KWW: Praxis-Packerl

Unser Arbeitsansatz, in der regionalen Wissens- und Kulturarbeit die Felder Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft stärker zu verknüpfen, handelt ganz wesentlich davon, daß Verfahrensweisen und Rollenverhalten aus dem einen Bereich auch in den anderen Bereichen zur Anwendung kommen sollen.

Das "Schätzchen-Duo" Kerstin Feirer und Sonja Herbitschek

Das „Schätzchen-Duo“ Kerstin Feirer und Sonja Herbitschek

Das bedeutet aber nicht, eine Fachkraft aus dem einem Metier besucht die Leute auf dem anderen Feld, um ihnen zu zeigen, wo ihr Hammer hängt. Derlei wäre eine „multidisziplinäre“ Arbeitsweise, das kann allerhand bringen, das machen wir ohnehin laufend.

Dagegen meint „interdisziplinär“, ich probiere einmal Deine Modi und Prinzipien aus, selbst wenn ich darin nicht ausgebildet und entsprechend „qualifiziert“ bin, schon gar nicht zertifiziert.

Wir haben bei unserer Synergiekonferenz eben erst erlebt, daß die versierte Fachkraft angesichts solcher Zugänge eventuell einen energischen Warnruf losschickt, um in der Folge die Grenzen des eigenen Expertenfeldes zu markieren und abzusichern.

Was dann jenseits dieser Grenzen auf unbefugte Art geschieht, muß als banal gelten; so der etablierte Modus. Mit dem haben wir seit jeher zu tun, er bietet auch manche Annehmlichkeiten und man kann durchaus schätzen, was auf solche Art in ein kulturelles Geschehen einfließt.

Aber es ist eben ein Umgang mit Grenzen, die nicht in Frage gestellt werden dürfen. Wir sind allerdings neugierig, was geschieht und was sich zeigt, wenn man solche Grenzen einebnet. Und, ja, dabei übergeben wir manche Optionen auch an das Banale.

15nov19_packerl

Das korrespondiert mit meiner bevorzugten Kunsttheorie von Boris Groys, die auf einem sehr dynamischen Konzept beruht, wonach Dinge valorisiert oder trivialisiert werden können, also auf- oder abgewertet. Das bedeutet übrigens auch, daß etwas zuerst Aufgewertetes erneut abgewertet werden kann; vice versa.

Der interessante Punkt in dieser Sache: nichts ist auf der Seite des „Wertvollen“, „Erhabenen“, „Bedeutungsvollen“ sicher verstaut. Die wesentliche Mutmaußung: das Absichern „gesicherten Wissens“, selbst wenn es zum Beispiel seit 300 Jahren außer Streit stünde, dient in erster Linie dem einschlägigen Sicherheitspersonal, nicht der Sache selbst.

Auch andersrum wird es ein Schuh, möchte man sagen. Welche beständige Faktenlage ließe sich denn dadurch beschädigen, daß jemand mit den Arbeitsweisen spielt, ganz unbeschwert, also unverantwortlich spielt? Und wo kommt dann wieder Ernst in die Sache?

Muß ja nicht, kann aber. Wie am Beispiel des „Schätzchen“; genauer, am Beispiel einer Gleisdorfer Weihnachtsaktion. Die Charity-Aktion der Stadt setzt Gaben der lokalen Wirtschaft ein, um Benefizien zu erlangen.

Kerstin Feirer und Sonja Herbitschek haben dafür eine kulturelle Praxis aufgegriffen, wie sie auch in der Kunst geläufig ist. Sie triggern einen Prozeß des Erinnerns. Die Schachteln, Geschenke des „Schätzchen“, sind in ihrer jeweiligen Befüllung Unikate. Sie bergen zum Teil Dinge aus dem Leben anderer Menschen, sie beinhalten Sachen aus vergangener Zeit, die um einige neue Stücke ergänzt wurden, welche Assoziationen auslösen sollen.

15nov19_schaetzchen

Dabei kommen Aspekte von Objet trouvé und Arte Povera ins Spiel, Konzeptkunst und prozessuale Verfahren gaben Impulse, die Oral History stand gewissermaßen Patin. Aber darf man das alles denn trivialisieren? (Lesen Sie Boris Groys!) Freilich darf man das. Es passiert ständig und ist lebendiger Ausdruck unserer Kultur.

Der Erhalt eines dieser Packerl vom „Schätzchen“ führt überdies zu einem gemeinsamen Schritt realer sozialer Begegnung, woraus neue Situationen entstehen können, womit Work in Progress losgetreten werden mag. Gut, es ist ja bloß eine Geschäftsidee. Gut, es ist ja bloß ein wenig bedeutendes soziales Ereignis. Gut, es ist ja bloß ein Momentchen der Brauchstumspflege. Gut, es ist ja bloß…

Sie sehen also, es wird gleich ziemlich komplex, wenn Menschen verschiedener Felder ihre Methoden mixen, ihre Agenda austauschen, wenn ernste Problemlösung und absichtsloses Spiel sich vermengen dürfen. Die Ernsthaftigkeit gediegener Verfahrensweisen kann dabei gar nicht in Gefahr kommen, denn wie gewichtig wären sie, wenn das ginge?

Aber vielleicht entfaltet sich ein wenig mehr Lebendigkeit und buntes Treiben rund um die Elfenbeintürme. Schlecht? Na, man kann von drinnen ja auch Balken und Fenster schließen. Dann bleibt man unbehelligt.

— [Die Synergie-Konferenz] [Generaldokumentation] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.