Howl: Jahr 18, zwölf

Netzwerke und prozeßhafte Arbeit, Teil III

Der Rückblick erinnert daran: es waren offenkundig Schwächen der Kommunen und diverser Regionalentwickler, weshalb steirische Spitzenpolitiker auf die Idee kamen, die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern zu thematisieren und zu stärken dafür Budgets zu widmen.

Projektunterlagen anno 2007

Damals wäre eine gute Gelegenheit gewesen, Aktivitäten von der Basis her genau in diesem Sinn zu forcieren: wir verbessern unsere Kompetenzen, schaffen und etablieren Kooperationen Kulturschaffender, erarbeiten relevante Themen und bringen es zu einem Status quo, in dem uns dann Kommunen unterstützen, begleiten und verstärken.

Daher auch mein Slogan „Vom Subventionsempfänger zum Kooperationspartner“. So hatte ich mir den Kulturpakt Gleisdorf gedacht; siehe dazu: [Link]

Das hatte in wenigstens drei Programmen seine Bezugspunkte: Regionext, LEADER Kultur und Lokale Agenda 21. Die waren grundlegend mit dem Schlagwort „Bürgerbeteiligung“ verknüpft. In verschiedenen Ausschreibungen tauchte dann der Begriff „Bottom up-Prinzip“ auf. Das findet man bis heute als eine Bedingung für das Genehmigen von Budgets; etwa in EU-Programmen.

In den Anfängen von Kunst Ost (vor über einem Jahrzehnt) konnte ich notieren: „Diese Sache ist eben nicht ‚top down‘ entstanden, sondern ‚bottom up‘. Und es ist sehr wichtig, daß es BEIDEN Seiten dabei gelingt, positive Erfahrungen zu machen. Eigentlich sind es ja DREI Sektoren, deren fruchtbares Zusammenwirken ein kraftvolles kulturelles Klima ergeben kann. Staat, Markt und Zivilgesellschaft.“ [Quelle]

Da ahnte ich noch nicht, mit welcher Anmaßung manche Funktionäre der Region das alles für Makulatur hielten, solche Prozesse mit Lippenbekenntnissen bedachten und offenbar keineswegs vorhatten, Privatpersonen die verlockenden Budgets zu überlassen.

Hofrätin Dietlinde Mlaker

Das war verwirrend, da ich etwa bis heute annehmen darf, Gleisdorfs Bürgermeister Christoph Stark hat es damals ernstgemeint und stand hinter solchen Modi. Aber es kommt in Gemeindestuben eben nicht bloß auf den Boss an.

Am 2. Dezember 2009 konnte ich notieren: „Guten Morgen Martin, der Leader-Vorstand hat sich gestern abend zu deinem Projekt bekannt. Ich freue mich mit dir, gratuliere dir und halte dir für die heutige alles entscheidende Runde in Graz die Daumen! LG Christoph“. (Ich sah nicht kommen, daß die rund 400.000 Euro Budget, über die ich bald verfügen konnte, eine Jagdsaison eröffnen würden.)

Ich notierte aber auch: „Die regionale ‚Entscheidungssitzung Kulturprojekt‘ war für mich eine eigentümliche und harte Lektion, wie in der Region teilweise das Thema ‚Bürgerbeteiligung‘ und das Prinzip ‚bottom up‘ verstanden werden.“ [Quelle]

Das sind Zusammenhänge, die im Rückblick deutlich machen, warum Vernetzungsprojekte der Kulturleute in der Region nie lange gehalten haben. Meine Kolleginnen und Kollegen fanden es offenkundig zu anstrengend, sich solche Kräftespielen zu widmen und dabei die eigenen Positionen zu behaupten.

In eben diese Bequemlichkeit ging dann immer wieder die Türe für das Funktionärswesen auf, für Leute, die auf solchen Feldern ihr Brot verdienen, ohne der Entwicklung autonomer Strukturen für Kulturschaffende einen Wert beizumessen.

Ich sehe darin einen Hauptgrund, warum ich in dreißig Jahren nie erlebt hab, daß eine oststeirische Kooperation Kulturschaffender gehalten hätte; siehe das Protokoll!

Um es klar auf den Punkt zu bringen: in diesen Jahrzehnten haben sich Leute aus Politik und Verwaltung immer wieder bemüht, uns primären Kräften Budgets abzujagen, uns wieder in eine Hierarchie zurückzugeleiten, in der sie den Lauf der Dinge bestimmen. Und das ging, weil Leute aus meinem Metier es mitgemacht haben. (Komfort geht vor Selbstbestimmung.)

Wir waren ab 2005 stark darauf aus, im Geschehen regionaler Entwicklungen gestaltend mitzuwirken; und zwar nicht durch Eintritt in politische Gremien oder Vorfeldorganisationen der Parteien. Wir meinten, als „Szene“ der Kunst- und Kulturschaffenden eine ausreichend relevante Formation zu sein. Der Zustand des Landes Steiermark kam uns dabei entgegen.

Franz Voves, vormals Landeshauptmann

Bevor es (ab 2008) das EU-Programm LEADER in der Steiermark auch mit einem ausdrücklichen Kulturschwerpunkt gab, habe ich die Debatten über das Bottom up-Prinzip im Kontext „Regionext“ kennengelernt.

Dafür gingen die Landeshauptleute Franz Voves und Hermann Schützenhöfer auf Tour durch die Steiermark. Sie erläuterten das Konzept. Und ich erinnere mich gut, wie die zuständige Hofrätin Dietlinde Mlaker, Leiterin der Abteilung 16 / Raumplanung, diesen Zusammenhang erläuterte; daß Bottom up genau nicht bedeuten würde: von den Bürgermeistern aufwärts. Es galt: von den Bürgerinnen und Bürgern aufwärts.

Der Anlaß für diese Programm waren offenbar Schwächen im Lauf der Dinge. Mlaker: „Sie haben ja alle Leitbilder und Entwicklungskonzepte formuliert. Im Bereich der Umsetzung sind wir irgendwo steckengeblieben.“ Sie betonte auch, man müsse von top down orientierten Prozessen zu bottom up laufenden Ereignissen kommen. [Quelle]

Siehe dazu auch: Regionext (Für eine ‚Steiermark der Regionen’) Das geschah im Kielwasser der weltweit wirksamen Lehman Brothers-Krise.

Wichtig zu erwähnen: das war auch die Zeit, in der sich das „Konzept Landesausstellung“ erschöpft hatte, durch allerhand Probleme erschüttert war. Leute in Politik und Verwaltung hofften auf neue Ideen und Optionen.

Vor allem waren einige Kräfte darüber verärgert, daß im Kontext Landesausstellung so manche Bürgermeister Kulturgelder benutzten, um alte Kästen zu sanieren und allerhand andere Vorhaben zu bedienen, die nicht gerade widmungsgerecht waren.

Auf Wikipedia befindet sich eine praktische Übersicht. Im Jahr 2006 wurde „Wege zur Gesundheit“ (Bruck an der Mur) zum Schlußpunkt dieser Modi. Man möge sich ausmalen, welche Begehrlichkeiten damals bezüglich neuer Konzepte und verfügbarer Budgets wuchsen. Genau das, ein offenes Feld mit verfügbaren Gelder, wurde zu leicht zum Anlaß für die Korruption ethischer begründeter Vereinbarungen.

+) Netzwerke und prozeßhafte Arbeit, Teil II

— [Stadt-Land] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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