Es gibt nur eine Menschheit

Es war die dritte Kara Tepe-Session auf dem Gleisdorfer Hautplatz. Keine laute Angelegenheit. Aktuelle Informationen. Einige Reflexionen. Und eine markante Arbeit, ein buntes Geflecht auf den Stufen des Kirchriegels: „Ein Teppich für Kara Tepe“ von Anni Seitinger und Maki Stolberg.

Ein Teppich für Kara Tepe

Wer sich hier im Bezirk zu all dem engagiert, macht es nicht mit großer Geste, auch nicht als etwas „Großflächiges“, sondern ganz gezielt, sehr konkret. Das hat zum Beispiel darin seinen wesentlichen Sinn, daß man sich der Größe des gesamten Problems gegenüber nicht hilflos fühlt und individuell Verantwortung übernehmen kann.

Wer aktuell nach einer dubiosen politischen Doktrin (Pull-Effekt) geht und damit eben dieses individuelle Einstehen blockiert, hat nicht verstanden, daß solche Praxis vor allem auch dem eigenen Gemeinwesen dient. Wir müssen nämlich genau das üben: individuelle Verantwortung im Gemeinwesen. (Der Pull-Effekt, eine Doktrin, die ich in zeitgenössischer Fassung leider nirgends nachlesen kann.)

Reden Sie mit einem x-beliebigen Bürgermeister, fragen Sie die nächstbeste Bürgermeisterin! Genau diese Qualitäten – selbst konkret Verantwortung übernehmen – erleben seit vielen Jahren eine deutliche Erosion, was die Kommunen belastet. Die Balance zwischen Eigennutz und Gemeinwohl ist in keinem Fließgleichgewicht, sondern kippt laufend.

Fery Berger (links) und Franz Wolfmayr

Was meint individuelle Verantwortung? Ein Beispiel. Fery Berger („Way of Hope“): „Besonders bemüht haben wir uns in den letzten Wochen um die Aufnahme einer afghanischen Flüchtlingsfamilie. Ihr 12-jähriger Sohn leidet an einem schmerzhaften Tumor am Finger. Er muss dringend operiert werden. Ein Arzt wäre in Österreich bereit gewesen, ihn in seiner Klinik gratis zu operieren. Alle anderen Kosten für die Familie hätte die Solidarregion übernommen. Nach einem guten Gespräch mit dem Generalsekretär des Außenministeriums, Herrn Mag. Peter Launsky-Tieffenthal, und der österreichischen Botschafterin in Griechenland, Frau Mag. Hermine Poppeller, wurde aber auch dieses Hilfsangebot abgelehnt. Die harte Linie der Bundesregierung, ausschließlich vor Ort zu helfen, wird nicht geändert. Zugesagt wurde, dass man für das Kind eine Operation in Athen organisieren werde.“

Das ist eine völlig unakzeptable Situation, die einem wesentlichen Bemühen entgegensteht, auf das wir heute eigentlich mehr denn je angewiesen sind. Ich meine das Ringen um ein Menschenbild, mit dem unmißverständlich klar wird: Es gibt nur EINE Menschheit. Die ist zwar im Soziokulturellen kontrastreich aufgestellt, ist nach verschiedenen, gelegentlich kollidierenden politischen Konzepten strukturiert, aber in der Sache dürfen wir nicht ins vorige Jahrhundert zurückfallen.

Anders ausgedrückt: wo wir Mitmenschen zu „Gegenmenschen“ umdeuten, ist der Schritt zum „Nichtmenschen“ nur klein. Und dieser Effekt tötet. Es war ein „Schlachtfest“ im Großen Krieg (1914-1918), das uns noch heute eine Hintergrundfolie für die Idee der weltumspannenden Völkergemeinschaft bietet.

Anni Seitinger (links) und Maki Stolberg

Es ist vollkommen absurd, Völker in Feindschaft zu denken. Kein Volk bedroht ein anderes, Regierungen bedrohen einander. Europa hat eine Reihe weiterer Erfahrungen gemacht, um erstens Ethnos und Demos besser unterscheiden zu können, zweitens in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte darzulegen, daß wir über die Vorstellung von EINER Menschheit nicht mehr streiten müssen.

Der Zweite Weltkrieg, der Holocaust, der Untergang Jugoslawiens… Uns sind über die Mechaniken der Menschenverachtung keinerlei Unklarheiten geblieben. Die Grundidee zur Menschheit als Einheit hat freilich eine ganz andere historische Dimension. Matthäus 25:40 lautet: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Nun sagt zum Beispiel Franz Wolfmayr („Solidarregion Weiz“): „Eine Aufnahme von Asylberechtigten kann jede europäische Regierung zulassen. Manche tun das ja auch. Es tut nicht weh, seine Meinung zu ändern und vor dem Elend eine neue politische Strategie zu entwickeln. Der Großteil der Österreicherinnen würde das auch gutheißen.“

Aber die Regierung legt sich quer, ohne uns ihre diesbezüglichen Gründe gut nachvollziehbar und sachlich untermauert darlegen zu können. Meine Damen und Herren, Sie schulden uns Rechenschaft, Diese Forderung wird nicht verstummen.

+) Kara Tepe (Glossen)

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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