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Prioritäten prüfen

Die Frage nach dem Rang Kultur- und Kunstschaffender

Diesmal ein sehr kleines Plenum mit der Arbeit an großen Vorhaben. Wir hatten uns in der Nachbarregion („Vulkanland“) getroffen, auf Schloß Hainfeld. Beim vorangegangenen Plenartreffen [link] waren schon einige Punkte deutlich geworden, die nun greifbarer gemacht werden müssen. Der Hintergrund all dessen ist heuer kontrastreich.

Zusammenfassend läßt sich sagen: Nun ist rund ein Jahr vergangen, seit die Konsequenzen mehrjähriger Krisenentwicklungen, national und international, ganz konkret und hart zur Basis regionaler Kulturschaffender durchgeschlagen haben.

Irmgard Hierzer (links) und Irmgard Eixelberger

Ende Oktober 2010 war klar, daß sich die Kommunen von uns zurückziehen, um sich mit allenfalls verbleibenden Kulturbudgets um ihre „hauseigenen“ Einrichtungen zu kümmern. Allein die Stadt Gleisdorf hat ihr Kulturbudget in zwei Jahresschritten (2010/2011) um 75 Prozent reduziert. Genau! Es blieb bloß noch ein Viertel übrig. Was das auf viele kleine Gemeinden umgelegt bedeutet, ist klar: Null Prozent Rest.

Inzwischen wurde sogar der Ausstellungsbetrieb im Gleisdorfer „Museum im Rathaus“ eingestellt und dieser wichtige wie zentrale Veranstaltungsort bleibt ab nun weitgehend privater Initiative überlassen. So schaut’s aus, punktum. Es gab keinen Moment, wo etwa das Kulturreferat bekanntermaßen engagierte Leute an einen Tisch gebeten hätte, so im Sinne von: „Wir sollten über den Status quo reden“.

Also kein kulturpolitischer Diskurs. Also minus 75 Prozent. Also keine Gespräche. So ist es gekommen. Wird es so bleiben? Zum Glück nicht ganz. Das war alles sehr anregend. (Ironie!) Die Politik beginnt nun doch noch, auf unser Bestreben zu reagieren. Worum geht es aber insgesamt?

Schloß Hainfeld war ja gerade erst unser Treffpunkt, um den Themenbrocken „Kunst Wirtschaft Wissenschaft“ in unsere Praxis herüberzuführen: [link] Siehe dazu auch die Notiz: [link] Das ist einer der Themenschwerpunkte im aktuellen Konzentrationsprozeß.

Gerhard Flekatsch

Ein anderer Aspekt betrifft die Frage nach dem Rang Kultur- und Kunstschaffender innerhalb der Regionalentwicklung. Da haben die Kommunen der „Energie-Region“ gerade einen anspruchsvollen Prozeß gestartet, der unter dem Aspekt von „BürgerInnenbeteiligung“ in die nächsten Jahre hinein wachsen soll. „Vision 2050“ ist für uns auf jeden Fall ein Anlaß, um zu demonstrieren, was kulturelle Kompetenzen in einer regionalen Gesellschaft sind und bedeuten.

Wir haben beim aktuellen Plenum erörtert und beschlossen, dem eine Serie von Arbeitstreffen folgen zu lassen. Die Themen-Website dazu gib schon einen Überblick, was in der Sache bisher zur Diskussion stand: [link] Nun wird „kunst ost“ seine Rolle in diesem Prozeß noch präzisieren.

Das bedeutet, wir bemühen uns, klarer erkennbar zu machen, daß zwar die künstlerische Praxis selbst kein soziales oder politisches Werkzeug ist und daß unsere künstlerische Arbeit sich selbst verpflichtet bleiben sollte, daß aber Kompetenzen, die wir aus der Befassung mit Kunst beziehen, im Gemeinwesen wichtig sind.

Wir haben außerdem erörtert, wo ein kulturpolitischer Diskurs ansetzen kann, da uns die letzten zwei Jahre mehr als deutlich gezeigt haben: Es gibt in den Kommunen der Region keinen breiten Konsens, sich für eine zeitgemäße Kulturpolitik zu engagieren, weil es darüber keine ausreichende Sachkenntnis gibt.

Landeszentren haben es da leichter, weil da historisch gewachsene Milieus bestehen, deren kulturelle Ansprüche und deren Kulturverständnis die Basis eines kulturellen Klimas ergeben, von dem die „Provinz“ keine Spur zeigt. Gut, es ist eben so und da bleiben momentan nur wir Kulturschaffende, die sich dem widmen mögen. Das heißt auch, Graz hat alle Vorteile materieller und immaterieller Art gegenüber der restlichen Steiermark, eine angemessene Wechselwirkung in der Frage findet kaum, eigentlich eher nicht statt.

Kernpunkt: Wenn wir den Leuten in Politik und Verwaltung klar machen möchten, warum es uns geben soll und warum Kommunen in den Kulturbereich investieren müssen, sollten wir das erst einmal uns selbst klar machen.

Dazu gehören auch Fragen nach Vermittlungsarbeit und Präsentation. Wir kennen die Falle. Alle Welt flötet: „Quoten sagen doch nichts aus.“ Aber unterm Strich fragt die Politik: „Wie viele Besucherinnen und Besucher waren da?“ Die konventionelle Verwertungslogik dominiert. Wir sind dem bisheute noch nie ausreichend streitbar entgegengetreten. Wir ließen es bisher an klaren Argumenten fehlen.

Wenn wir das nicht aufbrechen, wird es niemand sonst tun. Also haben wir auch uns selbst zu fragen: Warum soll es Ausstellungen geben? Welchen Sinn und welchen Stellenwert hat Präsentation? Wie viel davon sollte allenfalls zugunsten anderer Aktivitäten zurückgenommen werden?

Wir waren uns freilich einig: Das soll es weiter geben. Wir werden uns auch zukünftig über diesen Weg an eine Öffentlichkeit wenden, ein Publikum suchen. Doch insgesamt muß das Repertoire verschiedener Kulturveranstaltungen überdacht werden. Auf eine Kommunikation mit einem Publikum werden wir nicht verzichten. Aber es geht auch noch um ganz andere Settings und ganz andere Aufgabenstellungen.

Kunsthistorikerin Mirjana Peitler-Selakov mit Unternehmer Andreas Kindermann (Mitte) und Tierarzt Karl Bauer

Das kommende Aprilfestival bleibt natürlich auf der Checkliste: [link] Es wird allerdings konzeptionell gründlich zu überarbeiten sein. Unser „FrauenMonat“ bleibt auch auf dem Programm. Da hat Kuratorin Mirjana Peitler-Selakov aus dem letzten Sommer heraus offenkundig mehrere Durchbrüche geschafft. Siehe dazu auch die Notiz „Frauen, Technik, Kunst“: [link]

Für den Herbst 2012 ist ohnehin schon länger eines von zwei Symposien fixiert, mit dem wir auf die Ebene eines internationalen Kunstdiskurses gehen. Der kommende Herbst ist dem Thema „regionalität und realität // globalität und virtualität“ gewidmet; siehe: [link]

Wir sind also gerüstet, die Positionen Kulturschaffender jenseits des Landeszentrums neu zu besetzen und zu begründen.

