Wovon handelt Kulturpolitik? #14

Künstler Karl Grünling hat in der „Kleinen Zeitung“ vom 7.2.12 ein paar Überlegungen zur kulturpolitischen Lage der Steiermark vorgelegt, die interessante Anregungen für eine aktuelle Debatte sein könnten. Mit den drei Bereichen der (Aus-) Bildung, Produktion und Vermittlung im möglichen Zusammenhang hält er sich gar nicht erst auf. Grünling spricht für die wirtschaftlichen Fragen von uns Kunstschaffenden. Seine Forderung: Mehr Direktförderung, weniger Funktionärswesen.

(Quelle: Kleine Zeitung)

Ich denke allerdings nicht, daß sein Befund ausreichend stichhaltig ist. Prinzipiell steht es ja jeder Einzelperson frei, zum Beispiel beim Land um eine Förderung vorstellig zu werden. Es gibt momentan einen neu besetzten Förderbeirat, dessen Tun wir noch nicht genau kennen, weil er in dieser Form ganz jung ist: [link]

Aber dem früheren, unter dem Vorsitz von Heimo Steps, wird man nicht vorwerfen können, er habe sich von der Politik zurufen lassen, was er tun solle. Wer also auf ein Förderansuchen negative Antwort bekam, das Recht auf Einspruch und Anhörung genutzt hat, wer dann dennoch ohne Zusage blieb, wird wohl akzeptieren müssen, daß ein bestimmtes Vorhaben zu dem Zeitpunkt nicht durchzubringen war. Das ist in jedem Metier ein ganz normaler Vorgang.

(Quelle: Kleine Zeitung)

Grünling meint, so würden wir an die Programmatik diverser Institutionen angepaßt. Sehen wir einmal davon ab, daß künstlerische Arbeit seit wenigstens fünftausend Jahren unter genau diesen Bedingungen stattfindet, daß nämlich Auftraggeber Interessen äußern. Auch das ist völlig normal und war nie anders. Man kann es sich freilich anders wünschen. Das hieße zum Beispiel, nicht für den Markt zu produzieren. Etliche Kunstschaffende haben diesen Weg gewählt. (Ich etwa.)

Was genau wäre nun wünschenswert? Zwei Wege der direkten Finanzierung von Kunstschaffenden sind gut eingeführt: Die Bestellung von Auftragswerken und Ankäufe. Dem könnte sich auch der Staat widmen. Halt! Tut er ja. Sollte es mehr Budget dafür geben? Welche Vergabe-Modi wären dabei vorteilhaft?

Beides müßte entsprechend begründet werden, denn daß a) die Marktsituation für Kunstschaffende in Österreich katastrophal ist, wissen wir ebenso wie daß uns b) die verfügbaren Budgets als zu klein erscheinen. Ein „Bitte mehr von all dem!“ fällt also in den Bereich „No na!“ und ist daher eine Null-Aussage.

Blieben noch einige andere Optionen. Stipendien? Gibt es. Ein lebenslanges Stipendium? Eine fixe Anstellung? Ein geschützer Arbeitsplatz? Das müßten Kunstschaffende schon aus Prinzip ablehnen. Die historischen Beispiele dafür sind eher beunruhigend bis abschreckend.

(Quelle: Kleine Zeitung)

Von der Einengung und der Gängelung ist unter meinen Kolleginnen und Kollegen oft die Rede. So auch hier. Aber wodurch soll die denn möglich sein? Wer kann mir mein Tun diktieren? Wer ZWINGT mich zu Kompromissen im Werk? Ja, ich weiß, die Marktlage kann nicht ignoriert werden, wenn man auf dem Kunstmarkt sein Brot verdienen will.

Aber das bedeutet bloß, ich werde mich dem entziehen, wenn mir da Bedingungen winken, die ich unakzeptabel finde, wenn mir meine künstlerische Freiheit geschmälert werden soll. Es gibt tausend andere Tätigkeiten, die mir Geld einbringen können und es mir ermöglichen, meine künstlerische Freiheit zu verteidigen.

Moment! Da ich Künstler bin, möchte ich mich freilich auch von meinem künstlerischen Werk ernähren können und sollte dabei nicht auf andere Tätigkeiten angewiesen sein. Gut. Aber ich will dabei keine Zurufe vom Markt entgegennehmen? Schwierig! Und eine Abnahmegarantie gibt es in keiner Branche, so natürlich auch nicht auf dem Kunstfeld. Was wäre der Ausweg?

Grünling nennt eine Option. Ein „eigenes Kulturbudget“, welches Kunstschaffenden direkt zugute komme. Das wäre also ein Splitting des bestehenden Kulturbudgets in ein a) Kulturbudget und ein b) Kunstbudget. Ist das so gemeint? Ist das machbar? Ist das wünschenswert? Das Kunstbudget wäre dann nur der primären Kunstproduktion gerwidmet, keinen anderen Aspekten wie Vermittlung, Diskurs etc.

Wer darf oder soll folglich im Bereich dieses Kunstbudgets einkommen? Nach welchen Kriterien soll jemand als kunstschaffende Person anerkannt werden? Vor allem von wem? Welches Gremium wäre dafür zuständig? Vielleicht ein Förderbeirat zuzüglich Fachbeiräte? Die haben wir ja schon. (Und der Modus ist seit dem 2005er-Kulturförderungsgesetz nicht übel.)

Wer würde sich mit den verbleibenden Mitteln eines Kulturbudgets um (Aus-) Bildung plus Vermittlung kümmern, um Kuratorien, Diskurs, Reflexion, kunsthistorische Texte etcetera? Oder regeln wir das selbst, weil wir ja die Berufendsten wären und weil es da schließlich um UNSER Berufsfeld geht? Nein, wir sollten uns eigentlich primär der Kunst selbst, der Kunstproduktion widmen. Aber wer bezahlt uns das? Der Markt? Der Staat? Ja. Nein. Beide und alle. Sonst noch wer?

Kurz, mir ist völlig klar, was Grünling meint. Und könnte ich das haben, wäre es fein. Angenehm. Aber das ist auch leicht dahingesagt. Jetzt möchte ich allerdings gerne wissen, wie dieser Modus genau aussehen würde. Dann wüßte ich schon etwas mehr, was wir konkret mit den Leuten aus Politik und Verwaltung verhandeln müssen.

Post Scriptum:
Wir haben nun die ersten Februar-Tage und nichts, absolut nichts, belastet meine Existenz als Künstler so sehr wie Modus und die Höhe der Beiträge, über die ich an Finanzamt und Sozialversicherung gekettet bin. Das wurde nämlich gerade wieder für das erste Quartal im neuen Jahr amtlich ausformuliert und schnürt mir den Hals ab.

Ich möchte also, etwas polemisch, anfügen:
Um das laufende Geschäft kümmere ich mich schon, wenn die Politik uns den Rücken stärken möchte, daß die Finanz- und Sozialreglements einer Kunst-E-M-U mit prekärer Marktsituation angemessener wären.

Immerhin sind rund 60 Prozent der Betriebe Österreichs „Einmannunternehmen“, wobei wir Kunstschaffende mit materiellen und immateriellen Gütern arbeiten, deren Marktwert und Sozialprestige einen kulturellen Status quo des Landes reflektieren, der so problematisch ist, wie es Grünling ja andeutet.

[überblick]

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar