was ist kunst? #5

es war im vorigen eintrag von „flow“ die rede, von einem bestimmten zustand, in dem mir die arbeit besser gelingt als in anderen zuständen. das sind abschnitte, in denen inspiration greift und ich mich meist nicht mehr mit überlegungen plagen muß, was nun geschehen soll. da arbeite ich dann sehr zügig. inspiration ist für mich nur in seltenen fällen ein ereignis, wo mir etwas aus heiterem himmel zufällt. sie hat vorbedingungen, sie hat rahmenbedingungen.

das gilt ja keineswegs bloß für künstlerische akte. aber da eben besonders. denn anderes tun hat zum beispiel ergebnisse in der bewältigung des alltags. greifbares, gut nachvollziehbares. in der künstlerischen praxis erlebe ich, daß jedes ergebnis neue fragen oder problemstellungen für neu aufgaben hervorbringt. was ist denn DAS für ein tun? wozu braucht man sowas?

es wird oft als sehr provokant empfunden, wenn sich nicht sofort sagen läßt, WAS etwas ist. das uneindeutige stört die beschauliche ruhe im denken vieler menschen.

ein weiterer hinweis darauf, daß mein zugang zur kunst ein äußerst prozeßhafter ist, weshalb dabei kontinuität große bedeutung hat. so wird dann ein einzelnes werk, das ich zustande bringe, fast schon zum „nebenprodukt“, auf jeden fall zu einem zwischenergebnis. das werk ist evidenz für augenblicke. diese dinge verschwinden dann auch wieder. selbst dürers weltberühmter „feldhase“ verschwindet, die farbpartikel fallen vom papier; fachleute rechnen aus, wie lange das blatt jeweils in finsternis „ruhen“ muß, nachdem es an’s licht gezerrt und betrachtet worden ist. das wird den „feldhasen“ langfristig nicht erhalten, sondern bloß sein verschwinden bremsen.

ein anderes beispiel. von der griechischen kunst der plastik ist fast nichts erhalten geblieben. wenige artefakte, das meiste davon spätere kopien und beschreibungen von einzelnen werken. dieser kunstzweig, von dem gombrich in seiner kunstgeschichte sinngemäß sagte, wir hätten fast alles von den griechen gelernt, ist uns vor allem als teil unserer ansichten erhalten geblieben; die werke selbst sind großteils versunken, verschwunden, wir kennen auch die namen der meisten künstler nicht.

wo bleibt dabei nun die kunst? eben! und da bin ich auch bei gombrich. die KUNST sehen wir nicht, wir hören sie nicht, wir können sie nicht sinnlich erfahren. unsere wahrnehmung („aisthesis“) erblüht an werken und prozessen, die der kunst gewidmet sind, nicht an der kunst selbst.

noch einmal ausdrücklich: ich habe die kunst nie gesehen. aber erfahrungen, berichte, artefakte und so etwas wie kollektives bewußtsein sind offenbar seit jahrtausenden beleg dafür, daß menschen sich der kunst widmen. manche würden vermutlich sagen, daß hier von spirituellen erfahrungen zu sprechen sei. ich erlebe mich sowohl in der rezeption wie auch im kunstschaffen dieser ganzen vorgeschichte verbunden.

es ist ein metier, das nicht über herkömmliche beweisführung erschlossen werden kann. ein weiterer grund, warum mir die frage „was ist kunst?“ so unerheblich erscheint. manchmal höre ich menschen sagen: „ich verstehe nichts von kunst.“ das mag ja sein. aber die aussage erscheint mir etwas irreführend. „ich habe keine erfahrung mit kunst“ halte ich für viel zutreffender.

ich sehen gerne von spontan wirksamen talenten ab, die quasi ohne anlauf zu bemerkenswerten ergebnissen fähig sind. solche menschen gibt es gelegentlich. aber das gros der kreativen ist auf praxis und ERFAHRUNG angewiesen. also auf schon absolvierte prozesse; vor allem ästhetische erfahrungen, also wahrnehmungsprozesse. ich wiederhole mich bewußt: ZEIT spielt dabei eine erhebliche rolle. (das würde ja eher die frage empfehlen: „WANN ist kunst?“)

[überblick]

Über der krusche

jahrgang 56, freischaffend
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