Kummerl oder nicht Kummerl

Das scheinen besondere Tage zu sein, wo sich sehr viel Unruhe verdichtet. Wir erleben seit geraumer Zeit, daß unsere Gesellschaft um Fassung ringt, auch um nächste Möglichkeiten, diese globale Wildwasserfahrt über allerhand extremen Klippen hinweg zu überstehen, in ruhigere Gewässer zu gelangen. (Ich liebe so plüschige Metaphern!)

Das Klima ist innerhalb vieler Milieus frostiger geworden. Hier die Androhung einer Gerichtsverhandlung, da kuriose Beschimpfungen, wenn sich wo Dissens aufgetan hat. Kann man machen. In einer Demokratie hat die ganze Bandbreite Platz. Was freilich die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft eher fördert oder eher belastet, steht auf einem anderen Blatt.

Ich hab nun rund um den Wahlsieg der KPÖ in Graz ein paar wunderliche Situationen erlebt. Facebook ist Bühne und Salon. Da finden abenteuerliche Tänzchen statt. Wenn ich im aktuellen Meinungsstreit Präzision der Argumente urgiere, wird mir – wie ich sehe – schnell die Verherrlichung und/oder Verharmlosung des Kommunismus unterstellt.

Das ist natürlich Unfug! Allein schon, weil ich im Kommunismus eines der großen politischen Narrative sehe, die sich im 20. Jahrhundert erledigt haben; zumindest was Europa angeht. Das ist vorbei. Zu Chinas Kommunismus kann ich mangels Sachkenntnis nicht viel sagen, als das Offensichtliche: dort besteht eine erhebliche Diskrepanz zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Als ich heute in eine Facebook-Debatte mit dem Publizisten Johannes Tandl einstieg, hat mich eine der Repliken fast zu Tränen gerührt. Erwin P. schrieb mir: „Wer den Kommunismus verteidigt und solchen Unsinn schreibt, sollte auf der Stelle nach Nordkorea gehen !!!!! Von Geschichte hast du keine Ahnung !!!!“

Solche Folklore aus dem Kalten Krieg hab ich ewig nicht mehr erlebt. Es ist, als hätte jemand eine Zeitkapsel gelüftet, die ein halbes Jahrhundert unter der Erde lag. Erwin P. hat offenbar keine Erfahrung damit, wie man Genauigkeit in einer kritischen Debatte von einer schlichten Selbstdarstellung unterscheidet. Und daß er mich gerne meines Landes verweisen würde, paßt ja eigentlich eher zu einer Diktatur. Macht nichts! Ich bleibe.

Übrigens! Falls mich je wer in ein Land mit kommunistischem Regime schleifen wird, darf ich dann eine Bitte äußern? Lieber China als Nordkorea, denn dort ist einfach mehr los. Wenn man als Schriftsteller schon in einem Straflager verschwindet oder gar aufgeknüpft wird, dann doch besser in einem Land mit großen Zukunftsaussichten als in der Einöde von Nordkorea.

Aber derweil sollten wir uns noch gemeinsam darüber verständigen, was unsere Gesellschaft leisten kann, um solche Verhältnisse zu verhindern. Dabei sorgt mich der Grazer Wahlsieg einer steirischen KPÖ nicht einmal halb so viel wie unsere längst dingfesten Geschäftsbeziehungen mit China.

Aber was weiß denn ich Martin „Von Geschichte hast du keine Ahnung“ Krusche schon über die große weite Welt? Allerdings! Karl Bauer, der neue Kulturreferent von Gleisdorf, triggerte in jener Debatte eine der sinnvollen Fragen: „Noch bedauerlicher finde ich die niedrigste Wahlbeteiligung in einer saturierten Demokratie!“ Darüber sollten wir reden!

Postscripterl
Ich habe gestaunt, daß unter anderem Frau Sabina D.-D. die Botschaft von Erwin P. als eine der ersten Personen geliked hat. Frau D.-D. bekennt: „Arbeitet bei Österreichischer Integrationsfonds. Vorher: Caritas Steiermark und Universität Graz.“ Dieses Integrationskonzept im Geiste der Caritas (lateinisch für „Nächstenliebe“) würde ich ja gerne kennenlernen; notfalls per Luftpost nach Nordkorea.

P.P.S.
Meine Ansichten zur steirischen Kommunismus-Debatte habe ich auf der v@an-site in der Kolumne „Wachsense Unruhe“ publiziert; im Bereich „Eine steirische Situation„.

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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