Warum ich so ein Arsch bin

Ganz offensichtlich müssen wir auf dem Feld der Kultur recht grundlegende Dinge stets neu klären. Das ist manchmal etas ermüdend, aber eben unverzichtbar.

Wir Enkel und Urenkel von Untertanen haben von der Geschichte zwei Arten der Bürde auferlegt bekommen, die mit einander korrespondieren. Die Bürgerliche Tugend der Mäßigung und das Talent zur kritischen Öffentlichkeit. Balance wäre ein Ideal. Wir straucheln und taumeln.

Mein Lieblingsportrait von Dostojewski hat Wassili Grigorjewitsch Perow gemalt (Public Domain)

In uns streiten allerhand Kräfte. Zwei davon sind besonders Prominent. Das sexuelle Begehren und der Zug, jemandem die Fresse einzuschlagen, wenn am Dissens nicht gerüttelt werden kann.

Wie ist das aber mit Mäßigung und kritischer Öffentlichkeit vereinbar? Na, gar nicht. Dieses und so manch anderes Dilemma haben wir daher in einer sozial halbwegs stabilen Zivilgesellschaft mit allerhand Kompensansitions-Strategien stets neu zu bügeln.

Wo das zu anstrengend erscheint, bleibt Heuchelei als Plan B. So oder so, der Ausbruch von Unkontrollierbarem bleibt an der Kette. Fallen solche Konventionen, macht die „Normalität“ Pause, kann es schnell die ersten Toten geben. Kein Spaß!

Im Lichte solcher Möglichkeiten muß verstanden werden, vor allem von mir selbst, daß ich das Zeug zum Arsch hab und mich offenbar davon auch nicht abbringen lasse. Ich habe nicht in Jahren, sondern in Jahrzehnten Gelegenheit gefunden, dieses Talent reifen zu lassen. Doch erst seit einigen Jahren schreibe ich auch darüber. Gelegentlich.

Es erreicht mich auf höchst unterschiedliche Art Nachricht über meine soziale Schwäche. Manchmal moderat, wie etwa: „Martin Krusche: lasst du bitte diesen Ton!“ Manchmal weit energischer, wie etwa: „mieses oststeirisches zwetschkenzwutschkerl“.

Man muß mit Beschimpfungen Erfahrung sammeln, um sie kontextual lesen zu können. Das „zwetschkenzwutschkerl“, also gewissermaßen die „Zwergzwetschke“, wahlweise der „Zwetschkenzwerg“, ist ein Querverweis auf den slawischen Zwetschkenschnaps Slivovitz/šljivovica, mit dem slawische „Untermenschen“ sich das Zwiebelfressen versüßen. Zitat: „halt den mund und verschluck dich nicht beim zwiebelkauen !“

Ich zitiere hier aus unvergeßlicher Leserpost der letzten Jahre. Einen Teil davon habe ich vor Jahren in einer kleinen Enzyklopädie der Beschimpfungen zusammengefaßt.

Wußten Sie, daß es eine "free speech flag" gibt?

Mäßigung ist wichtig. Erstens huldigt sie dem Gewaltverzicht, wodurch Europa befriedet werden konnte; von kleinen Pannen mit ein paar tausend Toten in jüngerer Zeit abgesehen. Zweitens ist sie einer der Garanten, Definitionsmacht jenen sicherzustellen, die sie verdienen, und entsprechend aktueller hierarchischer Konzepte angemessen zu verteilen.

Das meint primo: Wer darf sagen, was es ist?
Das meint secundo: Wer darf was wann sagen, wenn überhaupt?

Vergessen Sie nicht, als die Demokratie erfunden wurde und der freie Meinungsaustausch auf der Pnyx zum Ideal erwuchs, galt das bloß für eine bevorzugte Minorität zu Lasten einer Sklavengesellschaft. Seit der griechischen Antike wurde dann allerhand ausprobiert. In unseren Breiten zuletzt der Ständestaat, dann die Tyrannis. Erst ab 1946 konnten wir dank der Roten Armee und amerikanischer Truppen beginnen, etwas anderes zu erproben.

Ich hab aus Heimatkunde und Geschichtsunterricht nach meiner Schulzeit Schlüsse gezogen, mich später auf romantische Art für die Haltungen längst verstorbener Schriftsteller erwärmt. Es hat mich bewegt, daß Dostojewski bloß für das Verlesen eines Briefes nach Sibirien mußte.

