Pigtures

Ich hab in einem weiteren Arbeitsgespräch mit dem Kulturschaffenden Karl Bauer einige Klarheit gewonnen, welche Schritte wir nun wie setzen werden, um ein großes Thema wenigstens an einigen Stellen greifbar zu machen. Bauer ist seit Jahren Teil solcher Prozesse, um beispielsweise auszuleuchten, was denn heute ein Bauernleben sei, wo wir uns diese Gegenwart nicht mehr mit den antiquierten Bildern einer ständischen Gesellschaft erklären können.

Der Gleisdorfer Kulturschaffende Karl Bauer

Der Gleisdorfer Kulturschaffende Karl Bauer

Da wir uns alle auf dem Weg in eine Vierte Industrielle Revolution (Industrie 4.0) befinden, sind wir dringend darauf angewiesen, die realen Zusammenhänge und unsere Bilder davon zu überprüfen.

Einer der Ansätze lag vor der Jahreswende in einem Gespräch mit Tierarzt Hannes Resch, der zwei bemerkenswerte Aussagen vorbrachte. Erstens, sein Elternhaus sei Pirchings letzte Landwirtschaft im Vollerwerb gewesen und zweitens er selbst der erste Nichtbauer seiner Familie seit rund 300 Jahren.

Das illustriert unser Thema am Beispiel einer einzelnen Biographie schon sehr markant. Nun ist Resch eine Schlüsselperson der Tierklink Gleisdorf Süd. Das verknüpft die Betreuung landwirtschaftlicher Betriebe mit dem Bedarf aus urbanem Leben, wo Haus- und Kuscheltiere einen bemerkenswerten Teil sozialer Beziehungen ausmachen.

Gegenüber der neuen Tierklinik die alte Landwirtschaft

Gegenüber der neuen Tierklinik die alte Landwirtschaft

Dem stehen quasi auf der anderen Straßenseite Betriebe wie die Spedition Jerich gegenüber, von deren Lagerhallen aus einige Industriebetriebe nördlich von Gleisdorf tagtäglich mit benötigten Gütern versorgt werden. Das Bild rundet sich, wenn man die Werkstätte für LKW in Wünschendorf betrachtet, wahlweise das Technikzentrum für Traktoren in Pirching.

Beachtet man ferner Veranstaltungen wie die Bergrallye [link] in Hofstätten, klingt hier auch das Thema „Volkskultur in der technischen Welt“ an, ebenso durch das „Maxi Gaudi Rennen“ [link] von Wünschendorf repräsentiert.

Wie schon angedeutet, das ist Ausdruck einer Verzahnung von agrarischen, industriellen und urbanen Lebenswelten. Diese Prozesse sind auch in ihren trivialen Erscheinungsformen von sehr interessanten kulturellen Aspekten bestimmt, was von bildungsbürgerlichen „Puristen“ bisher vorzugsweise ignoriert wird.

Das Technik-Zentrum handhabt Maschinen aus völlig verschiedenen Jahrzehnten

Das Technik-Zentrum handhabt Maschinen aus völlig verschiedenen Jahrzehnten

Aber zurück zum eigentlichen Thema, das sich im Februar 2016 etwa über die Ausstellung „Pigtures“ zeigen wird: „Eine künstlerische Begegnung mit dem Schwein“.

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit. Franz Arnfelser schrieb in seinem 1928 erschienen Buch über Gleisdorf und dessen Umgebung: „Der Viehstand, bestehend in 922 Pferden, 1019 Ochsen, 3279 Kühen, 635 Jungvieh, 288 Schafen und 12.000 Schweinen, war für die große Ausdehnung des Bezirkes und seine Fruchtbarkeit nicht sehr bedeutend.“

Ich war bei der Lektüre vom hohen Anteil der Pferde überrascht. Manche kleine Wirtschaften konnten als Zugtiere nur Kühe und noch nicht einmal Ochsen einsetzen. Zugtiere sind einst ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor gewesen, man schuftete ja nicht bloß für sich, sondern war der Obrigkeit recht umfassend verpflichtet.

Der Untertanenbefreiung von 1848 folgte rund ein Jahrhundert später ein völliger Umbruch des Agrarischen. Die Maschinisierung der Landwirtschaft, Kraftfutter und neue Dünger-Arten waren nur einige der Gründe dafür.

Ein unterschlagenes Thema: Motorsport als Volkskultur in der technischen Welt

Ein unterschlagenes Thema: Motorsport als Volkskultur in der technischen Welt

Hofstätten an der Raab, 1968 aus vier alten Gemeinden zusammengefaßt, illustriert beispielhaft, wie sich agrarische Welt, industrielle Entwicklung und urbanes Leben verzahnt haben. Es mag einem nicht sofort auffallen, wie diese Dinge im gegenwärtigen Leben zusammenhängen.

Ich habe hier einige Stichworte dazu vorgelegt. Die Ausstellung „Pigtures“ (Eine künstlerische Begegnung mit dem Schwein) ist als ein neuer Auftakt gedacht, diesen teil der Region in seiner interessanten Komplexität deutlicher sichtbar zu machen.

— [Das Projekt] —

 

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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