Veliki San II

„Ja svoj zadatak biram sam.“

Die Session mit „Treci Beograd“ hat diese oder jene Debatte über das Träumen nahegelegt, initiiert. Ich kann mich zweierlei Positionen nicht weiter annähern. Die eine ist eine buddhistisch anmutende und spielt mit dem poetischen Motiv, daß schlafend zu träumen womöglich unsere „eigentliche“ Existenz sei.

Praxis des Träumens in kollektiver Anordnung

Die andere ist österreichisch-freudianisch und handelt von Traumdeutung. Dabei bleibt mir unterm Strich unklar, warum mein Träumen mir die Wachzustände plausibel machen solle, was umgekehrt dann auch so daherkommt. Weil man Wachen so und so ist, träume ich das und das, wodurch mir das Wachgeschehen erklärlich werde.

Ich habe nun freilich etwas polemisch ausgespart, was wohl zur Intention zählt, unsere Träume zu erinnern und zu deuten; der Zugang zu jenen tieferen Instanzen, die uns eben nicht offen liegen und auch nicht zur beliebigen Disposition sind. Aber das ist für mich durch die Kunstpraxis ohnehin ganz selbstverständlich; nämlich auf solche Möglichkeiten in mir zuzugreifen. Darüber hinaus bevorzuge ich klare Trennschärfe.

Nie war ich in einem Nachttraum hungrig, nie von Weißburgunder trunken, nie habe ich Miete bezahlen müssen. Ich träume nicht, um Auskünfte zu erhalten. Ich träume, weil sich das im Schlaf ereignet und jede Erinnerung an Geträumtes ist im Wachen ein Draufgabe für meine Tagesexistenz.

Der Tag ist keine Referenz, an der ich nächtlich Geträumtes zu messen hätte. Zu träumen, das heißt in mich zu stürzen, haltlos. Das heißt in das Fleisch meiner Existenz vorzudringen, welches mehrere Male von Schrecken geflutet wurde; nicht in Träumen, sondern in der Tagesexistenz. Dieser Schrecken ist das zähe Gift im Leib, von dem er sich nicht mehr lösen kann.

Dokumentation: Veljko Pavlovic am Equipment

Träume. Weder läßt sich von der Tagseite dorthin flüchten, noch birgt die Nachtseite Antworten. Kennen wir den Schrecken nicht, wissen wir nichts von der Welt. Wissen wir aber davon, sind Dämonen von der Kette gelassen. Das ist eine meiner Traumgewißheiten.

Selman Trtovac hat nach jenen Tagen mein Statement „Ich wähle meine Aufgabe selbst“ in seine erste Sprache übertragen: „Ja svoj zadatak biram sam.“

Wir sind zwei Zurückgekehrte.

Die Überwältigung ist unauslöschlich. Sie erzwingt eine Erwiderung. Überwältigung ist ein Wort an der Stelle von fünf anderen: „Dich soll es nicht geben.“ Das erzwingt die Erwiderung, einen Einwand. Dieser Einwand ist eine Conditio sine qua non um zurückzukehren. Es müssen der Leib und die Seele widersprechen, ihren Einwand gegen die Überwältigung vorbringen.

Terrain für die Gegenwartskunst: Die Galerie bei der Mühle

Ich rede mit Ahnungslosen nicht über derlei Dinge. Wir bewohnen nicht den gleichen Kontinent, haben in dieser Sache keine gemeinsame Sprache.

Nur wenn ich träume, bin ich in Sicherheit. Aber aufzuwachen bedeutet, der Bedrohung erneut zu begegnen.

Daher weiß ich, was der große Traum ist, der Veliki San. Es ist das einzige sichere Terrain. (Siehe dazu auch die Notiz Der überlebende Ikarier!)

— [Dokumentation] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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