Aprilfestival: Das Buch

Seit bald 40 Jahren bin ich mit dem Herstellen von Büchern befaßt und hab selbst alle nötigen Stationen durchlaufen. Das Schreiben, die Redaktion und damals noch die Wege zur Reprokamera, an Montagetische, zur Offsetpresse, in die Buchbinderei. Auch der Vertrieb gehört zu diesem Prozeß, wie er dann zum, Beispiel in eine Lesung mündet, was ich übrigens dieser Tage im Project Space des SPLITTERWERK absolvieren werde: [link]


Vor jener Zeit des Büchermachens habe ich den Buchhandel gelernt und diese Beruf eine Weile ausgeübt. Dem ging voraus, daß ich ein leidenschaftlich Lesender war, was mich ja überhaupt auf die Idee gebracht hatte, Buchhändler zu werden, wie ich auch schon als Schulkind sicher war, als Schriftsteller zu leben.

Ergo bin ich ein Büchermensch durch und durch. Das Buch ist Magie. Seit Gutenberg im 15. Jahrhundert den Druck mit beweglichen Lettern eingeführt hat, ist Herrschaftswissen auf den Weg allgemeiner Verfügbarkeit gekommen und das Buch ein bedeutender Zauber, von dem Europa völlig verändert wurde.

Wer je einem Schriftsetzer dabei zusehen konnte, wie er im Winkelhaken eine Zeile entstehen läßt, hat eine Ahnung von dieser Magie, die aus hoher Konzentration und Handfertigkeit kommt. Das hat sich auf dem Weg über Offsetdruck hin zum Digitaldruck natürlich fundamental verändert. (Hochdruck existiert noch in Nischen der Kunst und der Bibliophilie.)

Von links: Ewald Ulrich, Winfried Lehmann und Helmut Oberbichler

Es ist trotz aller Digitalisierung immer noch eine aufregende Praxis, etwa in der regionalen Kulturarbeit ein Buch anzugehen, den Großteil der gesamten Entstehung gemeinsam zu durchlaufen. So geschieht es eben auf dem Weg zum 2018er Aprilfestival, da Winfried Lehmann, Helmut Oberbichler und Ewald Ulrich mit so einem Vorhaben befaßt sind. Sie produzieren ein Buch, zu dem ich einige Texte beitrage.

Im alten Frankreich hielten sich Adelige, die selbst nicht unbedingt lese- und schreibkundig waren, einen Homme de lettres, einen Mann der Schrift, also Sekretär. Homme de lettres ist im Französischen bis heute einer der üblichen Begriffe für Schriftsteller.

Von den Sekretären italienischer Aristokraten in der Renaissance heißt es, sie haben sich um weitreichende Bildung und einen eleganten Schreibstil bemüht, was dem Renommee ihrer Herren zugute kam und darüber einen positiven Effekt auf die eigene Karriere bewirkte.

Ich sehe mich in dieser Tradition europäischer Sekretäre, die sich um Bildung und Schreibvermögen bemüht haben. Bloß daß der mögliche Nutzen heute an das Gemeinwesen adressiert sein darf und nicht mehr einem einzelnen Aristokraten huldigen muß.

— [Die Quest III] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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