Wohin weist die Kulturpolitik?

Es gab in den letzten Jahren einige Abschnitte, da waren auch Kräfte aus Politik und Verwaltung geneigt, Teile der Oststeiermark als Kulturregion zu entwickeln. Die Betonung liegt auf „entwickeln“, denn man kann derlei weder dekretieren, noch durch PR-Maßnahmen herbeireden. Es muß erfahrungsgemäß in laufenden Prozessen erarbeitet werden.

Weiz und Gleisdorf bilden markante Positionen, doch auch die Dörfer, die kleinen Gemeinden, haben ihre Geschichte(n) als Orte kulturellen Engagements von Bürgerinnen und Bürgern. Welche Kriterien und Vorhaben hat die Politik in den letzten Jahren skizziert? Eine kleine Rückschau:

+) Leitbild Gleisdorf
Die Solarstadt Gleisdorf begeistert mit „Im Herzen die Sonne“
– Die Worte Kunst und Kultur kommen darin nicht vor.
– Die Quelle im Web: [link]
– Auch eine frühere Leitbildfassung Gleisdorfs begnügt sich mit poetischen Wohlfühl-Sätzen, die Worte Kunst und Kultur fehlen, nicht einmal Volkskultur oder Alltagskultur fanden Berücksichtigung.
– Die Quelle: [link]

+) „Der Fusions-Aktions-Plan“
…bleibt im Themenblock „Kunst und Kultur“ recht allgemein.
– Bemerkenswert ist sicher der Satz: „Eine allgemeine Aufwertung der Volkskultur soll stattfinden.“ Was das konkret bedeutet? Wissen wir im Moment noch nicht.
– Bemerkenswert ist auch die Festlegung: „Die Sicherung des Fortbestandes kleinerer Projekte und Initiativen war eine der Prioritäten.“
– Die Quelle als PDF-Dokument: [link]

+) Leitbild Weiz
Zukunft gestalten und sichern
– Darin gibt es ein Kapitel „Weiz ist Kultur und Bildung“. Doch über die Praxis von etwa „Konzept ausarbeiten zur Verstärkung der dynamischen Kulturszene“ kann ich keine Belege oder Dokumente finden.
– Folgende Sätze kennen wir zu gut aus der üblichen Ankündigungspolitik, aber wo ist die Umsetzung belegt? Vollmundige Sätze wie: „Förderung autarker Kunstvereinigungen“ oder „Aufbau eines nachhaltigen Kunst- und Kultursponsorings“.
– Die Quelle als PDF-Dokument: [link]

+) Energieregion Weiz Gleisdorf
Ein „Regionaler Entwicklungsplan 2007-2013“ assoziiert mit dem Wort Kultur hauptsächlich Agrikultur. Was Kultur in einem kulturpolitische Sinn bedeutet kann, wurde offenbar nicht ausgelotet.

Manche Sätze verraten die ökonomische Fokussierung, beispielsweise: „Solch eine ganzheitliche Berücksichtung des Energiegedankens in der Region kann positive Auswirkungen auf die Wirtschaft, den Tourismus, die Kultur, etc. haben und die regionale Wertschöpfung wesentlich erhöhen.“

Der im Grunde völlig hohle Containerbegriff „Lebensenergie“ simuliert dabei kulturpolitische Kompetenz, um dann ganz beliebig befüllt werden zu können.

Im Kapitel „5.2.5. Innovativer Charakter“ dann das grundlegende kulturpolitische Karaoke, durch das man ersehen kann, daß die zuständigen Autorinnen und Autoren des Papiers kein einziges ernsthaftes Gespräch mit sachkundigen Kulturschaffenden geführt haben. Ich zitiere:

„Der innovative Charakter zeigt sich dadurch, dass +) erstmals eine Vernetzung zwischen Vertretern der technischen mit der vitalen Energie stattfindet, +) beide Aspekte der Energie über Kooperationen zwischen den Bereichen Jugend, Kultur, Wirtschaft und Tourismus gemeinsam vermarktet werden.“

Aufgrund seines Alters darf dieser „Endbericht September 2007“ heute als historische Kuriosität gelten und wir müssen uns damit nicht weiter aufhalten.
– Die Quelle als PDF-Dokument: [link]

Hier wußte jemand nicht, wovon eigentlich die Rede wäre

Was nun eine Gesamtschau der kulturellen Optionen ergibt, macht auffallend: wer Volkskultur als „Volkskultur“ apostrophiert, distanziert sich merkwürdig von diesem Begriff. Weshalb? Wer Volkskultur gerade noch mit „Bäuerlichem Wissen“ und „Trachtennähen“ assoziiert, ist unserer steirischen Volkskunde leider ein paar Jahrzehnte hinterher. Die Volkskultur ist sozial und kulturell ein wesentlich größeres Feld.

Dafür wird etwa der Begriff Gegenwartskunst von Offiziellen gerne gemieden. Weiß dafür jemand zu sagen, was das Wort Soziokultur meinen könnte?

Fest steht allerdings, daß sich Gleisdorfs Bürgermeister Christoph Stark (als hochrangiger Funktionstragender der Energieregion) in den anstehenden Fragen klar exponiert und für eine Verankerung des Kulturthemas im regionalen Entwicklungsleitbild eingesetzt hat.

Das erinnert leider daran, wie sehr ein Politiker mit einem Thema auf weiter Flur stehengelassen werden kann, wenn die die Basis der Primärkräfte (Kunst- und Kulturschaffende der Region) solchem Engagement nicht nachkommt. Anfang Jänner 2014 war klar, daß Stark sich aus dem Fenster gelehnt hatte, um das “Regionale Entwicklungsleitbild” mit den Bereichen Kunst und Kultur zu erweitern. Siehe dazu: „Kulturtisch #2: Positionen“ [link]

Bürgemeister Christoph Stark reklamierte Kunst und Kultur in das “Regionale Entwicklungsleitbild”

Der Rückblick zeigt, wie schweigsam die Kunst- und Kulturschaffenden danach geworden sind, um es erst wieder bloß Politik und Verwaltung zu überlassen, die Weichen zu stellen. Das kommt eine Bankrotterklärung dieser Szene gleich und wird vermutlich als ein Appell gedeutet, ihnen die Schrittchen vorzugeben und verfügbare Gelder streng zu verwalten.

Im Sommer 2014 war klar, das massive Umbrüche auf uns zukommen. Damals hätten verfügbare Informationen zum Status quo als ein Weckruf verstanden werden müssen. Siehe dazu: „Kulturpakt III: Kulturpolitische Orientierung“ [link]

Bei all dem fällt auf: Kulturpolitik ist natürlich nicht bloß das, was die politischen Kräfte festlegen, sondern auch das, was Kunst- und Kulturschaffende einbringen; oder schuldig bleiben.

— [Peripherie] [Generaldokumentation] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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