Martin Krusche: Prokura

(Krusche by Mayr)

Die Metapher vom Hypercube, dem Tesserakt, faßt einigermaßen treffend, wie ich meine kulturellen und künstlerischen Vorhaben vorzugsweise umsetze.

Darin gibt es sprunghafte Komplexitätsschübe, die mich in manchen Momenten völlig überfordern, was ich meine Komplexitätskrisen nenne. Manche Menschen halten sich für smart, weil sie genau das zu vermeiden bemüht sind.

Ich lebe und arbeite in anderen Zusammenhängen. Seit der Antike gilt (bisher unwiderlegt): Ohne Krisis keine Katharsis. Es ist sinnvoll, sich der Möglichkeit des Sturzes auszusetzen. (Für Sie nicht? Okay. Andere Baustelle!)

Wir haben nun den „Archipel“ in Arbeit. Auf dem Weg da hin habe ich den „Raum für Poesie“ errichtet. Das ist keine Plüschkiste für Gereimtes, eher ein Portal für Ungereimtes. Wo Poiesis möglich sein soll, daß also etwas zur Existenz gebracht wird, was es vorher nicht gegeben hat, muß das Ungereimte, das Unwägbare, das Unvorhergesehene Platz haben.

In unserer Kultur ist die Creatio ex nihilo für viele Menschen eine Option, die in göttlichen Zusammenhängen betrachtet und gedeutet wird. Ich hab es leichter. Von der Befassung mit der Quantenphysik her weiß ich, daß wir manchmal Phänomene zur Kenntnis nehmen müssen, die haben offenbar keine Ursachen im Sinne dessen, was wir Menschen für Ursächlichkeit halten.

Wie kann das sein? Es ist eben. Wie und Warum? Wir wissen es nicht. Punkt. In der Kunst ist mir so eine Position in völlig unaufgeregter Weise vertraut. Der entspannte Umgang mit Nichtwissen bleibt eine unverzichtbare Bedingung, um voranzukommen.

Virtueller Krusche in einem aktuellen Arbeitspapier von Marcus Kaiser.

In der Praxis kann ich vieles erfahren, aber nicht erklären. Genau deshalb und damit führe ich seit Jahrzehnten ein Leben in der Kunst. Wie käme andrerseits Wissenschaft ohne dieses „Ich weiß es nicht“ voran? Ist nicht der Beginn von Philosophie das Staunen und das Fragen? Bedeutet künstlerische Arbeit nicht, daß ich auf solche Art Themen bewältigen kann, wo andere Mittel versagen?

In dieser Haltung betreue ich den „Raum der Poesie“. Nur so kann ich gestaltender Teil eines Kräftespiels sein, das mich enorm überragt. Ich hab Prokura der Poesie. Deshalb ist auch Lyrik eine meiner Sprachen; eine von mehreren. Wie erwähnt, es ist hier von keinem Kämmerlein die Rede, eher von einem Portal. Ein virtuelles Portal, eine Zone des Durchgangs, was aber einschließt, daß diese Transit Zone materiell und greifbar wird.

Aktuelle Projektübersicht
+) Archipel
+) Raum der Poesie
+) Raw Book
+) Tesserakt

Lyrik
+) Matrix der Gewässer

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffend
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