Scharf stellen in unscharfen Verhältnissen

Wohin ich mich auch wende, Kulturschaffende führen Klagen über den Status quo. Mir ist das kein Rätsel und wir wissen ja auch, wie es gekommen ist. Aber um das deutlich zu sagen: Ich hab keine Lust, mich selbst als „Opfer“ oder „Problemfall“ zu definieren. Und ich hab auch keine Laune, dauernd nur mit dem befaßt zu sein, was uns schwer fällt. Da müssen auch noch andere Aspekte eine Rolle spielen können.

Die laufenden Debatten sind mir überdies etwas zu dünn. Ich wünsche mir:
+) Wenn schon Polemik, dann mit Esprit!
+) Wenn schon „Flaming“, dann aber radikal und mit grober Kelle!
+) Ansonsten hätte ich es gerne lieber sehr viel sachlicher und unaufgeregter!

Am wenigsten interessiert mich das populäre Verfahren, die Selbstdefinition durch Feindmarkierung vorzunehmen. Das ist erbärmlich. Ich brauche keine Wand, gegen die ich spielen kann, um anderen klar zu machen, wer ich bin und warum ich das bin.

Als Kunst- und Kulturschaffender muß ich in der gegebenen Situation neu klären, was ich selbst zu leisten vermag, wer mich als Verbündeten akzeptieren würde und was daraus folgt, wenn ich meine Position gegenüber Politik und Verwaltung zu verdeutlichen hab.

Wenn ich am Stand der Dinge Kompetenzmängel und Stagnation feststellen muß, dann betrifft das wahrlich nicht bloß die anderen Metiers, sondern auch unseres. Also liegt mir an brauchbaren Befunden, die einer Prüfung und Debatte standhalten. Daraus sind Schlüsse zu ziehen und Handlungspläne zu entwerfen, dann geht’s los. (Ja, ich wiederhole mich.)

"kunst ost" in der aktuellen Ausgabe von "top of styria"

Mich interessiert zur Zeit natürlich sehr, was wir als Kulturschaffende überhaupt direkt mit Wirtschaftstreibenden zu tun haben können. Das ist ja keineswegs so klar und herkömmliche Vorstellungen von Sponsoring führen in unserem Bereich erfahrungsgemäß eher ins Leere.

In der heurigen Jahresausgabe von „top of styria“ ist auf Seite 18 meine Zusammenfassung solcher Überlegungen zu finden: [link]

Außerdem haben wir im Rahmen unserer „Kulturspange“, einer Kooperationsebene im Kulturbereich, nun eine Reihe von Arbeitstreffen eröffnet, wo solche Annahmen, Optionen, Überlegungen debattiert werden, um in praktikable Versuche zu münden: [link]

Ich sehe die wachsende Diskussion um das Grazer Künstlerhaus als einen interessanten Anlaß, um zu klären, wo denn Kunst- und Kulturschaffende in der Steiermark momentan überhaupt stehen; vor allem auch in ihrer Auseinandersetzung mit Politik und Verwaltung. Deshalb fasse ich einen Teil einschlägiger Beiträge hier zusammen: [link]

Techniker Michael Toson (links) und Graphic Novelist Jörg Vogeltanz im Grazer Johann Puch-Museum

Die Alltagskultur bleibt derweil nicht unberücksichtigt. Aus unserem „Kuratorium für triviale Mythen“ ist inzwischen so einiges hervorgegangen. Das bildet längst einen speziellen Fokus auf Mobilitätsgeschichte. Der hat nun eine im Plauderton gehaltene Ebene auf Facebook, an der Person Johann Puch festgemacht: [link]

Nennen Sie Ihre Gründe!

Es ist schon so, daß meine verfügbare Zeit momentan kaum für künstlerische Praxis reicht, großteils für Debatten, Entwicklungsarbeit und administrative Aufgaben draufgeht. Es wäre ohne Zweifel angenehm, würde mir ein Teil der mühsamen Dinge abgenommen, um mehr Platz für die künstlerische Arbeit zu lassen. Wäre. Könnte. Würde. Träumereien. Der Status quo fordert uns momentan auf andere Art.

Eva ursprung (ganz links) bei der Session in Schloß Hainfeld

Wir hatten eben dieses von Künstler Gerhard Flekatsch initiierte Arbeitstreffen in Schloß Hainfeld, bei dem wir daran gingen, neue Ideen für eine sinnvolle Kooperation mit Wirtschaftstreibenden zu erarbeiten. Eine „Urbanisierung“ der „Provinz“ wäre ja Unfug, weshalb auch herkömmliche Vorstellungen von Sponsoring uns keinen Meter weiterhelfen.

Das war zugleich der Auftakt zu einer kleinen Ausstellung, an der unter anderem Künstlerin Eva Ursprung beteiligt ist. Wie das in Berufsgruppen so üblich ist, auch wir plaudern unter der Arbeit über die „Hackn“, über den Zustand des Betriebes. In den letzten Monaten wurden wir alle vom Lauf der Dinge ziemlich gezaust. Erschöpfungszustände sind inzwischen Standard.

Ich möchte es noch konkreter ausdrücken: Was die Kommunen und das Land uns innerhalb der letzten zwölf Monate zugemutet haben, war so anstrengend, ich bin in dieser Phase definitiv beschädigt worden. Einer der dümmsten Aspekte daran ist die Tatsache, daß unter sprunghaft ansteigendem Krisendruck viele Leute in Politik und Verwaltung diesen Druck sofort an uns weitergereicht haben, in dem sie ansatzlos alles fallen ließen, womit sie grade noch befaßt waren.

Dadurch sind nicht nur wir Kunstschaffenden individuelle beschädigt worden. Dadurch sind auch schon erreichte, also erarbeitete Ziele den Bach runtergegangen. Aber so ist das eben und einschlägige Klagen können beim Salzamt abgegeben werden.

Harmonischer Gemeinderat; die eklatanten Einbrüche im Kulturbereich sind offenbar niemandem aufgefallen

Ich habe gerade in Gleisdorf eine Gemeinderatssitzung miterlebt und war verdutzt, welche Harmonie da herrschte. Das es im Kulturgeschehen nicht nur der Stadt, sondern der ganzen Region gerade ein veritables Desaster gegeben hat, schien diese Harmonie mit keinem Funken Unruhe zu trüben.

