Jahre und Zahlenspiele IV

Blitzen-Benz

Ich denke mir heute schon nichts mehr, wenn Kleintransporter und beladene Pritschenwagen auf der Autobahn mit gut 160 Sachen an mir vorbeiziehen. Vor Jahren saß ich als Beifahrer in einer Familienkutsche Richtung Wien.

Der Blitzen-Benz von 1909 (Foto: Thesupermat, CC BY-SA 3.0)

Als es mit 180 Sachen durch ein langgezogene Kurve ging, rüttelten die wirkende Kräfte so massiv an uns, daß ich den Kopf einzog. Aber auf dem Motorrad kenne ich 200 Km/h. Das ist banal, allerdings sehr stressig.

Vor rund einem Jahrhundert ist das freilich eine außerirdische Geschwindigkeit gewesen. Anfang 1909 beschloß der Vorstand von Benz & Cie, einen Wagen zu entwickeln, der über die Zweihunderter-Marke rausfahren kann.

Ein Land-Torpedo, damals schneller als jedes Flugzeug (Foto: Thesupermat, CC BY-SA 3.0)

Ingenieur Hans Niebel sorgte für einen rund eineinhalb Tonnen shwere Rennwagen. Aus den 21,5 Litern Hubraum des Monster-Motors waren schließlich etwa 200 PS abrufbar.

Damit ging es im November 1909 erstmals in den Geschwindigkeitsbereich, den ich heute als eher ungeübter Laie schon mit einem relativ billigen Motorrad erkunden kann. Damals, wie erwähnt, ein sagenhaftes Ereignis. Am Blitzen-Benz sieht man exemplarisch, daß eine Linienführung, die man schon von Luftschiffen kannte, auf ein Kraftfahrzeug umgelegt wurde.

Mein Blitzen-Benz, Vorbote der Silberpfeile

Der Wagen ist wie eine Art Land-Torpedo gestaltet, um das mächtige Triebwerk mit einem Fahrer zu verbinden. Dicke Ketten bringen die Kraft auf die Hinterachse. (Sie finden auf Youtube verschiedene Videos, die das aufwendige Starten und den Lauf eines Blitzen-Benz zeigen. Sehenswert!) Ich hab natürlich eine Miniaturversion in meiner Vitrine.

Ein absolut puristisch ausgeführter Wagen, der anschaulich macht, wie ein Zuwachs an erreichbaren Geschwindigkeiten diese Torpedoform forciert hat; zu Wasser, zu Land und in der Luft. 1909 war vor allem auch ein Jahr, in dem die motorisierte Luftfahrt Triumphe gefeiert hat.

Luft-Torpedo: der Renner’sche Estaric von 1909

Ab da verbanden sich die technisch konstituierten Formen und Linien von Automobilen und Luftfahrzeugen untrennbar, um zugleich auch als Elemente kultureller Codes Wirkung zu entfalten. Seit damals ist übrigens zu fragen: was macht diese motorisierte Ruhelosigkeit aus den Orten unserer Anwesenheit? [Vorlauf] [Fortsetzung]

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jahrgang 56, freischaffend
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