Was es wiegt, das hat’s XXXV: Kontinentaldrift

(Beiträge und Fragen zu einer nächsten Kulturpolitik)

Ich habe jüngst mit Musiker Oliver Mally eine Art kultureller Zwei-Kontinenten-Theorie erörtert. Er teilt meine Erfahrung und folglich Einschätzung, daß wesentliche Kräfte des heimischen Kulturgeschehens, die wir durch ihr Auftreten und ihre Aussagen kennenlernen, auf einem anderen Kontinent zu Hause sind, wo eine andere Kultur gepflegt wird als jene, die mir vertraut und schlüssig erscheint. Die günstigste Deutung: wir sind einander über diese Kontinente hinweg fremd und verstehen nicht, was gesagt, was getan wird.

Kürzlich sah ich die Frau eines Kulturreferenten, im Brotberuf Lehrerin, vor Publikum hintreten, um zu verlautbaren, daß alles, was Kinder an kreativen Dingen tun „von Haus aus Kunst“ sei. Sie bekräftigte ihren kulturgeschichtlichen Befund auch noch, um eine Position zu markieren, die keiner Debatte standhalten würde. Dieser Mumpitz offenbart einen selbstreferenziellen Kunstbegriff, der das eigene Tun dieser neuen Bourgeoisie behübscht und legitimiert.

Dazu paßt mein aktueller Besuch eines „Fairwandel-Festes“. Ich konnte einmal mehr feststellen, daß die Transition Oststeiermark kulturpolitisch nichts zu sagen weiß, obwohl man sich da seit Jahren einem Wandel der Gesellschaft widmet. Zukunftsfähigkeit mit Kultur als Orchideenfach? (Immerhin hatte ich ein sehr anregendes Gespräch mit einem Herren von „attac“, bei dem grundlegende politische Fragen zur Sprache kommen konnten.)

Brüche
Aber bin ich mit Leuten meines Metiers wenigstens auf dem selben Kontinent zu Hause? Oder gab es Brüche und eine Drift kleiner Landmassen, die mich verlorengehen ließ? Ich finde in mir zumindest Gräben der Irritation. Ein Beispiel. Mitte März 2021 fand eine „Lockdown-Jahresbilanz: Kultur“ statt, angeboten vom Literaturhaus Graz, auf YouTube archiviert.

Mit von der Partie Monika Klengel, Geschäftsführerin des „Theater im Bahnhof“, und Heidrun Primas, zu der Zeit noch Präsidentin des „Forum Stadtpark“. (Man darf wohl sagen, das sind zwei der progressiveren steirischen Kultureinrichtungen.)

Nun lobten die beiden erfahrenen Exponentinnen meines Metiers ausdrücklich und nachdrücklich a) die Verdienste der steirischen Kulturpolitik und b) jene der IG Kultur Steiermark. Ich konnte bloß bis heute nicht herausfinden, worin genau die bestehen würden, seit wir Mitte März 2020 in den ersten Lockdown gingen. (Hat jemand zweckdienliche Hinweise für mich?)

Agonie
Das Landeskulturreferat sehe ich inhaltlich in Agonie, während die „Steiermark Schau“ klaglos auf die Schiene kam und das vollkommen unterirdisch konzipierte „Dahoamsteirern“ offenbar kaum bemerkt wurde. (Siehe dazu: „Steirer beweisen Heimatgefühl“!)

Die IG Kultur Steiermark macht sich vor allem mit der zehn Jahre alten Kampagne „Fair pay“ bemerkbar, die ja an Dringlichkeit nichts eingebüßt hat. (Andere Anregungen auf der Höhe der Zeit kenne ich vorerst nicht.) Es gibt noch freilich längst keinen Hinweis, daß sich in der Sache was bewegen ließe. Dazu eine Facebook-Notiz des Grazer Kulturstadtrates Günter Riegler vom 19.8.21:

„Vor mehr als einem Jahr – im ersten Corona-Lockdown – habe ich, damals noch an Staatssekretärin Ulrike Lunacek, das Angebot gerichtet, gemeinsam (Bund, Länder, Gemeinden) für ein Fair-Pay-Modell zu werben. Das setzte voraus, dass nicht nur Land Steiermark und Christopher Drexler und wir in der Stadt Graz das Fördermodell für Kultur neu zu organisieren, sondern es braucht auch ein verbindliches Committment der Bundesregierung (Werner Kogler, Staatssekretärin Andrea Mayer), hier ein einheitliches Regelwerk vorzugeben. Mit einheitlichen Kalkulationsgrundlagen für Kulturprojekte sowie einem gemeinsam finanzierten Modell für KünstlerInnenstipendenprogramme unter definierten Zielbedingungen. Eines ist klar: hier muss die Bundesregierung den Lead übernehmen – ähnlich wie bei den Bemühungen um das 1-2-3-Ticket.“

Heißt all das, auch wir Kulturvölkchen, wir, die primären Kräfte des Metiers, seien inzwischen bei Symbolpolitik angelangt? Ich sehe Klärungsbedarf.

— [The Long Distance Howl] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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