Meine Standardfloskel in diesen Zeiten: Es IST so. Und wir haben es offenbar selbst verabsäumt, während der wenigstens letzten zwanzig Jahren konkret wie mit Nachdruck zu fordern, daß in Politik und Verwaltung ausreichend Leute auftauchen müßten, die per Kompetenz in der Lage wären, zu VERSTEHEN, wovon wir reden. Es gibt sie vereinzelt und wir bekommen keinerlei Streß, diese wenigen gelegentlich zu treffen.

Ansonsten haben wir momentan nicht einmal das geringste Gesprächsklima, das zu angemessenen ÖFFENTLICHEN DISKURSEN führen könnte. Man ahnt, dem Abfassen von Protestnoten messe ich die allergeringste Bedeutung bei. Davon kursieren außerdem längst auffallend viele aus der Szene, deren Amtsdeutsch, deren „Funktionärssprech“ kann ich keine fünf Zeilen weit ernst nehmen; wie sollte es dann jemand in Politik und Verwaltung?

Hainfelds Schloßherrin Annabella Ditz und Kunstsammler Erich Wolf: Ohne eine Praxis des Kontrastes wäre in der Region wohl kaum Boden zu gewinnen

Ich bevorzuge vorerst die Arbeit an einer möglichst detaillierten Darstellung des Status quo, um daraus passende Strategien abzuleiten, Handlungspläne zu erarbeiten und loszulegen. All das, wie angedeutet, von öffentlichen Diskursen begleitet. Da wie dort muß es heißen: „Nennen Sie Ihre Gründe!“

Ich mißtraue jenen, die sich darin bedeckt halten, egal, in welchem Lager sie stehen.

und dann 2050? #7

Seit Ende der 1980er beschäftigt mich das Thema „Eigenständige Regionalentwicklung“ und die Frage nach angemessenen Zusammenhängen im Kulturbereich. Es gab ab etwa Mitte der 80er ein deutlich sichtbares Milieu von Kulturschaffenden, die damals vieles von dem erprobten und einführten, was heute Standard ländlicher Kulturreferate ist.

Dennoch ist der kulturpolitische Status quo in der „Provinz“ momentan mehr als besorgniserregend. Wie war das möglich, wo doch so viel kulturelles Engagement Platz gegriffen hatte? Außerdem gingen viele Leute aus diesem damaligen Inituiativenmilieu in verschiedene Institutionen der Gesellschaft, die ein waches Verständnis von Kulturgeschehen fördern könnten. Ich nenne ein regional prominentes Beispiel: Erwin Eggenreich wird der nächste Bürgermeister von Weiz sein. Er war damals ein engagierter Akteur dieser kulturellen Entwicklung.

Gerhard Ziegler (links) und Erwin Eggenreich waren tragende Akteure der regionalen Kulturinitiativenszene in den späten 1980ern. Ziegler ist heute im Projektmanagement tätig, Eggenreich wird der nächste Weizer Bürgermeister.

Ich habe keinen Zweifel, daß einer der Hauptgründe des aktuellen Zustandes im Auseinanderfallen der Milieus liegt, zwischen denen Kommunikation weitgehend abgebrochen ist. Damit meine ich, wir haben aufgrund unserer biografischen Entwicklungen höchst unterschiedliche Felder betreten und weder Anlaß noch Wege gefunden, die Kommunikation zwischen diesen Felder aufrecht zu erhalten, obwohl wir uns aus der Vorgeschichte gut kannten. (Oder vielleicht eben deshalb.)

Ich sehe das übrigens auch als ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Innerhalb der letzten zwölf Monate haben Konfliktlagen im sozialen und kulturellen Bereich deutlich gezeigt, daß mindestens auf der Landesebene die Politik und die Zivilgesellschaft, als zwei Sphären eines größeren Zusammenhangs, auseinandergefallen sind und daß die Kommunikation zwischen diesen beiden Sphären stellenweise bloß noch Simulation ist.

Aber auch auf kommunaler Ebene ist Kommunikation sehr schwierig geworden. Gremien der Gemeinden scheinen eher auf sich zurückgezogen zu sein. Ratlosigkeit nimmt zu. Das Thema Gemeindezusammenlegungen dominiert offenbar viele Arbeitsbereiche. Auch die „Großregion“, eben erst schwungvoll konstituiert, läuft anscheinend auf ein Schwimmen in Gelee hinaus.

In der Kleinregion Gleisdorf heißt es: „Gemeindezusammenlegung nein danke!“ Mit einer kuriosen Ausnahme, wo zwei Winzlingsgemeinden die Fusion erwägen. Allerdings unter der Bedingung, daß ihnen vom Land ein neues, gemeinsames Gemeindezentrum gebaut würde. Lustig!

Die Sitzungen des Gleisdorfer Gemeinderates haben einen öffentlichen Teil, der besucht werden kann, um aus erster Hand zu erfahren, was im Rathaus läuft

Das Thema „Großregion“ wurde 2009 eingeführt: [link] Die Politik hatte entschieden, es sollen in der Steiermark sieben Großregionen formiert werden. Im Gleisdorfer Gemeinderat erfuhr ich: Die Aufgaben sind noch unklar. Auch die Zusammenarbeit mit LEADER sei weitgehend unbestimmt. Es sei eben ein „Werdungsprozeß“. Die regionalen Mühlen mahlen also sehr langsam, während uns die Probleme galoppierend entgegen kommen.

Das korrespondiert freilich mit dem rasenden Servicebedürfnis der Bevölkerung, deren Großteil offenbar von öffentlicher Hand Leistungen erwartet, ohne ausreichend zu klären, was dabei an Eigenverantwortung und Selbstorganisation verstärkend ins Spiel kommen könnte. Dazu hat sich Helmut Kienreich, derzeit Bürgermeister von Weiz, recht deutlich geäußert: [link]

Ich sehe sehr deutlich im Kulturbereich, wie das Servicebedürfnis die Eigeninitiative überlagert. Was ist in den letzten Jahren „bottom up“ entstanden? Welche Kulturschaffenden treffe ich etwa bei Meetings der „Kleinregion Gleisdorf“, wo man völlig zwanglos mit Funktionstragenden der Kommunen ins Gespräch kommen kann?

Es ist verlockend, Politik und Verwaltung mit Vorhaltungen zu konfrontieren. So lassen sich die Ursachen für Stagnation und Kompetenzverluste bei anderen finden. Ich tendiere dazu, primär auf dem eigenen Feld für neue Klarheiten zu sorgen und Handlungspläne zu entwickeln. Parallel müssen wir uns überlegen, was getan werden soll, damit Leute in Politik und Verwaltung zu verstehen beginnen, wovon wir reden. Das ist nämlich nicht von hausaus gegeben. Kommunikation. Übersetzungsarbeit. Das erledigt sich nicht von selbst.

