Es gibt nur uns, uns alle

Wir leben seit etwa 200 Jahren in einer permanenten technischen Revolution. Das Tempo dieser Veränderungen überfordert uns kulturell unaufhörlich. Simplifizierung ist eine bewährte Strategie, um den Alltag unter solchen Bedingungen zu bewältigen.

Finissage in der Gleisdorfer Galerie "einraum"

Finissage in der Gleisdorfer Galerie „einraum“

Manchmal aber überwältig der Alltag uns. Manchmal macht die Normalität Pause. Das sprengt unser Möglichkeiten einer eleganten Erledigung notwendiger Schritte.

Manchmal legen uns solche Momente Tote vor die Füße.

Es sind die Gebrauchsgegenstände und Werkzeuge aus diesen 200 Jahren einer permanenten technischen Revolution, mit denen Menschen ein langes Leben gewinnen können oder einen überraschenden Tod.

In unseren transnationalen Synchronwelten, die durch Mediennutzung wie durch Transportmittel verknüpft sind, stehen wir plötzlich den Toten in der Grazer Herrengasse gleichermaßen nahe wie den Toten auf syrischen, ukrainischen oder afghanischen Straßen.

Doch schon lange vor der Verfügbarkeit solcher technischer Mittel, längst vor dem Errichten dieser binär codierten Info-Sphäre einer globalen Menschheit, hat unsere Spezies geübt, von der Erfahrung individueller, familiärer Bindungen auch abzusehen und sich selbst in größeren Zusammenhängen zu begreifen als in bloß jenen der jeweiligen Herkunftsfamilie.

Was macht uns denn als Menschen aus? Eine beliebte Frage lautet: Was unterscheidet uns Menschen von den Tieren? Eine populäre Antwort besagt: Der Gebrauch von Werkzeugen.

Diese Antwort mußte längst fallen, weil auch etliche Tiere Werkzeuge benutzen und sehr wahrscheinlich sich selbst als individuelle Wesen wahrnehmen können. Etwas ganz anderes macht einen fundamentalen Unterschied.

Wir, wenigstes einige von uns, denken über Dinge nach, die es nicht gibt, die nicht da sind. Wir sind durch symbolisches Denken in der Lage, über die augenblickliche sinnliche Wahrnehmung weit hinauszukommen, sei es in die Vergangenheit hinein, sei es in die Zukunft hinaus.

Wir denken gerne über Dinge nach, die wir nicht sehen, die wir gerade nicht sinnlich erfahren können, wir reden gerne darüber. Zum Beispiel: Menschenwürde. Zum Beispiel: Die Menschheit. So ist es möglich, daß wir auch für jene Zuneigung und Mitgefühl haben, die uns keine Blutsverwandten sind.

Seit der Antike sucht die Bevölkerung Europas nach einem belastbaren Menschenbild, das über verwandtschaftliche Beziehungen, den Clan, die Sippe, hinausreicht. In solchen Abstraktions-Akten haben wir nun mehr als zwei Jahrtausende um eine Idee von der Bürgerin, vom Bürger gerungen, also auch um eine Idee vom Mitmenschen.

Ohne diese Idee wäre keine Politik möglich, kein modernes Staatenwesen. Was uns vaterländische Kräfte seit Jahren vorschwärmen, dieses „Wir!“ und dieses „Wir zuerst!“, das ist bloß kindlicher Mumpitz, mit dem sich nichts zusammenbasteln ließe, außer einer kleinen Diktatur.

So könnte sich heute bestenfalls ein Fürstchen sein Fürstentümchen zurechtträumen, doch das war schon vor über hundert Jahren eine antiquierte Idee, an der bei uns ein Kaiser gescheitert ist, was unseren Leuten 1914 den Großen Krieg beschert hat.

Wir wissen heute, und das steht außer jeder Diskussion, daß Wohlstand für alle und stabiler sozialer Frieden nur dann möglich sind, wenn wir niemanden aus diesem Menschenbild ausschließen, wenn wir für Verteilungsgerechtigkeit einstehen und wenn wir bereit bleiben, dafür zu kämpfen, daß die Würde des Menschen unteilbar sei.

Jeder Abstrich an diesen klaren Anforderungen weist darauf hin, daß jemand in Kauf nimmt, auf Kosten anderer zu expandieren und in Gesellschaften Hierarchien aufzubauen, in denen Minoritäten sich das Recht nehmen, Mehrheiten zu berauben.

Wir müssen diese Aspekte nicht debattieren, denn die Erfahrungen allein der vergangenen zweitausend Jahre europäischer Geschichte sind da völlig unmißverständlich, wurden im radikalen 20. Jahrhundert ausnahmslos neu durchgespielt und bestätigt.

Wer zuläßt, daß Mitmenschen auch bloß in Worten zu „Gegenmenschen“ umgedeutet werden, gibt der Gewalttätigkeit Raum und öffnet der Tyrannis die Türen. Damit werden Kräftespiele entfesselt, vor denen niemand sicher ist, die schließlich auch jene treffen, von denen sie entfacht wurden. Auch darüber läßt das vorige Jahrhundert keinerlei Zweifel zu.

Für uns und für unsere Kinder gilt, daß es auf dieser Welt keinen Ort gibt, an den man vor solchen Prozessen verläßlich flüchten könnte. Das bedeutet, wenn irgendwo auf der Welt Tyrannen und Täter nicht gestellt und von ihrem Weg abgebracht werden konnten, sind wir all jenen verpflichtet, die ihnen vor Ort auszuweichen versuchen.

Es gibt auf dieser Welt unter den Menschen nur uns, uns alle, und keine anderen.

Martin Krusche
zur Gleisdorfer Finissage
von Fokus Mitmensch
am
27.06.2015

+) Der Text als PDF-Datei [link]
+) Fokus Mitmensch [link]
+) In der Ebene [link]

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.