. Sie gehört überdies der SPÖ-nahen Steirischen Gesellschaft für Kulturpolitik.

Kocuvan hat die GKP zuletzt mit „Die Vielen“ verknüpft und so etwas Radical Chic in die Sache gebracht: „Solidarität statt Privilegien. Es geht um alle. Kunst und Kultur bleiben frei.“ [Quelle]

Landesdienst, Partei, Kulturgewerkschaft, Protestbewegung, alles unter einem Hut und das dann zum Beispiel über den offiziellen Youtube-Kanal der Landes unter „Dein Land Steiermark“. Ich nehme an, so geht „Sozialpartnerschaft 2021“. Das finde anscheinend nur ich etwas diskussionswürdig. (Und für die IG Kultur Steiermark, eine Art Kulturgewerkschaft, ist das okay?)

Nun wäre bezüglich der oststeirischen Hintergründe auch noch LEADER-Manager Wolfgang Berger zu erwähnen, um jene Frankenberger-Kocuvan-Zingerle-Connection ein wenig auszuleuchten, denn daß sich Frankenberger (ein hervorragender Künstler) als regionaler Experte der Vernetzung und als Aktivist hervortut ist… lustig. Aber von diesen Zusammenhängen später…

Mein Fazit
Mein Thema für dieses Klubgespräch wäre ja: „Herrschaftswissen und Standortvorteile als kulturpolitische Faktoren im Restaurieren kulturpolitischer Strategien des 20. Jahrhunderts“.

Die Statthalter zweier Reiche (Ostweiz und Westweiz): Walter Kratner (links) und Hubert Brandstätter.

Kulturpolitischer Exkurs
Wenn es im Schwarz-Aviso „Hannes-Schwarz-Zentrum“ heißt, dann ist damit nicht der Politiker gemeint, sondern ein Maler von internationalem Rang, Gründungsmitglied des „forum stadtpark“. Wer den Künstler kannte, weiß auch, daß er einen enorm leistungsfähigen Verstand hatte und eine inhaltliche Strenge pflegte, mit der sich manch einer gerne assoziieren möchte, ohne auch nur in die Nähe zu gelangen.

Im anstehenden Klubgespräch wäre es ja interessant zu erfahren, warum sich in Weiz keine Kräfte mehr finden lassen, die markantes kulturpolitisches Gewicht haben und zum Beispiel aus der „Bude“ kommen, aus einer der ansässigen Fabriken.

Künstler wie Richard Kratochwill (1932-2014) oder Albin Schrey, (1916-2002) goscherte Hackler wie Walter Supper (1948-2002), der mit gegenwärtigen kulturpolitischen Verhältnissen der Stadt Weiz unter Garantie Schlitten gefahren wäre…

Wie gesagt, zu ebener Erde ist inhaltlich alles in der Hand von Georg Köhler, der übrigens inzwischen auch dem steirischen Kulturkuratorium angehört und über Mittelvergaben des Landes mitentscheidet. (Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!)

— [The Long Distance Howl] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton, Kulturpolitik abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.