"kunst ost" und die bereichsübergreifende kooperation: gleisdorf, hainfeld (feldbach) und graz, hier gerhard flekatsch und eva ursprung

Ab da lassen sich Kooperationen entwerfen und erproben. Klare Inhalte, gelingende Verständigung, ohne diese Ausgangspunkt droht jede weitere Bemühung in leere Kilometer zu münden. Mein Credo für diese Prozesse: Klären wir zuerst quer durch verschiedene Metiers, ob wir gemeinsame Fragen haben, deren Bearbeitung uns interessant erscheint. Falls ja, klären wir, welche gemeinsamen Aufgaben eine Bündelung unserer verschiedenen Kompetenzen nahelegen würden.

[2050: übersicht]

Zur Lage der bildenden Kunst in Graz

Ich hab gerade mit einem kleinen Beitrag auf der INFOGRAZ-Website zusammenzufassen versucht, wo die Debatte rund um die zukünftige Nutzung des Grazer Künstlerhauses steht: [link]

Inzwischen scheint auch der ÖFFENTLICHE Diskurs inhaltlicher Fragen in die Gänge zu kommen. Das hat übrigens die GANZE Steiermark sehr nötig. Immerhin neigt sich mehr als eine Ära interessanter kultureller und kulturpolitischer Entwicklungen merklich ihren Enden zu. Das erzeugt Klärungsbedarf.

Ich denke, einer der wichtigsten Klärungsbereich ist dabei die Frage nach etwas mehr kategorialer Trennschärfe zwischen Gegenwartskunst und Voluntary Arts. Ein aktuelles Grazer Thesenpapier betont überdies das Anliegen, die angewandten Bereiche, das Kunsthandwerk und Bereiche der Creative Industries von der Kunst zu unterscheiden.

Ich hab eben von Künstlerin Eva Ursprung dieses sehr anregende Statement erhalten. Ich gebe das Dokument hier in vollem Umfang wieder:

ZUR LAGE DER BILDENDEN KUNST IN GRAZ

Gemeinsame Thesen und Forderungen der unterzeichnenden Kulturproduzierenden.
Adressiert an Kulturpolitik, Kulturjournalismus und Kunstpublikum

Der politische Rahmen der Bildenden Kunst in Graz ist verbesserungswürdig. Der rasche Wechsel der zuständigen PolitikerInnen, falsche Weichenstellungen und das Ausbleiben sinnvoller Kurskorrekturen haben über Jahre ein Szenario entstehen lassen, in dem das Verständnis für ein funktionierendes Gesamtbild des Grazer Kunstbetriebs verloren gegangen ist. Übereilte oder nicht nachhaltig konzeptionierte Projekte, die politisch gewollt und an den Kulturproduzierenden vorbei initiiert wurden, haben ihr übriges zu dieser Situation beigetragen.

Heute muss festgestellt werden, dass der besondere Status und die Bedeutung der bildenden Kunst in Graz von dem die Stadt über Jahrzehnte profitiert hat, der Kunstschaffende und Kunstinteressierte aus unterschiedlichen Ländern anzog und mit dazu führte, dass man sich 2003 Kulturhauptstadt Europas nennen durfte – in dieser Form nicht mehr erkennbar ist. Diese Bewertung wird auch außerhalb von Graz geteilt, wie sich an der abnehmenden überregionalen Wahrnehmung von Institutionen und Projekten zeigt.

Gerade mittlere und kleine Kunstinstitutionen, die zahlreichen Initiativen der freien Szene wie auch die KünstlerInnen müssen erkennen, dass sich ihre Arbeitsbedingungen kontinuierlich verschlechtern. Es herrscht eine zu große Kluft zwischen den wenigen großen, öffentlichkeits-wirksamen Prestigeprojekten, die sich PolitikerInnen und kleine Interessensgruppen leisten, und den vielen unabhängig agierenden, jedoch durchwegs unterfinanzierten Institutionen und Initiativen. Diese sind es aber vor allem, die sich dem avancierten, experimentellen, für neue Tendenzen und Ideen offenen Bereich künstlerischer Produktion und Vermittlung widmen.

Insgesamt verliert Graz zunehmend den Charakter eines vielfältigen, produktiven Labors aktueller Fragestellungen und künstlerischer Strategien, durch die sich die Stadt auf der internationalen Landkarte der zeitgenössischen Kunst positioniert hat. Ein solches produktives Labor entspricht jedoch der Größe der Stadt, ihrem Profil und ihrem Potenzial viel mehr, als das Nachahmen einer repräsentativen Kultur- und Tourismuspolitik der Metropolen. Dem experimentellen Klima der Grazer Kulturlandschaft, das einst das besondere Profil von Graz und dessen überregionalen Ruf mitbegründet hat, fehlen mittlerweile die geeigneten Rahmenbedingungen, um sich in einem ständig verändernden internationalen Kunstkontext spezifisch zu positionieren.

Darüber hinaus hat sich ein Kontroll- und Effizienzdenken gerade gegenüber den unabhängigen Institutionen und Initiativen durchgesetzt, das mit Hilfe von inadäquaten Bewertungskriterien eines tradierten Institutionsdenkens (BesucherInnenzahlen, Werbemaßnahmen, etc.) das Ungleichgewicht der Mittelverteilung zusätzlich verstärkt. Dadurch wird ein pseudo-ökonomisches Modell in Umlauf gebracht und versucht, es als Maßstab für die Art und Weise der Arbeit mit zeitgenössischer Kunst zu befestigen: „Für die Kulturindustrie wird der Begriff der ‚Öffentlichkeit‘ (…) durch den Begriff ‚des Marktes‘ ersetzt, der Warenaustausch und Konsum als Modi des Zugangs und der Artikulation impliziert.“ (Simon Sheikh)

Welche Probleme lassen sich konkret benennen?

