Passend machen

Von Diskussionsrunden, die aus Deutschland übertragen werden, kenne ich den Stehsatz „Was nicht paßt, wird passend gemacht“. Das fügt sich sehr gut zum Thema meiner vorangegangenen Notiz. Ich hab nämlich ein passendes Mantra vorrätig: Wir sind sinnsüchtige Wesen.

Egal, was einem widerfährt, was man erlebt, es muß Sinn ergeben, um uns Irrsinn zu ersparen. Wenn sich das in der Betrachtung von außen auch nicht einstellen mag, wir haben innere Instanzen, die sowas regeln. Das macht aktuelle Konfliktlagen so plausibel.

Die Pandemie ist permanent Anlaß für Kontroversen. Ich staune schon das ganze Jahr über, was dabei alles an Mumpitz ausposaunt wird. In Gleisdorf finde ich zum Beispiel immer neu das Statement „Welche Pandemie?“.

Ich würde solche Leute nicht „Verschwörungstheoretiker“ nennen, weil ich eine Behauptung, die ohne Belege bleibt, nicht für eine Theorie halte. Ein ganzes Konvolut solcher Behauptungen ist immer noch keine Theorie, sondern bloß Geschwafel.

Aber ich erkenne an, daß Menschen sich Unpassendes passend machen; mitunter um jeden Preis. Weil sie zum Beispiel nicht ertragen, daß ein Status quo ihre Auffassungsgabe übersteigt. Oder weil sie nicht ertragen, daß jemand sagen muß: „Ich weiß es nicht“.

Das kannte ich doch schon so gründlich aus unserem Kulturbetrieb der letzten zehn Jahre. Die Mühen von Wissenserwerb ausschlagen. Zeiten der Unklarheit wegwischen. Den Zweifel abschaffen. Den Irrtum ächten. Auch unsere Politik zeigt längst solche Seiten. Im laufenden Kulturbetrieb hat das keine gefährlichen Konsequenzen. Es wird bloß Kulturbudget verbrannt, das manche unter falscher Flagge gekapert haben.

Ich war bei Vernissagen mit Arbeiten von Leuten, die können nicht zeichnen, haben keine Ahnung von Anatomie oder Proportionen, sind handwerklich ganz offensichtlich ungeschickt, haben oft nicht einmal Themen. Aber sie stellen sich unter die Flagge der Kunst.

Ich hab die eine oder andere Lesung erlebt, da bekam ich etwa von einem erwachsenen Menschen Lyrik zu hören, die mich fragen ließe: „Lesen Sie denn nichts? Kennen Sie keine relevante Literatur, wenn sie das für Gedichte halten?“ Zusammengeschustertes Zeug, da würde ich einem Teenager flüstern: „Laß es! Das wird nichts.“

Selbst in der Musik sind manche Menschen offenbar weitgehend schmerzfrei. Gut, in der Klassik traut sich das eher niemand. Geige, Cello, Klavier, da fliegt man sofort hart auf, wenn man stümpert. Aber was glauben Sie, was ich mir sommers anhören darf, wenn wieder einmal eine Coverband, aus alternden Mittelschullehrern zusammengesetzt, drüben im Park Meilensteine der Popkultur hinrichtet?

Inzwischen hat eine neue Bourgeoise weite Bereiche des Kulturgeschehens mit dem besetzt, was bestenfalls unter „Hobbykunst“ fällt und noch nicht einmal die Qualitätsstufen von Voluntary Arts erreicht. Mit Gegenwartskunst hat derlei gar nichts zu tun, will es auch nicht.

Der Kulturbetrieb als Distinktionsmaschine. Man will sich hervortun. Was nicht paßt, wird passend gemacht. Da kann dann auch die Provinz ruhig wieder provinziell werden, Hauptsache… Nein! Manche Entwicklungen lassen sich dann doch nicht zurückdrehen, auch wenn Lagergrenzen derzeit deutlicher hervortreten.

+) Für eine nächste Kulturpolitik
+) Die neue Bourgeoisie

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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