Imanuel Geiss

Europa – Vielfalt und Einheit (Eine historische Erklärung)
Mannheim 1993

„Demos war keineswegs ‚Volk‘ schlechthin, sondern nach modernen Begriffen der ökonomisch produktive Mittelstand – Bauern und Handwerker.“ Und wie gerne wird oft Ethnos für Demos gehalten, wenn jemand Volk sagt. Wann immer wir über vergangene Epochen zu reden haben, müßte dazu stets überprüft werden, was genau die Begriffe bezeichnen.

Ich hab zu all dem unzählige Bücher heimgetragen, um mir wenigstens die Kontraste und Differenzen klar zu machen. Hier noch ein schlankes Bändchen zum Thema Europa, diesmal praktisch strukturiert. Ein anregender Überblick, um einen Ausgangspunkt zu markieren. Einen Ausgangspunkt, damit sich das Thema vertiefen läßt, Verzweigungen, die einem zusagen, gefunden werden können.

Ich war über die Themen Rassismus und Nationalismus auf Geiss gekommen, hatte mir danach sein sechsbändiges Werk „Geschichte griffbereit“ besorgt, weil es einem zu allerhand Themen flott Schnittstellen anbietet: Daten, Personen, Schauplätze, Begriffe, Staaten, Epochen. Und dann sein Buch über den Historikerstreit: Die Habermas-Kontroverse.

Wie bei Le Goff, so schätze ich auch an ihm dieses entspannte Erzählen. Er geht sehr systematisch vor, erläutert erst einmal Begriffe und vor allem Strukturgrenzen. Die Zivilisationsscheiden, Konzepte, Zuschreibungen, die Barbaren und andere Querteilungen Europas, wie jene durch Religionen etc.

Mich hat stets fasziniert, wie wir uns Latinität, Orthodoxie und dann die Berührungspunkte mit dem Islam stets neu zurechtdeuten. Natürlich hatte auch unsere Antike ihrerseits eine Antike, was auf den Orient verweist. Der Hellenismus, das Imperium Romanum, das Christentum und diverse Verhältnisse zu den jüdischen Menschen, das muß man wenigstens kursorisch kennen, um mindestens die eigenen Auffassungen von Europa entschlüsseln und verstehen zu können.

Man kann mir ohne Anschauung solcher Zusammenhänge ja auch den Kommunismus nicht erklären und was Europa sonst so an tyrannischen Seiten entfaltet hat. Schließlich ahnt man selbst dank dieser kargen 128 Seiten, daß das Mittelalter kein „finsteres Mittelalter“ gewesen ist. Und so vieles läßt Kontraste schillern, bricht simple Erklärungsmuster, wie sie uns vom Boulevard und von der Tagespolitik oft zugemutet werden, auf.

Im dritten Kapitel geht Geiss den „Aufbruch in die Moderne“ an, was mit der Expansion nach Übersee und anderen Machtdemonstrationen einherging. Europa hat sich eine Größe in vielerlei Sinn des Wortes angemaßt, die wir jetzt schon hart vermissen, denn viel ist davon nicht geblieben und der wachsende Bewertungsverlust dieses feinen Gärtleins am Rande des eurasischen Riesenterritoriums macht uns auf etliche Arten zu schaffen.

Ein kleiner Überblick des Aufstiegs über Kolonialsysteme, über die industrielle Revolutionen sowie geistige Kraftakte hilft uns gewiß, den Abstieg achtsamer zu absolvieren. Es ist ja ein wenig wie beim Bergsteigen. Bergauf geht es sich in der Regel leichter als bergab, denn das Runtergehen ist für den Körper weit belastender. Wir? Heute?

Beim Wiener Kongress sollten wir unbedingt einhaken. Der liegt grade etwa 200 Jahre zurück und rüttelte Europa in möglichen Konfliktlagen so zurecht, wie wir es letztlich im 20. Jahrhundert auszubalancieren versuchten; auf einem Weg in vorher nie dagewesenen Wohlstand für weite Teile der Bevölkerung. Das mochten unsere Aristokraten noch einmal gründlich zerschlagen und nahmen dazu mehrfach Anlauf. Von Königgrätz bis Verdun etc.

Geiss datiert „Selbstzerstörung und Neubeginn“ mit 1914 bis 1992, also vom Großen Krieg, über den Fall der Berliner Mauer, zum Untergang Jugoslawiens: „Mit archaischer Wucht bricht die alte Strukturgrenze von 395/1054 zwischen Latinität und Orthodoxie wieder durch…“ Das Buch erschien 1993. Geiss hat es also in der Deutung Europas ganz nah an seine damalige Gegenwart herangeführt.

Wenn ich mir heute so anhöre, wie in politischen Kreisen über Europa und die EU gesprochen wird, vermisse ich oft, daß dabei wenigstens ein Hauch von Kenntnis dieser Details durchschimmert. Und als ich jüngst auf Facebook über den Marxismus belehrt wurde, kam ich mit dem Staunen kaum nach, wie treuherzig mir da manche Ansichten vorgetragen wurden, denen man keinerlei Tiefe an Geschichtskenntnis anmerken konnte.

— [Bücher] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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