(1) der rasche Wechsel der zuständigen PolitikerInnen verunmöglicht eine Kontinuität der Kommunikation und erschwert so die längerfristige Umsetzung von Konzepten und Schwerpunkten
(2) die Unverhältnismäßigkeit der Verteilung finanzieller Mittel zwischen den wenigen großen Einrichtungen, die unter kulturpolitischem Einfluss stehen und den vielen unabhängigen Institutionen und Initiativen; so fließen etwa seitens der Stadt Graz mehr als 90 % der Mittel, die unter dem Titel Bildende Kunst ausgegeben werden in eine einzige Einrichtung, das Kunsthaus
(3) damit einhergehend die Konzentration der Definitionsmacht über Kunstproduktion und Kunstrezeption
(4) mangelnde Entwicklungsoptionen von unabhängigen Institutionen und Initiativen
(5) das Auftreten der Kulturpolitik nicht nur als Ermöglicherin sondern als eigener Veranstalterin
(6) inkompetente Umsetzung von Kunst- und Kulturprojekten durch politik-eigene Gesellschaften
(7) Die Vermischung der Begriffe „Kunst“ und „Angewandte Kunst“ bzw. die Einverleibung der Freien Künste in die „Creative Industries“
(8) Perspektivenlosigkeit junger Kunstschaffender und in Folge deren Abwanderung mangels adäquater Kunstausbildung und kaum Möglichkeiten, mittels Kunstproduktion zu überleben
(9) Mangel an freien, offenen, selbstverwalteten Ateliers und Präsentationsräumen
(10) mangelhaftes Lehrangebot neuester Kunstgeschichte an den universitären Einrichtungen
(11) schließlich eine zunehmende Prekarisierung von Kunstschaffenden und KunstvermittlerInnen
Diese Diagnose deckt sich in vielen Punkten mit den Ergebnissen der aktuellen Evaluierung der Kulturförderung der Stadt Graz. Die hier geäußerte Kritik kann nicht als reine Interessenspolitik einer Handvoll AkteurInnen abgetan werden. Sie wird vielmehr von Vielen mitgetragen, in der Sorge um den Kunststandort Graz. Die Kulturpolitik von Stadt Graz und Land Steiermark ist aufgerufen, zur Rettung des Kunststandorts Graz tätig zu werden!

Aus diesem Grund fordern wir:

(1) Ein klares kulturpolitisches Bekenntnis zu Graz als Standort zeitgenössischer bildender Kunstproduktion, Präsentation und Vermittlung. Damit einhergehend das Bekenntnis, diese Bereiche finanziell entsprechend auszustatten, anstelle Gelder weiter in Neu- oder Umbauten von Hüllen zu stecken, die kaum mehr mit adäquatem Programm und Inhalt gefüllt werden können
(2) eine Umverteilung der vorhandenen Budgetmittel hin zu kleineren und mittleren, unabhängigen Institutionen und Initiativen
(3) internationale Ausschreibung und Transparenz bei der Vergabe von Stellen im Bereich der großen Kunsteinrichtungen
(4) ein Ende der Ämterakkumulation bei den großen Kunsteinrichtungen und unabhängige künstlerische Leitungen insbesondere für das Kunsthaus Graz, die Neue Galerie und das Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark
(5) einen Stopp der öffentlichen Hand als Veranstalter im Kunstbereich
(6) Einbindung internationaler ExpertInnen in mittel- und längerfristige kulturpolitische Entscheidungen
(7) Unterstützung von KünstlerInnen bei der Einrichtung selbstverwalteter Atelierhäuser anstelle topdown zur Verfügung gestellter Flächen
(8) die Einrichtung einer (universitären) zeitgemäßen Kunstausbildung in Graz, die eine durchgehende Präsenz internationaler ExpertInnen vor Ort ermöglicht, den internationalen Austausch befördert und junge Kunstschaffende an Graz bindet
(9) Fair Pay im Bereich von Kunst- und Kulturproduktion, um einer Prekarisierung sowohl von Kunstschaffenden als auch von KunstvermittlerInnen vorzubeugen
Die UnterzeichnerInnen sehen ihre – durchaus unterschiedlichen – Formen der Arbeit mit zeitgenössischer Kunst nicht als „Versorgungsleistung“ von KunstkonsumentInnen, die ihr Votum über den Kauf von Eintrittkarten abgeben oder als BesucherInnenstatistik unsere Arbeit legitimieren. Wir weisen auch den Anspruch zurück, Orte der Repräsentation für Kulturpolitik zu sein. Unsere Ausstellungsräume, Publikationen, Projekte und Interventionen eröffnen vielmehr Räume für die Ausbildung und Übung anderer Fähigkeiten und Erfahrungen als jene, die den scheinbar unhintergehbaren Anforderungen einer postulierten neo-liberalen Gesellschaft unterworfen werden. Experimentell heißt vor allem, diese Räume für ein anderes Denken nicht nur künstlerischer, sondern auch allgemeiner Interessen offen zu halten.

Wir erwarten uns von der Kulturpolitik keine ausgefeilten Strategiepapiere oder kulturpolitische Leitlinien, sondern eine kompetente und durch Kontinuität gekennzeichnete Auseinandersetzung, die sich an den tatsächlichen Bedingungen der Arbeit der vielen AkteurInnen im Kunstfeld orientiert, die die Notwendigkeit einer internationalen Vernetzung erkennt und die nicht allein die lokale Sichtbarkeit und die dadurch gegebenen lokalen Repräsentationsmöglichkeiten zum Maßstab nimmt. Ideen, Konzepte und Schwerpunkte, die sich längerfristig positiv auswirken, gibt es längst, vor allem aus den Reihen der ProduzentInnen selbst.

Graz, am 7.11.2011

Reinhard Braun, Camera Austria
Sandro Droschl, Kunstverein Medienturm
Søren Grammel, Grazer Kunstverein
Reni Hofmüller, ESC
Astrid Kury, Akademie Graz
Karin Lernbeiß, Streetgallery
Margarethe Makovec & Anton Lederer, < rotor >
Eva Meran, the smallest gallery
Wenzel Mracek, Kunsthistoriker, Publizist
Eva Pichler, Gerhard Pichler, zweintopf
Heidrun Primas, Andreas Heller, Forum Stadtpark
Nicole Pruckermayr, Institut für zeitgenössische Kunst, TU Graz
Johannes Rauchenberger, Kulturzentrum bei den Minoriten
Ulrich Tragatschnig, Kunsthistoriker, Journalist
Eva Ursprung, Schaumbad – Freies Atelierhaus Graz; IG Kultur

[Die Debatte: Übersicht]

und dann 2050? #5

Um es vorweg zu betonen: Die ersten Absätze dieses Beitrages mögen etwas deprimierend klingen. Ich muß das so ausführten, damit der Status quo klar wird. Im Anschluß wird es aber sehr optimistisch; wenn ich meine Schlüsse ziehe…

Ich komme mit Absagen besser zurecht, wenn sie offen formuliert sind, statt bloß unter einem Lächeln exekutiert zu werden. Zum Beispiel: „Festhalten möchte ich jedoch, daß wir keine externen Marketingaktivitäten durchführen und dafür auch kein Budget haben. Eine finanzielle Unterstützung der Künstler ist uns daher leider nicht möglich.“ Das ist ja keine Seltenheit.

Vieles ist in Umbruch befindlich. Auch Gerald Gigler, beim Land Steiermark für die LEADER-Regionen zuständig, kann uns augenblicklich nicht sagen, wohin es in naher Zukunft mit diesen Konzepten geht

Mehr noch, inzwischen agieren ja auch Kommunen so. Kennt noch jemand kleinere oder mittlere Gemeinden, deren Funktionstragende Kunst und Kultur für ebenso wichtig halten wie das Bildungs- oder Gesundheitswesen? Werden dafür Budgets bereitgestellt? Diese Fälle sind rar geworden.

