Jahre und Zahlenspiele V

Stanley Steamer

Ich hab in der vorigen Notiz den Blitzen-Benz von 1909 beschrieben. Einen „Land-Torpedo“, schneller als jedes Flugzeug und jede Lokomotive jener Tage. Der Begriff „Torpedo“ steht für eine Karosserieform, die davon geprägt ist, daß es zwischen Koffer-, Fahrgast- und Motorraum keine Stufe mehr gibt: durchgängige Gürtellinie.

1903: Louis Ross racing in a Stanley Steamer automobile.

Das war anfangs keine so windschlüpfrige Karosserie. Als aber der Blitzen-Benz mit seinem mächtigen Kolben-Motor die 200 Km/h-Marke überfuhr, spielte Aerodynamik eine Rolle von Belang. Die war in den Flugzeugen jener Tage noch nicht so herausgearbeitet, wie rund 20 Jahre danach, als die Ära der Silberpfeile anbrach.

Allerdings hatte das Wasser den Menschen schon tausende Jahre davor einen Eindruck verschafft, was Strömung bedeutet. Die Geschichte des Bootsbaues erzählt davon. Das drückt sich – bewußt oder unbewußt – in einem dampfgetriebenen Rekordfahrzeug aus.

1906: The 50-Horse-Power Stanley Record-Breaking Racer.

Der Stanley Woggle-Bug sieht aus wie ein umgedrehtes Kanu. Den Antrieb besorgten zwei Dampfaggregate. Mit diesem Steamer ging es auf dem Daytona Beach Richtung 200 Km/h-Marke. Genau genommen war das mehrere Modelle, von denen auch einige zu Bruch gingen. Da wurde zwischen 1902 und 1906 gefahren, was das Zeug hält.

Mit 130,4 Meilen pro Stunde war der Steamer über die 200 Km/h-Marke hinausgelangt. Scientific American berichtete ausführlich. Ich denke, diese Fahrzeuge stehen für eine Entwicklung, die uns Menschen eine permanente Beschleunigung des gesamten Lebens eingebracht hat. Diesmal ging das ohne Maschinenstürmerei ab, wie es im Jahrhundert davor etwa die Weberaufstände gezeigt hatten.

1906: The 50-Horse-Power, Light-Weight, Stanley Steam Racer.

Was gezeigt? Menschen leiden unter der Verschlechterung sozialer Bedingungen bei gleichzeitiger Beschleunigung aller Vorgänge. Was an diesen Tempomaschinen fasziniert, hat auch düstere Seiten. “Nicht weil die Leute faul sind oder nicht arbeiten wollen. Nein, sie leiden, weil sie bei all der Hetzerei ihre Arbeit nicht mehr so machen können, wie sie gemacht gehört”, sagte Philosoph Robert Pfaller kürzlich in einem Interview. [Vorlauf] [Fortsetzung]

+) Die Übersicht

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.