Die Praxis des Kontrastes: Kosovo

Eigentlich sollte es längst allen klar sein, ist es aber offenkundig nicht: Wo Mitmenschen zu „Gegenmenschen“ erklärt werden, bricht das auf, was uns als Zivilisation gegen die Wildnis schützt. Wenn wir in unseren Reihen hinnehmen, daß „Menschen zweiter Klasse“ markiert werden, sind wir alle freigegeben. Dann kann es unter passenden Umständen jede und jeden von uns treffen.

Gleisdorf 2008

Die kosovarische Crew 2008 in Gleisdorf


Vielleicht ist diese simple Tatsache ein wesentlicher Grund dafür, daß derzeit auffallend viele Menschen Österreichs zu eben dieser Zweiteilung neigen. Klingt paradox, läßt sich aber erklären. Doch das darzulegen ist gerade nicht meine Aufgabe.

In Gleisdorf haben sich verschiedene Kulturschaffende zu exponieren begonnen, um mit Flüchtlingen zu arbeiten. Worum es dabei geht, betrifft aber nicht bloß jene auf der Flucht. Wir haben miteinander zu klären, was dieses Europa demnächst sein möchte und sein kann, denn diese Welt ist von neuen Kräftespielen bewegt, in denen anscheinend kaum ein Stein auf dem anderen bleibt.

Es geht also im kulturellen Engagement, das in Gleisdorf stellenweise verknüpft wurde, zwar um Flüchtlinge, aber auch um weitreichendere Zusammenhänge. Es geht um die Kontraste aus der Berührung mit anderen Ethnien. Es geht um die Erfahrung, was wir etwa an kulturellen und sozialen Inhalten teilen, wenn wir auch sonst nicht unterschiedlicher sein könnten.

2008er Kuriosität: Ein Land, fünf Männer,  drei Arten von Reisepässen

2008er Kuriosität: Ein Land, fünf Männer, drei Arten von Reisepässen

Sie verstehen den springenden Punkt? Ich hab in meinem Blick auf Fremde immer die Wahl, ob ich gerade das Trennende oder das Gemeinsame näher betrachten möchte. Wir Kulturschaffenden haben uns entschieden, das Gemeinsame zu bearbeiten, was ja einen Hauch anspruchsvoller ist, denn was uns trennt, kann jeder Depp auf Anhieb sagen.

Es geht demnach um eine kollektive Praxis der Kulturarbeit, in der wir nicht nur etwas mehr über andere, sondern auch über uns selbst herausfinden.

Das kann in unscheinbaren Momenten deutlich werden. Ein Beispiel. Trauen Sie sich zu, die Sprache passend zuzuordnen, wenn sie albanische Kosovaren reden hörten? Würden Sie auch das Serbische erkennen? Hier ist ja von Europa die Rede, das nicht bloß aus EU-Mitgliedern besteht. Kennen wir die Klänge unseres Kontinents?

Als Karl Bauer [link] sich das erste Mal bemühte, Künstler aus dem Kosovo nach Gleisdorf zu bringen, war es für Privatpersonen annähernd aussichtslos, den Leuten Visa zu verschaffen. Das Kosovo ist in Österreich damals vor allem als Region erschreckender Kriegshandlungen geläufig gewesen.

Die komplexe ethnische Struktur, die kulturellen Zusammenhänge, all das kam als Informationsangebot gar nicht erst so recht bei uns an. Was 2008 aus Bauers Bemühungen entstand, ist in „shqipetaret“ dokumentiert und hatte einige Konsequenzen: [link]

Karl Bauer

Karl Bauer

Nun hat Bauer für kommenden September eine Folgeveranstaltung auf die Schiene gebracht. Dazu wirkt inzwischen ein Netzwerk regionaler Kulturschaffender. Bauer zum Stand der Dinge:

„Es werden auch bestehende Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Entwicklungen in Gesellschaft und Politik in kulturellem Kontext angesprochen und die Kunstschaffenden mit der steirischen Szene vernetzt. Dadurch gewinnt das Projekt an öffentlicher Relevanz und soll auch die Menschen mit Migrationshintergrund bei uns ansprechen. In weiterer Folge ist geplant, ein ähnliches Projekt im Kosovo unter Beteiligung österreichischer Kunstschaffender umzusetzen.“

Im Fall von Kunst Ost sieht die Verknüpfung vor, daß wir im Rahmen des kommenden Gleisdorfer Kunstsymposions einen Round Table („Talking Communities“) abhalten, der einem Teilprojekt zugehört, das uns mit Mazedonien verbindet. Wir haben uns dem Thema „From Diaspora to Diversities“ gewidmet.

Es geht uns da teilweise um die Fragen, was aus unseren Ideen einer „nationalen Kultur“ wird, wenn die junge Ideologie des Nationalismus längst keine tragfähigen kulturellen Konzepte mehr abwirft, wo aber in diesem sich radikal wandelnden Europa die Fragen nach Ethnos und Identität brisanter denn je sind.

Dabei bauen wir auf die Vorarbeiten der letzten Kunstsymposien, die 2013 und 2014 den Fragen nach diesem Europa zwischen 1914 und 2014 gewidmet waren.

+) From Diaspora to Diversities [link]
+) Gleisdorfer Kunstsymposion 2015 [link]

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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