Offen gesagt, ich war zwischenzeitlich etwas erschrocken, wie umfassend hier in der „Provinz“ der Kulturbereich an wesentlichen Ecken fallen gelassen wurde, als die Krisenmomente zunahmen. Es erfolgte ein weitreichender Rückzug auf vertraute Positionen, was bedeutet: Events, Projektchen mit Tourismusbezug, aus! Es gibt auch keinen aktiven Dialog Funktionstragender mit bewährten Kulturschaffenden. Damit meine ich: Von den Gemeinden geht derzeit offenbar gar nichts aus.

Es scheint, als sei die Schildkröte zum Wappentier der Region erwählt worden. Da ist sicher noch Leben unter dem Panzer, aber es läßt sich nicht sagen, ob sich nun etwas bewegen wird oder nicht.

Gut, da wäre nun gerade ein als Offensive angelegter Prozeß, bei dem unter der Headline „Visionen 2050“ Debatten und Feedbacks angeregt werden sollen, die im Sinne einer wachsenden „Bürgerbeteiligung“ funktionieren mögen. Also ein diskursiver, eine soziokultureller Prozeß.

Der Prozeß läuft, Rückmeldungen führen zu Veränderungen der Grundlagen. Aber was wird solchen Vorgängen Dauer verleihen? Wie wird allenfalls professionelle Begleitung für ehrenamtliches Engagement gestaltet sein?

Der Auftakt ist bemerkenswert, weil das Projektteam von diversen Universitäten und der TU Graz einen sehr interessanten Ausgangspunkt erarbeitet hat. Hat es sich deshalb ereignet, daß sich der Vorstand unserer LEADER-Region, immerhin alles Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, an ihre Leute aus Bildungswesen und Kultur gewandt haben, um ihnen zur Sache einen Vorschlag zu machen oder sie zur Zusammenarbeit einzuladen?

Nein, das hat sich nicht ereignet. Diese Idee ist offenbar kaum naheliegend. Gut. Da besteht eben Klärungsbedarf, der in den vergangen Jahren nicht statgefunden hat. Es ist fast, als begännen wir anläßlich dieses Projektes bei Null. Fast. Denn immerhin haben wir Kunst- und Kulturschaffenden die letzten Jahre genutzt, um verschiedene Modi zu erproben und praktische Erfahrungen zu sammeln.

Das bedeutet AUCH:
Es kann gar nicht genügen, in diesem Kulturbereich aufzutreten und den Anspruch „Ich bin Künstler“ als einzig relevantes Thema einzuführen. Ebenso könnte man vorbringen, Lehrerin zu sein, Krankenschwester, Polizist, was auch immer. Das ist ja für sich kein relevantes Statement, sondern bloß ein Hinweis darauf, worüber nun geredet, eventuell verhandelt werden könnte.

Zurück zur Passage „…daß wir keine externen Marketingaktivitäten durchführen und dafür auch kein Budget haben. Eine finanzielle Unterstützung der Künstler ist uns daher leider nicht möglich.“

Es wäre naiv bis skurril, wollten regionale Kunstschaffende, die keinen internationalen Marktwert für sich geltend machen können, bei einer Firma ankommen und sagen: „Geben Sie uns einiges Geld für unsere künstlerischen Vorhaben, wir bieten Ihnen dafür einen Imagegewinn.“

Das wäre freilich ein Kernereignis von Sponsoring, wie wir es bisher kennen. Kulturschaffende bieten Unternehmen wenigstens zweierlei Möglichkeiten: a) Sich im Gemeinwesen soziokulturell zu engagieren und b) dabei auch einen Imagegewinn für den Betrieb zu verbuchen.

Minimalbetrieb in der Kommune: Sigrid Meister vom Gleisdorfer Büro für Kultur und Marketing bekommt ein Kind und geht demnächst in Karenz. Ihr bisheriger Chef Winfried Kuckenberger geht eben in Pension, sein Nachfolger Gerwald Hierzi wird im Februar 2012 seinen Dienst antreten.

Das kann keine Basis für unsere regionalen Vorhaben sein, weil sich so ein Zugang praktisch nicht einlösen läßt. Ich habe im vorigen Beitrag schon notiert, welchen Ausgangspunkt ich für „kunst ost“ herausgearbeitet habe, um klären zu können, was an Kooperationen denkbar wäre. Und DAS ist der wesentliche Punkt: Kooperation.

a) Gibt es aktuelle Fragestellungen, die uns gleichermaßen interessieren?
Falls ja, bleibt zu erörtern:
b) Gibt es Aufgabenstellungen, die sich aus diesen Fragen ableiten und die wir teilen könnten?
Das verlangt auch Klärung:
c) Welcher Art sind unsere Kompetenzen, die sich in einem gemeinsamen Vorhaben komplementär ergänzen und verstärken könnten?

Das bringt mich wiederum zum Themenkomplex „Visionen 2050“. Es wird viele Wege geben, zu dieser großen Themenstellung etwas Relevantes beizutragen. Ich denke, der hier angerissene Modus ist einer davon, welcher vor allem brauchbare Erfahrungen schaffen kann, wie denn nun höchst verschiedene Instanzen eines Gemeinwesens, einer regionalen Gesellschaft erst einmal mit einander in Dialog kommen können, um schließlich auch da und dort zusammenzuarbeiten.

Ich habe nicht den geringsten Zweifel, daß solcher Zugang uns den Weg zu neuen Verfahrendweisen und Strukturen im Kulturbereich weist.

[2050: übersicht]

und dann 2050? #4

wir haben bei „kunst ost“ die aufgabe gewählt, im zentrum unserer arbeit der GEGENWARTSKUNST zu mehr augenmerk, wertschätzung und spielraum zu verhelfen. um das zu bewirken, sind wir allerdings gut beraten, den größeren zusammenhang dieses kulturellen themas zu beachten, zu betrachten und zu bearbeiten.

wir konzentrieren uns also über weite strecken auf SOZIOKUKTURELLE themenstellungen. der themenrahmen ist so definiert: „zwischen landwirtschaft und high tech“. dabei beziehen wir uns vor allem auf aspekte der sozialgeschichte und mentalitätsgeschichte, um von daher auf die gegenwärtige alltagspraxis verschiedener lebensbereiche einzugehen.

rund um das vorhaben „vision 2050“ ergeben sich nun anlässe, erneut zu klären, welche rollen KULTURSCHAFFENDE im gemeinwesen finden und einnehmen können. gemeinwesen, das ist im grunde auch ein überbegriff für die summe jener kräftespiele, in denen sich menschen zwischen eigennutz und gemeinwohl entscheiden. dieses thema habe ich gerade in einer begegnung gestreift.