Das war ein Brief an Gogol, in dem Vissarion Belinski das herrschende System mit seiner Leibeigenschaft und Religionspraxis kritisiert hatte. Zu der Zeit bedachte man unbotmäßige Autoren mit Seufzern wie „Ach, du ungewaschene Schnauze!“

Dagegen ist ein mir übersandtes „geh doch scheissen, du rattenkind“ um Grade unfreundlicher, hat aber auf phonetischer Ebene eindeutig Poesie. Andrerseits wurde ich gelegentlich auch mit Sätzen wie dem folgenden verwöhnt: „du sollest landesbeamter im verkehrsamt fuer sprach- und sprechunwesen werden“.

Den stärksten Eindruck aus verstaubten Zeiten hinterließ bei mir natürlich Emile Zola, der eine ganze Regierung herausgefordert hatte. Er ist für mich Europas vorrangiges Role Model eines Intellektuellen, der sich ohne Einladung von höherer Instanz in den öffentlichen Diskurs einbringt.

Wenn später in meinem Umfeld Persönlichkeiten wie Vaclav Havel verehrt wurden, steht das in dieser Tradition. Das ist aber zugleich die Falle. Solche Verehrung könnte uns ersetzen, selbst für kritische Verhältnisse und kritische Diskurse zu sorgen; daß sich nämlich beherzte Personen ungefragt in öffentliche Debatten einmischen.

Die Tyrannis empfiehlt uns also verschmitzt, solche Praktiken zu schätzen, soweit sie historischer Natur sind. In der Gegenwart sollte das aber unterbleiben. So hat mir kürzlich eine erzürnte Demoiselle ausgerichtet: „Außerdem ist mir auch schnuppe, ob du dich ‚aus dieser Debatte verabschiedet hast‘, eingeladen hat dich schließlich auch Niemand!“

Der kühne Émile Zola, fotografiert von Félix Nadar (Public Domain)

Wer hat nun darüber zu verfügen, was von wem wann in der medialen Öffentlichkeit geäußert werden darf? Sie sehen, da ist wieder die Frage, bei wem Definitionsmacht liegt.

Nun ist es meine Marotte, mir als Autor genau das anzumaßen: Entscheidungsfreiheit, wo ich zu wem was äußere. Dazu muß ich mich gar nicht erst auf Emile Zola berufen, wir haben das inzwischen auch schriftlich; nämlich im Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Das Dokument als PDF-Datei: [link]

Die bürgerlicher Lösung, um solcher Anmaßung zu begegnen, ist moderat und smart. In längeren Debatten wird man bald vom Inhaltlichen konsequent abgehen und Benehmensfragen, Fragen des Tonfalls behandeln. So schrieb mir kürzlich ein besorgter Herr zu einem hochgegangenen Dissens: „Nicht eigentlich zum Thema, mehr zu deiner Schreibweise über Menschen:…“

Der nämliche Herr meinte auch: „Schönen Gruß und viel Erfolg bei der Schriftstellerei, zum Glück bedarf es keines Fähigkeitsnachweises, diese Berufsbezeichnung zu führen.“

Das war eine sehr elegenate Art, mir meine berufliche Qualifikation abzusprechen. Wir wissen aus der Geschichte, was der nächste Härtegrad wäre: Schreibverbot. Und dem folgt bei Nichtbefolgung in Europa seit jeher, daß einen bewaffnete Kräfte abholen. (Naja, nicht heute und nicht hier.)

Da liegt nun, was mich zum Arsch macht, reuelos und streitlustig: Ich will primär an den inhaltlichen Belangen festhalten. Ich werde jederzeit Mißbilligung meines Benehmens in Kauf nehmen, um diesem oder jenem inhaltlichen Aspekt zu folgen.

Wo sich nun jemand beleidigt fühlt und mich deshalb beleidigen möchte, sei mir eine Bitte gestattet: Tun Sie es unbedingt mit Esprit! Ich finde keine Beschimpfung so unverzeihlich wie den Mangel an Esprit.

Wenn ich etwa zu lesen bekomme: „Lösch mich da sofort raus, oder ich mach dir die Hölle heiß!!!“, dann denke ich ganz wehmütig an Opponenten, die mir solche Dinge schreiben: „du taschen – und tagedieb – du mieser einfallsloser provinztrottel“. (Fortsetzung folgt eventuell.)

+) Zur free speech flag siehe: „Die Verbotene Zahl“ [link]

— [The Track: Pop] [Generaldokumentation] —

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffender künstler, repräsentant einer "art under net conditions"
Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.