Propheten der Angriffslust

Welcher gute Grund ließe sich gelten machen, um im Zuge eines Wahlkampfes Andersdenkende zu beschimpfen und herabzuwürdigen? Ich kenne keinen. Es gibt keinen. Das ist einfach zu erklären. Gewaltverzicht ist der Angelpunkt einer Demokratie. Wir haben dem Staat das Gewaltmonopol übertragen. Wir haben uns verpflichtet, auf Gewalttätigkeit zu verzichten, damit das Faustrecht gebannt werden kann.

Sprache taugt zur Gewalttätigkeit ebenso wie eine Faust, ein Stahlrohr oder eine Pistole. Sie verletzt und sie stiftet zu weiteren Gewalttaten an, wenn man sie entsprechend einsetzt. Das diskutiere ich nicht, das ist geklärt. Es sind uns aus dem gesamten 20. Jahrhundert genug anschauliche Beispiele dafür überliefert.

Aus diesen Zusammenhängen läßt sich umgekehrt ableiten: Wer eine Sprache der Gewalt bevorzugt, wer andere herabwürdigt, ist für ein Staatsamt ungeeignet.

Seit den 1980er Jahren erleben wir ein stetes Ansteigen der verbalen Gewaltbereitschaft in unserer Politik und in öffentlichen Diskursen. Menschen, die einer Partei emotional anhängen, als wäre es ein Fußballklub, nehmen sich schamloses politisches Personal zum Vorbild und nutzen das Fehlverhalten von Funktionären als Legitimation für eigene Ausritte.

Es gibt ein ganz simples Kriterium, mit dem man klären kann, wie es jemand meint. Werden die Argumente einer Person angegriffen? Wird stattdessen die Person angegriffen? Das markiert einen fundamentalen Unterschied.

Die Propheten der Angriffslust haben derzeit enorme Zuwendung. Ich finde augenblicklich beunruhigend viele Leute in meinem vertrauten Milieu, die sich solcher Haltlosigkeit anschließen und etwa via Social Media in der gleichen Tonlage über Andersdenkende herziehen. Ein verläßlicher Beitrag, die Grundlagen einer Demokratie zu beschädigen.

Zusätzlich finde ich bei solchen Leuten den Mangel an intellektueller Selbstachtung deprimierend. So wird die Arena gefeiert, in der Leute untergehen, damit sich der Pöbel unterhalten kann. Kann man machen. Gefällt mir nicht.

— [Das politische Feuilleton] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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