wolfgang leitner, gemeinderat, von beruf statiker

gemeinderat wolfgang leitner ist techniker. in einer kleinen plauderei hat er jene zwei interessanten pole betont, die zu beachten vermutlich sehr wichtig ist. einerseits spricht er gegen die inzwischen immer häufiger beklagte überregulierung und meint berispielsweise: „wenn du dir ein haus baust, willst du ja auch nicht, daß dir jedes detail vorgeschrieben wird.“ auf der anderen seite, wenn wir über belange der ökonomie und ökologie sprechen, sagt er: „manches kannst du nur über den preis und über vorschriften regeln“, weil die meisten menschen in der orientierung auf eigennutz keine ausreichende motivation aufbrächten, diesen eigennutz zugunsten des gemeinwohls angemessen zurückzunehmen.

ich denke, genau hier stecken auch manche vorhaben der regionalpolitik fest. ich schließe daraus, daß gemeinwohl passend dargestellt werden muß, um in diesen punkten etwas voranzubringen. und das geht sicher nicht über flotte werbesprüche. für kunst- und kulturschaffende kann das bedeutet: begegnen und erzählen. („erzählen“ meint hier freilich ganz verschiedene künstlerische techniken und verfahrensweisen.)

das meint nicht, der kulturbetrieb sei als „werkzeugkiste“ für sozialarbeit und regionalpolitische reparaturarbeiten gedacht. der kulturbetrieb schafft einen ereignis- und erfahrungsraum für einige ganz grundlegende kompetenzen der menschen. das hat auch seine trivialen ausläufer.

emil gruber, sammler, reisender, besitzer einer „wunderkammer“
emil gruber, sammler, reisender, besitzer einer „wunderkammer“

ich sehe mich selbst als ein kind der pop-kultur. diese proleten-situation in grazer hochhäusern hatte zwar einzelne momente mit beethoven und mozart, aber ohne goethe, zweig und handke. das war also keine kindheit nach der art des bildungsbürgertums, sondern eine welt, in der „readers digest“ und popmusik dominiert haben, in der comic-hefte als „schundhefte“ ausgewiesen, aber sehr populär waren.

diese meine welt, in der harte schläge als normal galten, aber intellektualität verdacht erregte, ließ mich an trivialen stoffen großen geschmack finden. das ist ein stück hintergund jenes tätigkeitsbereiches, den wir heute in der region einem „kuratorium für triviale mythen“ übertragen haben: [link] von sammler emil gruber, der unser manifest des „avantourismus“ verfaßt hat, habe ich eine vorstellung von „wunderkammern“ bezogen, die sehr emotionales, genau nicht theoretisch fundiertes sammeln ausdrücken.

in grubers avantouristischen traktat heißt es an einer stelle: „2. Unsere vertragliche Pflicht ist nicht die ordnungsgemäße Vermittlung von Pauschalavantourismuserkenntnissen sondern individuelle avantouristische Erkenntnisleistungen.“ ein ironischer hinweis darauf, daß wir erfahrung und erkenntnis nur über eigeninitiative und die wahrnehmung eigener verantwortung für erreichbar halten.

techniker m. (links) im selbstgebauten cockpit einer formel 1-simulation und dj m. an den turntables (zur wahrung der privatsphäre anonymisiert)

inzwischen sind freilich noch ganz andere felder von jugendkulturen aufgegangen, die von anderen musiken und anderen codes bestimmt sind, anders als alles, mit dem ich aufgewachsen bin. kurios genug, daß wir darin berühungspunkte und überlappungen finden, denn wenn diese youngsters party machen, repräsentiere ich eigentlich dabei die generation, die von ihnen schon zu großeltern gemacht wurde. das ergibt interessante begegnungen und kuriose interferenzen: [link]

noch einmal zurück zu gemeinderat wolfgang leitner, der dem kulturausschuß von gleisdorf angehört. in unserer erörterung kam ein nebensatz vor, den ich für sehr wichtig halte: „wir können im kulturausschuß nur bearbeiten, was uns vorgelegt wird.“ der ausschuß ist also kein gremium, das von sich aus in kulturpolitischen fragen aktiv wird. er ist ein fachausschuß, der dem gemeinderat zuarbeitet.

daraus folgt, wir müssen vor allem einmal von uns aus klären, welche rollensituation und welches verhältnis wir als kunst- und kulturschaffende gegenüber a) dem gemeinderat und b) dem kulturausschuß einnehmen wollen. von da ab kann sicherlich wachsende verständigung greifen, kann sich auch ein zeitgemäßer entwurf der kooperation zwischen a) der kommune und b) bürgerinnen und bürgern entwickeln.

was das an kulturpolitischen optionen für nicht bloß einen ort, sondern eine region ergeben soll, will erst geklärt sein.

[2050: übersicht]

und dann 2050? #2

ich hab in einer ersten notiz [link] zu „ienergie weiz-gleisdorf“ angemerkt: KOMMUNIKATION scheint mir dabei übehaupt DAS „schlüsselereignis“ zu sein. und daß fragen der idetität immer auch ein umgang mit DIFFERENZ seien. das hat auch sehr grundsätzliche bedeutung für die möglichkeiten unserer wahrnehmung. das sind teile unserer kulturellen fundamente.

von links: mirjana peitler-selakov, vlado macura und sabine hänsgen

in unserem kleinen gespräch auf der donau-terasse von kunstsammler vlado macura zitierte sabine hänsgen („kollektive aktionen“) wiktor schklowski: „wir müssen verfremden, um unsere wahrnehmung zu erneuern.“ wir haben dann kurz erörtert, was das für die gesellschaftliche praxis bedeuten würde. hänsgen: „das eigene nicht als eigenes ständig zu reproduzieren“, woraus sich etwa „bei der herausbildung neuer nationalismen“ probleme ergeben würden, „sondern das eigene immer wieder auch über das fremde zu reflektieren“. [quelle]

verfremden um zu erkennen, sich öffnen, um das eigene zu sichern, an solchen möglichkeiten haben wir zu arbeiten. das ist freilich eine kühne intention gegenüber beispielsweise leuten aus der kommunalpolitik, die ganz offen sagen, ihre primäre pflicht sei es, den vorteil ihrer eigenen gemeinde im auge zu behalten. wir kennen ja auch keine KULTURPOLITIK, die über gemeindegrenzen hinaus eine umfassendere kulturelle situation in einer region meinen oder beschreiben würde.

im august 2010 war mehr als klar, daß ein großteil funktionstragender in den gemeinden, und zwar österreichweit, überhaupt nicht verstanden hat, was an kulturellen agenda zu bearbeiten wäre, welche rollen kunst- und kulturschaffende dabei spielen würden. bei den umfragen des gemeindebundes, in welchen bereichen KÜRZUNGEN akzeptabel erscheinen würden, waren kunst und kultur die absoluten spitzenreiter.

