Fieberträume

Was ich gesehen habe? Zwei frivole Spießbürger, erregt an sich selbst, ergriffen von sich selbst, in voller Größe um etliche Nummern zu klein für den Begriff Staatsmann. (Putin, der gutes Deutsch spricht, muß sich vor Lachen naß gemacht haben.)

Ich hab schon verstanden, daß Volksnähe eben so geht. Man pflegt den Horizont eine Stammeshäuptlings, der sein Stammesgebiet für die Welt hält. Man meint, Milliardäre in sein bedeutendes Werk einbeziehen zu können. Der Boss tritt auf, als sei er der legitime Sohn des Mundl Sackbauer aus Kaisermühlen. Er spricht wie ein Mundl auf der Höhe der Zeit und brüskiert seine Ehefrau, als hätte Ernst Hinterberger das Drehbuch für diese Stunden auf Ibiza geschrieben.

So viel Originaltreue gegenüber einer Fernsehserie, die in Österreich weltbekannt ist, rührt mich fast zu Tränen. Bei all dem tanzt der Adjutant des Stammeshäuptlings, als sei er einer Bühnenshow der Ersten Allgemeinen Verunsicherung entsprungen und halte sich strikt an das Skript von Thomas Spitzer.

Werden dereinst alle rund sechs Stunden des Mitschnitts publiziert sein, wovon ein Redakteur des Süddeutschen sagte, es seien auch viele langweilige Passagen dabei, man habe ebenso über das Wetter geredet, wird also die ganze Aufzeichnung einsehbar sein, könnte auch noch ein gutes Stück Geselligkeit a la Heinz Conrads auftauchen. Bei sanften Klavierklängen, von Carl de Groof und Gustav Zelibor intoniert.

Nein, solche Männer machen keinen Staat. Es ist umgekehrt. Sie sind das Produkt jener Verhältnisse, die wir zugelassen haben. Und das in der verkürzten Variante, wie sie eine vorherrschende Männerkultur in der Abteilung Spießbürger ermöglicht. Quasi Zukurzgekommene, die sich nach Größe verzehren. Wo Demos auf Ethnos verkürzt wird, hat sich Staatskunst eben auf Dimensionen heimischer Operette reduziert.

Ich saß gestern nachts mit einigen lebhaften Menschen in der Clubgarnitur eines Lokales am Stadtrand von Gleisdorf. Wir tranken vorzüglichen Wein und waren uns einig, dies sei für uns alle eine gute neue Gelegenheit, um Demokratie zu lernen. Das heißt unausweichlich, ein aktives Tun in der Demokratie und für die Demokratie voranzubringen.

Zum Abschluß gab Wolfgang an der Bar sehr genaue Anweisungen, welcher Gin mit welchem Quantum Tonic zu mischen sei und welche Menge Eis das verlangt, um den angemessenen Geschmack freizugeben. Ein Getränk, das Fieberträume zähmt und noch eine Weile in der Kehle nachklingt.

— [Das Feuilleton: Übersicht] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
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