Die Quest: Relationen

Unser 2017er Kunstsymposion wird weiter mit Fragen nach etlichen Aspekten einer zeitgemäßen Koexistenz befaßt ein. Da geht es zugleich um soziale Formationen und um neue menschliche Begegnungen.

16nov17_die_questDa geht es um Kommunikationstechniken und um die Koexistenz mit nächsten Maschinensystemen, aber auch um Umbrüche in der Mobilität, die uns gewohnt und unverzichtbar erscheint.

Wo wir mit Mitteln der Kunst vorgehen, berührt das immer auch Fragen nach der Conditio humana. Und schließlich: Ich habe eine Identität?

Wenn ich zu beschreiben beginne, was man für meine Identität halten könnte, wird es eine Erzählung, die vor allem Relationen schildert. Es scheint so zu sein, daß ich mit „Identität“ nur Tätigkeiten und Prozesse beschreiben kann, aber kein Inventar.

Der Verlauf von „Die Quest“ begann auf dem Balkan in der Begegnung von vier Kulturschaffenden, die bis heute vollkommen unterschiedliche Leben geführt haben.

Wenn wir derzeit über Europa nachdenken, ist die Frage nach der Konstitution dieses Raumes (Europa) fast brüllend laut und unhörbar.

16nov17_grenzeIch sehe in letzter Zeit wieder öfter die Idee von einem „Europa der Vaterländer“ im Gespräch. Ein Motiv, das in den frühen 1960er Jahren mit Charles de Gaulle assoziiert wurde, also nicht gerade taufrisch ist.

Schon damals hielt man ihm diese Ansicht als antiquiert vor. Präsident Pierre Pflimlin soll gesagt habe, das kenne man, das sei 19. Jahrhundert, eine Kategorie des Wiener Kongresses. (Ich stimme dieser Einschätzung zu!)

Wer sich aktuell darauf stützt oder beruft, legt damit offen, den Lauf der Geschichte intellektuell nicht zu bewältigen. Wie merkwürdig, daß der Begriff Vaterland heute so unverdächtig weitergegeben werden kann.

Wer bewohnt das Vaterland? Wer ist legitimes Kind des Vaterlandes? Ethnos oder Demos? Eine kulturelle Gemeinschaft oder ein Staatsvolk?

Ich sehe uns in Österreich derzeit vor allem mit ethnischen Deutungen konfrontiert. Das will also „unsere Kultur“ sein, die „unsere Bräuche“ kennt und pflegt, daher auch „unsere Volkskultur“ lebt und deshalb „unsere Identität“ zu schätzen weiß?

Ist das so? Ich zweifle. Wir sollten in der Wissens- und Kulturarbeit zu ein paar nächsten Klarheiten finden, worüber also zu reden ist, wenn wir Heimaten und Vaterländer erörtern.

Hanspeter Neuhold, Univ.-Prof. am Institut für Völkerrecht und internationale Beziehungen an der Universität Wien, gibt in einem Essay über das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ klare Hinweise, wo die Sache schon im Auftakt hakt.

Winfried Lehmann (links) und Helmut Oberbichler

Winfried Lehmann (links) und Helmut Oberbichler

Es gibt in Europa, wenn wir nach ethnisch-kulturellen Kriterien gehen, ungefähr 70 Völker, aber nur 36 Staaten mit je mehr als einer Million Einwohnern, „also fast doppelt so viele Völker wie Staaten“.

Neuhold erwähnt, daß 14 dieser 36 Staaten erst in den letzten Jahren entstanden sind, „die meisten davon ringen noch um ihre Stabilität“. Das ist vornehm ausgedrückt. Nehmen sie einige Balkan-Beispiele.

Als sich Montenegro von Serbien löste, wurde daraus ein Staat mit nicht einmal einer dreiviertel Million Einwohnern. Ein lebensfähiger Staat? Kaum! Und das Kosovo? Rund 1,8 Millionen Einwohner, aber weder politisch noch wirtschaftlich in der Nähe von Stabilität und Eigenständigkeit, überdies von ethnischen Konfliktlagen schwer belastet.

Bosnien und Herzegowina bringt es zwar auf rund 3,5 Millionen Menschen, ist aber durch die drei dominanten Ethnien im Land politisch völlig blockiert und dabei auch wirtschaftlich in enormen Schwierigkeiten. Bosniaken, Kroaten und Serben lassen nicht erahnen, daß ihnen in absehbarer Zeit ein gemeinsames Staatswesen gelingen würde.

Völkerrechtler Neuhold notiert, „daß genau die Hälfte der 36 europäischen Staaten derzeit mit ethnischen Konflikten unterschiedlicher Virulenz zu kämpfen hat“.

Wenn wir also Heimat und Vaterland nicht zu unterscheiden wissen, Staatsvolk und ethnische Gruppe nicht getrennt sehen möchten, argumentieren wir, wie einst de Gaulle, in Kategorien des 19. Jahrhunderts. Es sieht ganz so aus, als hätten wir seit jeher nicht genug Vaterländer für solche Konzepte.

Wir müssen offenbar ein paar Klarheiten über die Relationen und Formen der Koexistenz finden…

+) Die Quest [link]
+) Das 2017er Kunstsymposion [link]

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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