Ich bin eine Geschichte

Wir sind alle wandelnde Geschichten. Ich bin schon lange überzeugt, eine zentrale Grundsituation menschlicher Gemeinschaft sieht so aus: jemand erzählt, andere hören zu. Das war mir in meiner Netzkultur-Praxis überaus klar geworden. Technologie ändert unsere Rahmenbedingungen zwar und wirkt als Werkzeug auf uns selbst zurück. Dennoch bleibt das Erzählen in all dem eine vorrangige Angelegenheit.

Maler Nikolaus Pessler


In einem poetischen Sinn sage ich gerne: Wir erzählen einander die Welt. Die Dinge sind, was wir uns davon für Vorstellungen machen und wie wir darüber sprechen. Aktuelles Beispiel: Die berüchtigten Fake News machen sich selbst zur „Wahrheit“, wenn sie von ausreichend vielen Menschen als wahr angenommen werden.

Erzählungen, Gerüchte, Raunen… So entfaltet sich gerade ein Teilprojekt des Projektraumes „Dorf 4.0“. In diesem Ansatz, nun Menschen anzuregen, daß sie sich als Geschichte erleben, die von ihnen selbst erzählt wird, haben wir begonnen, einiges erst einmal auf einer visuellen Ebene aufzublättern.

Das ergibt kleine Double Features, bei denen sich jemand jeweils zu einem Menschenbildnis gesellt und kurz klar macht, warum diese oder jene Persönlichkeit damit vorgeführt wird. So treten zwei Personen kurz miteinander in Beziehung, was interessante Motive ergibt. Darauf ließ sich kürzlich etwa Maler Nikolaus Pessler ein, dessen Arbeiten wir im Herbst zeigen werden.

Richard Mayr

So hatte ich eben mit Fotograf Richard Mayr zu tun, der mir seinen Vorfahr Richard Mayr zeigte. Nebenbei sagte Mayr: „Ich hab ihn leider nicht gekannt.“ Warum diese Bemerkung? „Weil er viel bewegt hat.“ Mayr der Ältere war Gleisdorfs Bürgermeister und erster Feuerwehrhauptmann gewesen, ließ das Rathaus bauen, wirkte im Landtag, bis er im Jahr 1900 verstarb.

Es wäre tatsächlich sehr interessant zu wissen, wie er getickt hat, was ihn bewegte. Damit wird auch anschaulich: Menschliches Wissen geht sehr schnell verloren. Wir wissen meist schon nicht mehr, was in unseren Großeltern vorgegangen ist. Nur selten sind Quellen verfügbar, Aufzeichnungen, Dokumente, die davon erzählen.

Möchte man aber begreifen, wo man lebt und was da die Menschen treibt, weshalb manches so und anderes so gehandhabt wird, sollte man über Vorgeschichten etwas erfahren können. Mentalitätsgeschichte ist eine sehr zähe Angelegenheit.

Grazer Tagblatt, 21. April 1900

Wir haben nun 2018, was an 1918 denken läßt. Der Große Krieg hatte geendet, drei Dynastien, von denen Europa geprägt worden war, mußten von der politischen Bühne abtreten. Erst die Romanows, dann die Habsburger und die Hohenzollern. Rußland, Deutschland und Österreich veränderten sich radikal, das Kräftespiel in Europa verschob sich dabei völlig.

Was aber ereignete sich in diesen Umbrüchen auf regionaler oder gar lokaler Ebene? Dem möchten wir ein wenig nachgehen; auch weil zu betonen ist: Was immer uns gelingt, beruht auf den Vorleistungen anderer Menschen. Solche Zusammenhänge möchten wir uns in der Region etwas genauer ansehen.

— [Ich bin eine Geschichte] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffend
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