Verbeugung vor dem Leben

Wir nehmen gerne an, das Unglück würde in seinen schlimmsten Spielarten nicht an uns heranreichen. Das ist eine passable Sichtweise, um den Alltag zu bewältigen und sich nicht in latenter Schreckensstarre durch ein Leben zu kämpfen. Aber sollten wir nicht gleichzeitig gerüstet sein, dem Schrecken zu begegnen? Und falls ja, wie ginge das?

Von links: Wolfgang Seereiter, Elisabeth Scharang und Christina Seyfried gaben Gelegenheit, über individuelle Verantwortung für den allgemeinen Lauf der Dinge nachzudenken

In Extremsituationen entscheiden sich manche Menschen für die Liebe, andere für die Verachtung. Regisseurin Elisabeth Scharang besuchte Gleisdorf zu ihrem aktuellen Film Vielleicht in einem anderen Leben. Dieser Besuch wurzelt im Engagement des Lehrers Wolfgang Seereiter („Zukunft braucht Erinnerung“) und fand offene Türen bei Christina Seyfried, die im „Dieselkino“ für die Reihe „Kino anders“ verantwortlich zeichnet. Es lief ein Film, der anderen ästhetischen Erfahrungen verpflichtet wurde, als flotte Mainstream-Unterhaltung. Dazu das reale Kinoerlebnis von Raum (großer Saal) und mächtiger Oberfläche (stattliche Leinwand), worin man sich selbst völlig anderes erfährt als zuhause auf der Couch.

Die Geschichte wird von Scharang sehr ruhig und konzentriert erzählt. Ein SS-Offizier (Alexander Meile) führt ungarische Juden auf einem langen Fußmarsch Richtung Mauthausen in den Tod. Dieser Marsch ist historisch verbürgt und berührte zu Kriegsende auch den Raum Gleisdorf. Der junge Nazi begegnet in einem kleinen Dorf, wo Station gemacht wird, einem hohen Offizier der einst kaiserlichen Armee. Daß der alte Mann (Joachim Bißmeier) später den Selbstmord des jungen „Herrenmenschen“ entdecken wird, ergibt einen sehr zurückhaltenden, aber bissigen Kommentar zur jugendlichen Schnöselpartie der Barbaren unter dem Hakenkreuz. (Es sollte nicht vergessen werden, was wir in der Zweiten Republik als „Buberl-Partie“ von politischer Relevanz kennenlernen durften, hat historische Vorläufer.)

Ob es so angelegt war? Scharang bekennt, daß sie sich in ihrer Bearbeitung des Theaterstücks von Silke Hassler und Peter Turrini manche Freiheit genommen hat, der Geschichte da und dort einen anderen Fokus zu geben. Sie macht in ihrem Werk deutlich, wie nahe in menschlicher Gemeinschaft die Positionen beieinander liegen können, von denen aus Mitmenschen gerettet aus großer Gefahr gerettet oder zu „Gegenmenschen“ degradiert und ausgelöscht werden.

Damit reicht der Appell dieser Geschichte in unsere unmittelbare Gegenwart, weil man nach 90 beeindruckend Minuten ahnt, es könne jeden von uns treffen, sobald die Rahmenbedingungen einer Gesellschaft auf Sturm gebürstet sind. Scharang läßt keinen Zweifel, es liegt an uns selbst, zu entscheiden und zu verantworten, in welchen Verhältnissen wir leben und wir unsere Kinder aufwachsen sehen. Sie meint, es werde bestimmt interessant sein, in 20 oder 30 Jahren Antworten zu hören, wenn jemand fragt, was wir uns heute in Europa zum Lauf der Dinge gedacht haben.

Das karge Leben und das wortkarge Milieu in dem kleinen Dorf erscheinen mir als sehr authentische Darstellung dessen, was gerade noch die agrarische Welt gewesen ist. Es trennen uns bloß wenige Jahrzehnte von diesen lebenslangen Schindereien, die den meisten Menschen ein bloß bescheidenes Auskommen ermöglichten.

Dabei fällt auch diese weitgehende Unfähigkeit der Leute auf, eigene Gefühle auszudrücken. Wer diesen Bereich der Stille durchbricht, kann sich dafür schnell eine Zurechtweisung einfangen. Was muß alles geschehen, damit der Bauer (Johannes Krisch) seiner Frau (Ursula Strauss) sagen kann, es ausspricht, wie sehr ihm der Sohn fehlt, den ihnen der Krieg genommen hat?

Sehr konsequent erscheint der kurz angebundene Ortsgruppenführer (August Schmölzer), dessen Auffassung vom „Feind des Volkes“ sich bloß aus der verbrecherischen Ideologie der Nazi schöpft, während er die reale Begegnung mit den Juden vermeidet. Aus sicherer Distanz, die er für seine Vorurteile braucht, bringt er das Mordgeschäft, in dem der Film gipfelt, zur Vollendung. Diese radikale Art, eigene Düsternis auf andere abzuwälzen, ist nicht aus der Welt, hat sich nicht mit dem Ende des nazistischen Regimes aus unserem Leben verflüchtigt.

So gesehen erzählt der Film „Vielleicht in einem anderen Leben“ von einem äußerst akuten Gefahrenpotenzial, das zu jeder Zeit die passenden Klamotten an hat.

Fußnote: Mit Jean-Claude Larrieu [link] stand Elisabeth Scharang ein herausragenderKameramann zur Seite.

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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