Das kann ich auch!

Auf die beliebte Frage „Was soll das sein?“ kommt mitunter die populäre Antwort „Das kann ich auch!“ Solche Versionen von Selbstgesprächen oder kleinen Dialogen führen gelegentlich zu einem „Möchte ich nicht einmal geschenkt haben.“

Die Verwertbarkeit von Kunstwerken bleibt ohne Grenzen


Wer auf die Terrains der Gegenwartskunst kommt, wird dort mit dem Rüstzeug für Alltagsbewältigung kaum ein Auslangen finden. Der Weg führt in die Gefilde des symbolischen Denkens und der gelegentlich radikalen Wahrnehmungserfahrungen, die wir uns als Kulturleistungen unserer Spezies ermöglichen. Das hat eine Geschichte von mehreren tausend Jahren.

Die Evolution plant nicht, sondern probiert einfach herum, um dann auszuscheiden, was einer Spezies nicht nützt. Notfalls läßt sie auch die ganze Spezies entfallen, falls Anpassung an die aktuellen Lebensbedingungen nicht mehr ausreichend gelingt. Es liegen allein schon von da her einige Denkanstöße in der Tatsache, daß der Mensch in der Neolithischen Revolution (vor rund zehntausend Jahren) erlebt hat, wie sich symbolisches Denken als Eigenschaft seiner Spezies breit durchgesetzt hat, was bis heute ungebrochen wirkt.

Wir sind Kinder einer Gesellschaft, deren Arbeitsethos von zwei Motiven geprägt wurde: Wer sich nicht schindet, gilt nichts. Wer sich nicht schindet, hat nichts zu essen. Das betraf freilich die breite Bevölkerung, nicht ihre Eliten. Es scheint als eine mentalitätsgeschichtliche Prägung noch in uns allen auffindbar zu sein. Die meisten unserer Leute waren über so viele Generationen Dienstboten, Hackler, Keuschler, Kleinhäusler, Angehörige subalterner Schichten. Denen ließen die Bevorzugten lieber nicht all zu viel Platz und Zeit für Muße, für ein anregendes geistiges Leben, für eine Befassung mit Dingen, die jenseits der Arbeit, der Pflichten, der Alltagsbewältigung liegen. Ein allgemeiner Zugang zu Bildung, mehr nioch: zur Befassung mit Kunst, ist ein ganz junges soziales Phänomen.

Wenn der deutsche Kulturdezernent Hilmar Hoffmann im Jahr 1979 mit einem Buch „Kultur für alle“ proklamierte, dafür „Perspektiven und Modelle“ beschrieb, war das damals eine irritierende Themenstellung, der sich in jenen Tagen viele Menschen in meiner Umgebung nicht ohne weiteres widmen wollten. Die davor so wenig angefochtene bipolare Deutung, wonach es eine Hochkultur und eine Volkskultur gebe, schien immer noch sehr attraktiv, war als eine Art Distinktions-Maschine nutzbar, die einem bei möglichem sozialem Aufstieg Vorteile bringen konnte.

Selbst in trivialen Dingen gehen wir gerne über das Notwendige hinaus

In einer bürgerlichen Repräsentationskultur, in unserem Fall eine kleinbürgerliche Geschäftigkeit, wurde dann teilweise Kunstsinn und dergleichen bloß simuliert, da wir ja alle keine Einkommen haben, die uns in ausreichendem Maß freistellen, um Muße zu pflegen und uns entsprechende Kenntnisse wie Erfahrungen zu erarbeiten. (Wissenserwerb ist eine zeitintensive Arbeit.) Wo die Muße, eine fundamentale Kulturleistung, als Müßiggang denunziert wird, als „aller Laster Anfang“ gelten muß, erweist sich Kunstsinn als eine riskante Leidenschaft, falls man nicht „von Stand“ ist, also aufgrund der sozialen Position über solchen Debatten steht.

Verblüffend, wie präsent gerade auf diesen Feldern symbolischer Güter immer noch die Kriterien einer Ständegesellschaft sein dürfen, wie Motive durchschlagen, die aus versunkenen Zeiten und Zuständen stammen. Zu all dem hat freilich auch die Erfahrung der Nazi-Ära reichlich beigetragen, wo Machtanspruch und Intellektuellenfeindlichkeit zu staatstragenden Angriffen auf die Gegenwartskunst führten, denen sich breite Kreise der Bevölkerung anschlossen, um diese Pose bis heute nicht aufzugeben.

Vielleicht ist es diese soziale (und politische) Funktionalisierung der Befassung mit Kunst, von der dann oft solche Ressentiments ausgelöst werden, aus denen Menschen allerhand Formen der Gegenwartskunst leidenschaftlich mit Verachtung bedenken und Kunstschaffende sogar offen anfeinden.

Wie sehr man diese Felder der Kunst bewirtschaften kann, bildet sich nicht nur in hochpreisigen Bereichen ab. Es reicht bis in die entlegendsten Ausstellungs- und Veranstaltungräume in der Provinz, wo wir eben wieder eine neue Welle erleben, in der von anderen Genres her auf die Ressourcen des Kulturbetriebes zugegriffen wird.

Selbst die völlig Unbedarften drängen mit ihren Werken in den öffentlichen Raum

Ziemlich unverfroren sieht sich Personal aus Politik und Verwaltung nach verwertbaren Quellen um, macht dabei die Kultur zur Magd des Marketing und hat dabei auch Zuspruch jener Kreativen, die so zu Publikationsmöglichkeiten gelangen, ohne die kulturpolitische Schräglage solcher Zustände aufzudecken oder sich selbst einer Kunstdebatte zu stellen.

Es liegt auf der Hand, daß in solchen Verhältnissen ein konsequenter Kunstdiskurs nur stören kann, ja die Gegenwartskunst selbst zur Belastung würde. Zugleich ist auf unerbittliche Art evident, daß wir nur wenig Eindeutigkeit zustandebringen können, wenn wir im Reich der Kunst umgehen. Alles bleibt offen, in Bewegung, wird stets neuen Deutungen ausgesetzt. Der jeweils vorherrschende Kunstkanon bietet uns scheinbar Sicherheit und einige Klarheiten. Der Kunstmarkt sorgt auch für vorläufige Faktenlagen. Dahinter bleibt alles dynamisch. Seit Jahrtausenden.

Was für ein Genre! Was für eine atemberaubende Seite der Condition humana! Was für ein Terrain, auf dem herkömmliche Hierarchien letztlich so wenig bedeuten wie ein Doktortitel oder andere Krücken, um sich eine bestimmte Position in derlei Kräftespielen zu sichern. Immer beginnen die Debatten von vorne! Niemand kann davon ausgeschlossen werden.

— [Was ist Kunst?] [Das 2018er Kunstsymposion] —

P.S.:
Im Onlineprojekt „Kulturwandel durch Technik“ habe ich eben eine ausführliche Betrachtung des Themas Volkskultur freigeschaltet: [link]

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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