Gleisdorf: eine Markierung

Was ein Dorf war, konnte zur Stadt werden, als es für begabte Leute bezahlte Jobs gab, die Bedürfnisse nach Gütern und Dienstleistungen mit entsprechender Kaufkraft hinterlegten. Das bewegte die lokale Wirtschaft, nachdem hier über viele Generationen rundum kaum für den Markt produziert wurde. Viele Wirtschaften mit Flächen zwischen sechs und elf Hektar waren bloß eher kleine Selbstversorgerwirtschaften. Basis eines sehr kargen Lebens. (Ein Hektar = 10.000 Quadratmeter.)

Gleisdorf ist seit gut hundert Jahren Stadt. Der Wohlstand konnte sich im Umland erst nach dem Zweiten Weltkrieg breiter entfalten. In diesen Prozessen spielt die Industrialisierung eine wesentliche Rolle. So verbindet Gleisdorf heute verschiedene Kulturen, ist nach wie vor Agrarstandort, aber auch Industrieort, hat Raum für ein urbanes Leben mit bürgerlichen Aspekten geschaffen.

Konsumation oer Partizipation?
Damit haben Kunst und Kultur eigenartigen Rang erhalten, denn der repräsentative Charakter dieser Genres ist seit Jahrhunderten mit Fragen des sozialen Rangs verknüpft. Anders ausgedrückt: wer den sozialen Aufstieg sucht, wird sich meist an den Codes und Lebensweisen einer höherliegenden sozialen Schicht orientieren. Das handelt unter anderem von Bildungsbelangen.

Kunstgenuß und einschlägige Sachkenntnis waren einst dem Adel und dem hohen Klerus vorbehalten. Subalterne wurden dabei nicht berücksichtigt. Mit der Renaissance verschob sich jenes Gefüge gewaltig, weil ökonomisch erfolgreiche Leute die alten Hierarchien umgeschrieben haben. Aber Lagertrennungen blieben aufrecht. Kunst und Kultur wurden (und werden) als Betriebssysteme einer sozialen Distinktionsmaschine benutzt.

In meinen Kindertagen lieft dieses Spiel noch über ein binäres Konzept: „Volkskultur“ = „Naja!“ „Hochkultur“ = „Da wollen/sollen wir hin!“ In jenen Tagen konnten kulturelle Landesheilige wie Viktor Geramb nach 1946 noch Schriften publizieren, die von Blut und Boden raunten, von „Mutterboden“ und solchem Mumpitz. Was sich derweil aber durchsetzte, die Popularkultur, Populärkultur, Popkultur und Pop-Art, wurde kurz noch auf allerhand Arten denunziert. Darunter gab es Zuschreibungen wie „Schmutz und Schund“.

Bei derlei Ranking wurden dann Kräfte wie Malewitsch, Duchamp, Warhol und andere Wegbereiter der Gegenwartskunst gleich subsummiert. Dieser Mangel an intellektueller Selbstachtung ist zwar unter meinen Leuten heute noch zu finden, hat aber für das kulturelle Leben des Landes keine entscheidende Bedeutung mehr. Der Kunstdiskurs, auch wenn er hier in der Provinz nicht grade zu Hause ist, ließ uns inhaltlich längst woanders ankommen.

Zugegeben, neue Generationen des Bildungsbürgertums kommen auch gut ohne nennenswerte Bildung zurecht. Eine Verschnöselung des Kulturbetriebs wird stellenweise sogar von Kunstschaffenden selbst betrieben und die Verwaltung hat sich längst Kompetenzen angemaßt, die jenen Leuten seltsamerweise niemand streitig macht.

Aber vielleicht sind das ganz banale Konjunkturen. Deshalb fand ich Beuys in Gleisdorf so bemerkenswert. Er wird zurecht als Monument der (westeuropäischen) Kunst im 20. Jahrhundert gesehen. Er hat einen künstlerischen Rang, welcher außer Zweifel steht. Seine Sachkenntnis war anregend. Sein Sendungsbewußtsein zeigte freilich auch sehr problematische Seiten und politisch hätte ich ihm keine zehn Meter weit über den Weg getraut.

Außerdem war Beuys von der Tyrannei kontaminiert und vom Schrecken gebeizt. Er gehörte der selben Generation an wie mein Vater. Ich kenne daher die Konsequenzen, die Zeichen und die Wirkungen der Kriegserfahrung jener, die versehrt wurden.

Aber zurück zu Gleisdorf! Diese Stadt hat kulturell und kulturpolitisch während der letzten 40 Jahre mehrere kontrastreiche Phasen durchlaufen. Es scheint, als wäre nun (im Sommer 2022) neu zu klären, was die Genres Kunst und Kultur im urbanen Leben einer Kleinstadt bedeuten mögen, welche Ziele da gesetzt werden sollen und wie verfügbare Ressourcen zum Einsatz gelangen könnten.

+) Der milde Leviathan

Postskriptum
Diese Glosse markiert meinen Ausgangspunkt im Blick nach Osten, nach Neudau, wo kürzlich rund 200 Jahre Dampfmaschinenmoderne in einem neuerdings stillgelegten Betrieb geendet haben. Ich nehme das zum Anlaß, eine Spange zwischen Gleisdorf und Neudau zu denken, die ich in Kontrast zur Spange Gleisdorf-Graz setzen, was gesamt im Spannungsfeld Graz-Wien gesehen werden kann, aber auch nach Maribor und Ljubljana blicken läßt.

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffend
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