Wo ist links, wo rechts? Teil III

[Teil II] Ist Ihnen dieser Slogan geläufig? „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“. Es ist eine Zeile aus dem Bundeslied für den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ und wurde 1886 publiziert. Die Erste Strophe lautet: „Bet’ und arbeit’! ruft die Welt, / Bete kurz! denn Zeit ist Geld. / An die Thüre pocht die Noth – / Bete kurz! denn Zeit ist Brot.“ (Quelle)

Am Gleisdorfer Rennfeld

Etwas polemisch verkürzt: Wenn die Arbeiterschaft in Streik ging, kappte das den Profit der Besitzenden. Von den Produkten, die dann gerade nicht erzeugt wurden, hatte das Proletariat ohnehin nur zu einem geringen Teil nennenswerten Nutzen.

Wenn dagegen das ländliche Proletariat die Arbeit verweigert hätte, wären sehr schnell die Nahrungsmittel knapp geworden. Der folgende Hunger hätte sie, die schon mit ewigem Mangel leben mußten, als erste getroffen.

Ich vermute darin einen wesentlichen Grund, weshalb Industrieproletariat eine viel stärkere Tendenz zur Auflehnung hatte. Waren sie insgesamt mobiler? Auch die Subalternen in der bäuerlichen Welt mußten der Arbeit hinterhergehen, mobil bleiben.

Zu Maria Lichtmeß (2. Februar) wurden die Arbeitsverhältnisse jährlich neu verhandelt. Es kamen übrigens auch aus diesen Verhältnissen manche Leute in die weite Welt und sogar in gute Positionen. Aber die Arbeiterschaft in den neuen industriellen Zentren machten doch andere Erfahrungen.

Die Bauernschaft hütete sich aus langer Tradition, einen Aufstand gegen den Herren zu riskieren, denn dann wurden die Leute mit bewaffneten und im Waffengang trainierten Verbänden konfrontiert. Überdies waren die Strafen für Rädelsführer entsetzlich und demonstrativ. Da mußte ein Beamter des Monarchen die Bauernschaft schon sehr drangsalieren oder es kam zu Hungerrevolten, die in einen Bauernaufstand übergingen.

Ob darin – Traditionen, Prägungen – wesentliche Gründe liegen, daß große Teile der Leute aus der agrarischen Welt sich politisch auf das „Bodenständige“ verpflichten ließen und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert eine Manövriermasse für politisches Personal im rechten Spektrum boten?

Wenn das ländliche Proletariat gestreikt hätte, wäre das ganze Land hungrig geworden, die Subalternen zuerst. Wenn das Industrie-Proletariat gestreikt hat, traf es vermutlich die Herrschaft auf Anhieb meist härter.

Während sich in der Bestellung der Böden und in der Viehhaltung über sehr lange Zeit nur wenig geändert hat, weil sich ja die Natur nicht verändert hat, brachte die Industrielle Revolution ein enormes Tempo in die Welt.

Auch das mag beigetragen haben, daß Bevölkerungskreise lieber am Bestehenden festhielten, andere aber mit den Veränderungen gingen und für sich neue Möglichkeiten, neue Rollen forderten.

Zur Erinnerung, im Rahmen der Französischen Revolution ergab eine Sitzordnung von Delegierten der Generalstände, daß rechts der Adel saß, links das Bürgertum. Rechts wurde für die alte Ordnung gestritten, links für neue Möglichkeiten aufstrebender Kräfte.

Im Revolutionsjahr 1848 entfiel die Erbuntertänigkeit (Leibeigenschaft) und die agrarische Welt begann sich zu verändern. Erzherzog Johann von Österreich, Reichsverweser der Frankfurter Nationalversammlung, sah die Befürworter der alten Ordnung und Anhänger einer gesamtdeutschen Monarchie rechts sitzen, die republikanischen Abgeordneten dagegen links.

Aber stimmt das so? Rechts: bodenständig, traditionsbewußt, gottesfürchtig und heimattreu. Links: unstet, vaterlandslos, fortschrittlich, zukunftsfähig. Das sind Stereotypen. Damit haben wir uns aus dem zweiten Weltkrieg heraus bequem eingerichtet.

Das 20. Jahrhundert ist von zwei großen Erzählungen geprägt. Dem Faschismus und dem Sozialismus. Das hat in Hitler und Stalin sehr markante Symbolfiguren. Diese Figuren stehen emblematisch für „rechts“ und für „links“. Etwas davon findet sich bis heute in den Schimpfwörtern „Nazi“ und „Kummerl“, was „Kommunist“ meint. [Fortsetzung folgt]

P.S. zum Foto: Das Gleisdorfer Rennfeld ist jenes Terrain, auf dem Georg von Herberstein im 16. Jahrhundert eine von drei entscheidende Schlachten geschlagen hat, um den Windischen Bauernkrieg zu beenden. [Fortsetzung]

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Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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