das heißt, 91 prozent der befragten bürgermeisterinnen und bürgermeister, mehr noch, 95 prozent der bevölkerung, fanden, man solle in diesen bereichen kürzen. siehe dazu den eintrag im projekt-logbuch: [link]

diese unstände sind freilich nicht bloß den funktionstragenden vorzuhalten. es fehlt auf der anderen seiten seit jahren an kulturpolitischen maßnahmen und klärenden schritten, mit denen kunst- und kulturschaffende deutlich machen wüden, welche rollen und aufgaben ihnen im gemeinwesen behagen könnten, außer einem selbstbezogenen produzieren von ästhtetik.

das ist natürlich kein statement gegen die autonomie der kunst, sondern für eine klar kommunizierbare KULTURPOLITISCHE haltung. das ist etwas, wo wir im eigenen milieu deutlich mehr trennschärfe brauchen: was sind kategorien der kunst und ihrer freiheit und was sind kompetenzen, die wir aus der befassung muit kunst beziehen, um sie AUCH Im gemeinwesen zur wirkung zu bringen… (siehe dazu auch: wovon handelt kulturpolitik?)

[2050: übersicht]

arbeit an perspektiven

bei den “talking communities” [link] war eben eine kleine und lebhafte runde zugange. die anstehenden debatten drehten sich sehr schnell um die nahe zukunft der kunst- und kulturschaffenden in unserer region. die budgets sind radikal gekürzt. die offiziellen kräfte aus politik und verwaltung sind überwiegend mit sich und den „hauseigenen“ problemen befaßt. ich hab den status quo hier exemplarisch skizziert: [link]

ich halte es für fatal, daß so viele kommunikationslinien abgebrochen sind. doch das liegt nicht bloß im rückzug der leute aus politik und verwaltung begründet. das haben wir, kunst- und kulturschaffende, selbst mitproduziert. hier ist defintiv kein kollektiv, das den kommunen gegenüber wenigstens in einem kleinen kern geschlossen auftreten könnte, um ansprüche und vorhaben plausibel darzulegen und zu begründen.

welche (arbeits-) bedingungen von kunst- und kulturschaffenden sind unverzichtbar? was sollte und was muß davon die öffentliche hand übernehmen? warum muß sie das? wofür können und wollen wir selbst aufkommen? welche praktikablen konzepte haben wir in unseren taschen und welche handlungspläne würden deren umsetzung sichern?

die arbeit, die vorhaben und die dazu nötigen mittel darlegen, begründen. das haben wir erörtert. konsequenzen solcher arbeitsgespräche zeigen sich langsam in einem deutlichen konzentrationsprozeß bei „kunst ost“. es geht darum, erfahrungen, engagement und andere ressourcen zu bündeln. das ist OHNE derlei arbeitsgespräche und deren kontinuität durchs jahr nicht zu schaffen. also werden wir solche arbeitsschritte intensivieren.

das hat einen weiteren nutzen. dadurch wird innerhalb der community viel klarer, wer mit welchen intentionen welche ziele verfolgt und daher mit wem zusammengreifen mag. solche verständigungsprozesse haben momentan hohe priorität.

das alles würde nicht fruchten, wäre uns eine konsequente kommunikation nach außen egal. wenn etwa dieser tage in der region öffentlich die frage nach der „gestaltung der zukunft“ [link] gestellt wird, noch dazu mit dem zeithorizont 2050, dann gehe ich davon aus, daß höchstwahrscheinlich kein regionaler kulturbeauftragter erscheinen wird, um offiziell für die zukunft des kulturellen klimas in der region zu sprechen. das werden wir schon selbst erledigen müssen.

wir sollten auch gelegentlich kulturelle visionen äußern können; inklusive einiger ideen, wie sie sich realisieren ließen. es muß ja nicht bloß in die richtung fixer einrichtungen einer dimension gehen, wie sie uns gerade im kontext „kompetenzzentrum für steirische gegenwartskunst“ [link] beschäftigt.

wer auch immer glaubt, daß ein vitaler kulturbetrieb wichtig, ja unverzichtbar sei, es gibt dazu keinen breiten gesellschaftlichen konsens. der ball liegt bei uns, nirgends sonst.

gleisdorf-session: virtuosen der täuschung

unser abend am 20. oktober 2011 in der gleisdorfer galerie „einraum“ wird sehr verschiedenen aspekten gewidmet sein: [link] dazu eine kleine vorgeschichte.

als in „treci beograd“ die session mit den „kollektiven aktionen“ aus moskau eröffnet wurde (eine weitere station der „virtuosen der täuschung“), sage ein künstler zu mir: „konzeptkunst interessiert mich überhaupt nicht. ich bin maler.“

er ist ein maler, der zum beispiel monate an einem ölbild arbeitet, schicht um schicht, der also ausdauernd in zeit und in material verwoben ist, bis so ein werk entstanden ist.

die vernissage auf dem areal von "treci beograd"

das ist selbstverständlich eine radikal andere verfahrensweise, als eine kunstform, die primär über denken und über text entsteht, um sich dann in aktionen einzulösen und über dokumentar-material evidenz zu erlangen. (siehe dazu auch: „beuys verstand das denken als „quellpunkt aller kreativität“. [link]) es wäre freilich töricht, eines dieser genres gegen das andere auszuspielen.

wenn wir nun im rahmen der „talking communities“ einen schritt der reflexion über solche abläufe setzen, führt das unausweichlich auf mehrere ebenen. für die einen ist künstlerische praxis im herkömmlichen sinn vorrangig, sie fühlen sich dabei nicht auf diskurse angewiesen. für andere ist die debatte über kunst und deren bedingungen ein zentrales feld ihres künstlerischen tuns.

sergej letov ("kollektive aktionen") bei der vernissage: "ich bin kein künstler, ich bin musiker."

zusätzlich fallen noch kulturpolitische fragestellungen an, wo wir allenfalls der auffassung sind, daß kunstgeschehen nicht nur am markt orientiert sein dürfe, daß es deshalb wünschswert erschiene, die öffentliche hand möchte den kunstbetrieb unterstützten, mitfinanzieren.

so oder so, im kern geht es freilich um unsere wahrnehmung und unsere möglichkeiten, aus eingespielten konventionen des sehens und denkens immer wieder auszusteigen, sich quasi selbt zu „entfremden“, um so für neue erfahrungen empfänglich zu werden.

dem sind die abende der „talking communities“ gewidmet; stark gesprächsbezogen, auf die debatte offener fragen gerichtet.

+) eine anregung zu diesem abend von sabine hänsgen: [link]
+) einige offene fragen: [link]
+) the track: archive [link]