Was es wiegt, das hat’s #57: Die Abenteuerreise

(Beiträge und Fragen zu einer nächsten Kulturpolitik)

Ich übe gerade „Etwas Ratlosigkeit für Fortgeschrittene“. (Das war mir als Titel für diese Glosse zu lang.) Klar, in meinem Fall erschiene mir simple Ratlosigkeit ungenügend. Das ist der Grübler in mir. Dabei sind das unglaublich spannende Zeiten, weil die aktuelle Seuche uns in annähernd jedem Lebensaspekt herausfordert. So gesehen ist inzwischen eine Menge Klarheit entstanden, die mir vorzüglich zum Abschluß einer Ära paßt, obwohl mir diese Klarheiten nicht geheuer sind.

Meine Reflexion der letzten 20 Jahre ufert aus. Das Thema wurde in einigen Bereichen viel größer als ich erwartet hab. Zur Erinnerung, ich bin derzeit im 19. von 20 Jahren eines Langzeitprojektes angelangt: The Long Distance Howl. Es war vom Start weg als ein Vorhaben konzipiert, das mit Wissens- und Kulturarbeit, auch mit Kunstpraxis, in das reale Leben eines konkreten Gemeinwesens hineinwirkt.

Dazu gibt es detaillierte Aufzeichnungen. Im Grunde hab ich schon vor dem Jahr 2000 einige Themenlinien gründlich dokumentiert. Das ging dann ab 2003 in das genannte Projekt über, mit dem kommenden Jahr – 2022 – sind die 20 Jahre rund.

Als ich kürzlich begonnen hab, einige Glossen unter dem Kolumnentitel „Was es wiegt, das hat’s“ zusammenzufassen, gefiel es mir, sie mit römischen Ziffern zu numerieren. Da war mir noch nicht klar, wie viele es werden könnten. Als ich bei über 50 angelangt bin, habe ich einen „Modus-Wechsel“ vorgenommen. Es schien mir passender und eleganter, mit arabischen Ziffern weiterzumachen.

Ich fühle mich derzeit unsicher in der Frage, welche Wege und Modi in meinem Metier sinnvoll erscheinen. Ich kann nach all den Monaten mit der Seuche, da wir nun im vierten Lockdown sind, keinen kulturpolitischen Diskurs finden, der über Belange aktueller Notlagen hinausreicht.

Ich sehe diese schrittweise Brutalisierung unserer Gesellschaft, wie sie sich in öffentlichen Äußerungen zeigt und langsam auch in Taten. Gleisdorf ist da keine Ausnahme. Ich hätte erwartet, daß mindestens der Kulturbereich ein verläßliches Feld seriöser Debatten ist, in denen überdies etwas wie Esprit erkennbar würde. Da habe ich mein Milieu überschätzt. Es scheint sich derzeit durchzusetzen, was mir manchmal als das Generalmotto Österreichs erscheint: „Was wird aus mir?“

Ich empfinde das als grimmigen Witz vor einem speziellen historischen Hintergrund Österreichs. Franz Josef I., einer unserer nutzlosesten Monarch, übrigens einer der Hauptverantwortlicher für den Großen Krieg, hatte ein bemerkenswertes persönliches Motto: „Viribus unitis“. Das bedeutet: „Mit vereinten Kräften“.

Ich will dieses Thema „Simulakrum“ gar nicht erneut aufgreifen. Wer in der Darstellung nach außen einen Status simuliert, der einen völlig anderen Zustand bemäntelt, wird gute Gründe haben und darin nicht anfechtbar sein.

Dann wäre es jetzt also besiegelt. Das Abschließen von The Long Distance Howl führt schlüssig in einen neuen Abschnitt über, den ich „Prisma: eine Quest“ (Wissens- und Kulturarbeit jenseits des Landeszentrums) genannt hab. Brüche und Brechungen. Die Abenteuerreise. Klarheiten sind nicht der Ausgangspunkt, sondern wären erst zu erringen.

— [Prisma: eine Ques] [The Long Distance Howl] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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