Was es wiegt… #75: Materia prima

(Beiträge und Fragen zu einer nächsten Kulturpolitik)

Prolog: Ich verstehe, daß Menschen aus Politik und Verwaltung Definitionshoheit beanspruchen. Es ist Teil ihres Jobs. Wenn sie dabei aber monopolisieren und andere Positionen als Anfechtung deuten, zu sanktionieren versuchen, entsteht mit jemandem wie mir ein individuelles Problem. Weshalb? Ich bin als Autor Teil der Vierten Gewalt im Land. Wer das zu akzeptieren ablehnt, muß sich fragen lassen, welcher Art von Demokratie er oder sie dienen möchte.

Eine Arbeit von Robert Wendl im Gleisdorfer „Marrakesch“

Was ist die Materia prima in einer Informationsgesellschaft? In diesen Zusammenhängen tun sich dann auch kulturpolitische Konfliktlagen auf, wenn in Politik wie Verwaltung allfällige Alleinvertretungsansprüche gepflegt werden.

Kontext
Eine Anforderung in den Prozessen der Eigenständigen Regionalentwicklung, wie wir sie in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre debattiert haben, lautete: Aktion und Reflexion beieinanderhatten. Das meint, wir haben uns als primäre Kräfte etabliert, aber zugleich die Metaebene bearbeitet. Primäre Kräfte? Damit sind Menschen gemeint, die inhaltlich arbeiten, die Werke schaffen, die jenen Content produzieren, mit dem dann in anderen Metiers veranstaltet wird, vermarktet wird, etc. etc.

Kulturmanagement und Verwaltung sind dem gegenüber also der sekundäre Bereich. Naturgemäß übernimmt man verschiedene Kompetenzen oft in Personaleinheit. In diesen Bereichen, im regionalen Kulturbetrieb, gilt auf besondere Art, was Soziologe Gunnar Heinsohn so zusammenfaßte: „Um Brot wird gebettelt, um Rang wird geschossen.“

In der Praxis kommt es oft vor, daß Leute aus der Verwaltung auf die Schultern von primären Kräften steigen, um sich in solcher Pose bei der Politik wichtig zu machen und derart die eigene Rolle entsprechend eigenwillig aufzuwerten; zu Lasten der Kunst- und Kulturschaffenden. Das ist kontraproduktiv, weil es den Fluß vorteilhafter Kräfte beschädigt.

Wer generiert Content?
Content ist die Materia prima des Informationszeitalters. Ohne die Content-Produktion durch primäre Kräfte können Sie die Kulturreferate und Teile der Marketingbüros schließen, auch große Bereiche angeschlossener Branchen. Umso erstaunlicher, daß die Produktion von Content oft so herablassend behandelt wird, während sich die Leute in der Verwertung von Content enorm hervortun. Da wedelt der Schwanz mit dem Hund.

Falsch! Autor Martin Krusche und Fotograf Richard Mayr dokumentierten in Kooperation mit der Kleinregion Gleisdorf: vier Gemeinden… (Quelle: Facebook)

Überprüfen Sie es an einigen Dutzend Pressefotos zu Kulturveranstaltungen. Wenn Sie darauf ein bis zwei primäre Kräfte sehen, sind die überwiegend von drei bis sechs Funktionstragenden aus Politik und Verwaltung flankiert; oft von noch mehr.

Gut, in der Politik muß man gewählt werden, da ist dieser Bedarf nach dem Licht der Öffentlichkeit nachvollziehbar. Aber Verwaltungskräfte haben einen Job mit Gehalt, Urlaubsgeld und gesichertem Krankenstand. Weshalb finden wir die – oft bis hin zur dritten Assistentin – auf den Pressefotos?

Ein wunder Punkt
Was ist daran das kulturpolitische Problem? Das Publikum sieht Woche für Woche, daß primäre Kräfte der Content-Produktion, zum Beispiel Künstlerinnen und Künstler, nicht als „systemrelevant“ zu gelten brauchen, nicht im Fokus stehen müssen. Sie sind nicht wichtig. Sie werden in die zweite bis dritte Reihe gerückt, wenn Inszenierung und Public Relations anstehen.

Informationspflicht? Für das PR-Foto könnte genügen: eine Künstlerin, ein Werk, ein Lokalpolitiker. Punkt! Das wäre im Blatt dann auch noch gut sichtbar und identifizierbar. Aber zwei Künstler, fünf Regionalpolitiker, zuzüglich drei bis vier Verwaltungskräfte, da hat man dann ein viel zu kleines Gruppenfoto im Blatt, das nur noch die Institution repräsentiert. Also etwa die Kommune plus das regionale Management plus die EU.

Und das ist der Deal: Die Verwaltung darf mit aufs Foto, weil sie der Politik zusätzliche Sichtbarkeit liefert. Die regionalen Medienleute bedienen das, weil es unter anderem um regionale Budgets geht. Budgets, von denen man etliche nur bekommt, wenn man in einer Verzahnung von regionaler Wirtschaft und Politik eine Bühne für deren Personal schafft, Sichtbarkeit und Reputationsgewinn für die Auftraggeber herstellt.

Public Relations
Kunst und Kultur werden als Mägde des Marketings vorgeführt, nicht als Quellen der Materia prima gewürdigt. Das nutzen die Verwaltungskräfte als Legitimation für ihre Jobs und Beitrag zu ihrer Arbeitsplatzsicherung. Aber sie möchten dann schon auch die „Bühne Regionalmedien“ betreten, denn seinen Job machen, sein Gehalt beziehen, seinen Urlaub konsumieren, das genügt nicht.

Medienleute formieren die Vierte Gewalt im Staat und stellen „Gesellschaftliche Realität“ her

Aber woher kommt der Content? Er wird entweder frei erfunden (PR-Strategien) oder kann bei primären Kräften des Kulturgeschehens eher billig eingekauft werden. Sie glauben mir nicht? Soll ich Ihnen eine Sammlung von Pressemeldungen und Social Media-Postings zusammenstellen, die zum Beispiel aktuell unsere Buch „Wegmarken“ promoten? In den überwiegenden Fällen werden Sie Autor und Fotograf kaum bis gar nicht erwähnt finden, aber dafür die Region, die Gemeinde, die Kofinanzierung durch die EU etc.

Damit wird ein kulturpolitisches Problem verstärkt. Diese Inszenierung der Institutionen braucht keine explizite Botschaft, sondern wird vom Publikum implizit verstanden. Die Mitteilung lautet: „Künstlerinnen und Künstler sind nicht wichtig!“

Sie bleiben allerdings die primären Kräfte, von denen überhaupt erst ein guter Grund kommt, etwa zusätzliche EU-Gelder in die Region zu bringen. Nämlich: der verwertbare Content. Was dann eigentlich zählt, sind aber die Institutionen und die Teams der Verwertung. Die Verwaltung macht den Job. Die Politik genehmigt das Ganze. Die Wertschöpfung liegt überwiegend beim Verwertungsapparat. Der regionale Medienbetrieb bestätigt und verstärkt das. Eine nächste Kulturpolitik sollte diese Verhältnisse zurechtrücken.

+) Gewaltenteilung in Österreich
+) Die Vierte Gewalt im Staat
+) Wegmarken (Das Projekt)

— [Das Weizer Panel] —
— [The Long Distance Howl] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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