Heuchler und Schweigsame

Ich habe das Mißverhältnis der Mittel und Möglichkeiten zwischen Zentrum und Provinz oft zum Thema gemacht. Ein kritischer Diskurs, ein Zeichen von Verständigung, ein Bemühen, die Frage nach Verteilungsgerechtigkeit in kulturpolitische Debatten einzuführen, habe ich mit den Kolleginnen und Kollegen aus Graz noch nicht erlebt.

Quelle: Kulturförderungsbericht 2011 des Landes Steiermark

Aber auch in der Region/Provinz besteht da noch allerhand Klärungsbedarf. Was soll es geben? Was soll mit welchem Aufwand aus öffentlichen Geldern kofinanziert werden? Vor allem aber: Warum?

Es ging ja diesmal flott. Kaum hat sich der Staub in Pischelsdorf gelegt, die Hitze der Debatte ein Ende gefunden, um von der Hitze des Sommers ersetzt zu werden, da erreicht uns via Presse eine der zentralen Fragen, der wir uns wieder einmal nicht gewidmet haben. Dabei ist ja jede Frage nach den Agenda von Kulturpolitik auch eine nach den guten Gründen, um öffentliche Budgets bereitzustellen.

Katharina Zimmermann stellt via „Kleine Zeitung“ eine der maßgeblichen Fragen

Es ist eine Frage, auf die wir klare Antworten haben sollten. Der übliche Verweis auf interessante Studien ist müßig. Probier einfach, dem Bürgermeister von Hofstätten, der Bürgermeisterin von Urscha-Labuch auszurichten, daß sie jetzt endlich einmal die „Study on the contribution of culture to local and regional development“ lesen sollten; vielleicht innerhalb der nächsten vier Wochen, damit wir das Thema einmal debattieren können.

Man wird mir zustimmen, das ist kein sehr vielversprechendes Ansinnen. Ich kenne im Gegenzug genug Kunstschaffende, die waren noch nicht bereit, sich innerhalb von Jahren das regionale Regelwerk ihres Metiers, das Landeskulturförderungsgesetz von 2005, anzusehen; obwohl die Kenntnis solcher Grundlagen einem bei kulturpolitischen Vorhaben durchaus nützlich ist.

Kurz, wir behaupten viel und verknüpfen es vergleichsweise selten mit sachlichen Grundlagen, die zu ignorieren jede weitere Debatte hinfällig machen würde. Übrigens, ich hab einige lesenswerte Dokumente hier auf einer Liste zusammengefaßt: [link] Wir sollten ja besser nicht HINTER dem Status und UNTER dem Niveau von Arbeiten wie „Das kulturelle Profil der Stadt Graz“ (österreichische kulturdokumentation, 2007) debattieren…

Die in der Kleinen Zeitung aufgeworfene Frage sollte auch deswegen klare Antworten erfahren, weil wir regelmäßig erleben, daß kommunale Kräfte das Kunstfeld für politische Schlampereien mißbrauchen. Gerade solchen Leuten muß unmißverständlich geantwortet werden.

Ich hatte auf meinen Queue Cards für den Vortrag in Pischelsdorf ein exemplarisches Zitat. Es entstammt einer Gleisdorfer Wahlkampfbroschüre aus dem Jahr 2010, worin jede Person, die in den Gemeinderat wollte, eine Seite zur Verfügung hatte, um sich selbst und ihr Thema vorzustellen.

Warum redlich und sachkundig, wenn es auch unseriös und öffentlichkeitswirksam geht?

Wollte ich in den Gemeinderat, würde ich darstellen, welches kommunale Thema mir ein Anliegen ist, wo meine inhaltlichen Kompetenzen liegen. Ein Mann, der offenbar nichts dergleichen anzubieten hatte, lieferte den „Klassiker“. Er zerrte „Die Künstler“ vor den Vorhang, um mit einem Scheinargument die eigene Blöße zu bedecken.

Diese Nummer klappt immer, weil „Die Künstler“ der breiten Bevölkerung eher ein dubioses Milieu denn eine ernstzunehmende Berufsgruppe sind… woran vermutlich nur wir selbst etwas ändern können.

Indem der Mann eine sozial marginalisierte Randgruppe (Künstler und Künstlerinnen) gegen eine andere sozial marginalisierte Randgruppe (Bedürftige, Mindestrentner etc.) ausspielte, suggerierte er gesellschaftspolitische Kompetenz.

Nun ist erstens eben diese Polarisierung schon infam, weil sie unterstellt, Kunstschaffende würden den Ärmsten etwas wegnehmen, zweitens ist das sachlicher Mumpitz. Würde man das gesamte Kulturbudget der Steiermark streichen, hätte man noch nicht einmal zwei Prozent des Landsbudgets eingespart.

In der Debatte haben wir hauptsächlich erörtert, welche Fragen und Argumente stichhaltig seien. Jetzt fehlt noch Teil II, in dem Fragen geklärt und Argumente verfeinert werden.

Da müßte jeder Regionalpolitiker wissen, daß es vermutlich in anderen Ressort dringlicheres Einsparungspotential geben MUSS. Bei der Kultur ist einfach zu wenig da, um es – im schlimmsten Fall – sogar zu vergeuden.

Es ist demnach eine üble Heuchelei oder wenigstens ein Mangel an Kompetenz, wenn jemand das Herunterstutzen von Kulturbudgets fordert, um die Budgets der Kommunen und des Landes zu sanieren. Das ist also die eine Sache, die wir darzustellen in der Lage sein sollten, die andere eine klare Argumentation guter Gründe, die für eine permanente Kofinanzierung von Kunst und Kultur sprechen.

Ich betone: Kofinanzierung! (Hundert Prozent Abhängigkeit vom Staat kann ich als freischaffender Künstler nicht für wünschenswert halten.) Wenn sich aber die Heuchler gegenüber Schweigsamen breit machen können, ohne Einwände zu hören, wird es für uns eng…

— [Dokumentation] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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