du sollst und ich werde

nach ibiza nun diese EU-wahl und ein weiteres festival des wegredens brisanter fakten. ich nehme etwas verstört zur kenntnis, daß jemand in detailreichen aussagen offenlegt, wie er die republik gerne in weiten bereichen verkaufen würde, die pressefreiheit versenken möchte und sich ein persönliches ausmaß an wirkmächtigkeit wünscht, das überhaupt nur aufgrund von schmutzigen geschäften vorstellbar ist.

ich bin beeindruckt, wie sich diese obszöne situation per medieneinsatz wenden ließ, wobei politisches personal mit einer angriffslust vorgegangen ist, die ich für extrem alarmierend halte. so gesehen sind große teile der wahlergebnisse für mich brüskierend.

ich bestaune, welche posen sich diverse kräfte der ÖVP in meiner näheren umgebung leisten, statt mir wenigstens im rahmen persönlich überschaubarer dimensionen einen hauch von schmagefühl erahnbar zu machen. das ist keine glanzstunde der demokratie, sondern ein bitterer moment geworden.

aber so ein gefühl muß nun eben individuell ertragen werden, denn eine breite gesellschaftliche abwehrreaktion gegen die möglichkeit, derart grundlegend hinters licht geführt zu werden, war nicht festzustellen.

allerdings haben sich die letzten wochen ohnehin als ein festival des „du sollst!“ entfaltet, während das „ich werde!“ bloß an manchen stellen vergleichsweise still und unerheblich flackerte. ich will diesen modus nicht fortschreiben.

selbstverständlich haben wir grade die tyrannei lächeln gesehen. man braucht sehr gute gründe, um das zu bestreiten. man müßte ein agent der blödheit sein, um das nicht zu erkennen. ich erwarte von den gefolgsleuten dieser aktuellen verhältnissse wenigstens so viel anstand, daß sie mir diesen befund nicht auszureden versuchen. ich will durch landläufiges schönreden nicht meine intelligenz beleidigt sehen.

bei all der angriffslust und bei all den polemiken, die ich jüngst am politischen personal erlebt hab, ist glaubwürdigkeit zu einem kostbaren, weil seltenen gut geworden. sie mögen sich ihr gezänk und ihre behauptungen sonst wo hinschieben. ich wünschte, sie würden auf jegliches „du sollst!“ verzichten und mir alle verfügbare zeit mit einem „ich werde!“ verfeinern. danach sieht es feilich momentan nicht aus.

ich halte pessimismus für eine unerfreuliche emotion. also muß ich das, was mich derzeit traurig macht, mit einem anderen konzept unterlegen. momentan klingt in mir am deutlichsten: dann beginnen wir eben von vorne. womit? nischen einzurichten und zu beleben, in denen redlichkeit davon handelt, daß denken, sprechen und tun sich in einem laufenden fließgleichgewicht miteinander befinden.

mein trost: selbst ein brachialer machtmensch wie dschingis kahn konnte sein politisches konzept nicht langfristig etablieren. wer allerdings der tyrannei im weg stehen möchte, wird dafür gelegentlich nur in kleinen nischen platz haben.

dann beginnen wie also von vorne, in den erwähnten nischen zu klären und zu erproben, wie in dieser medial vollkommen fragmentierten öffentlichkeit einer emotional und intellektuell vollkommen fragmentierten gesellschaft ein redlicher umgang mit solchen vorkommnissen möglich wäre, wobei dann wenigstens das, was gesagt wird, mit dem, was getan wird, halbwegs in deckung bleibt. alles andere wäre ja ein rückschritt zum faustrecht, das bloß dem vorrang gibt, der härter zuschlägt.

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Facebook-Notiz vom 27.5.2019

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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