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kulturelles neuland

die befassung mit kunst berüht eine ganze reihe zentraler menschlicher möglichkeiten. wahrnehmung, auffassung, deutung. solche fertigkeiten zu verfeinern, das betrifft nicht nur kulturelle anliegen der menschen. unser aller alltag läßt uns darauf angewiesen sein, daß wir derlei kompetenzen entwickeln, statt verkümmern lassen.

die befassung mit kunst war über hunderte generationen nur den gesellschaftlichen eliten vorbehalten. museen gibt es ohnehin erst seit dem 18. jahrhundert. davor waren die „wunderkammern“ und „kunstkammern“ ein privilegien-detail von adel und hohem klerus. damit möchte ich betonen, daß wir kulturell noch wenig erfahrung haben, kunstsammlungen allgemein zugänglich zu halten und diese freien zugänge auch auf breiter gesellschaftlicher ebene angemessen zu nutzen.

es geht um die schaffung eines hochkarätigen künstlerischen gravitationsfeldes

angemessen nutzen meint einerseits eine mischung aus privaten, persönlichen, ja intimen erfahrungsmöglichkeiten in der befassung mit kunst, aber andrerseits auch den gesamtgesellschaftlichen gewinn aus einem anregenden geistigen klima in gemeinsamen lebensräumen.

das heißt ferner, herkömmliche kunstveranstaltungen, etwa mit vernissagen als sozialen ereignissen, lassen uns solche möglichkeiten nur zu einem geringen teil ausloten. es bedarf konzentrierterer formen, um in diesen fragen neuland zu gewinnen. wir halten diverse bildungseinrtichtungen für selbstverständlich, soziale institutionen für standard, das gesundheitswesen, fragen der sicherheit, all dem haben wir fixe strukturen gegeben. (vor allem und am stärksten in den landeszentren.)

auf dem kultursektor kennt die region nur wenige zeitgemäße einrichtungen fixer natur. es bestehen, konventionellen konzepten folgend, manche feste häuser. ein „forum kloster“ in gleisdorf, sein „kulturkeller“, ein „kunsthaus“ in weiz sind ausdruck dessen. das gleisdorfer „haus der musik“ repräsentiert eine eigene dimension der sozialen und kulturellen qualität, die sich im erlernen und spielen von musikinstrumenten einlöst; das hat die vermutlich längste tradition im hier genannten sinn, wenn über weitere bevölkerungskreise zu sprechen ist. da treffen sich die traditionen der volksmusik und des bürgerlichen salons mit den geschichten von chor- und blasmusik.

kunstsammler erich wolf: "ich ringe um erkenntnis, um mit künstlern auf augenhöhe zu gelangen."

die bildende kunst mit ihren querverbindungen und zeitgemäßen derivaten hat außerhalb der landeszentren meist keine solche tradition und keine adäquaten einrichtungen. was hier nun mit einer kooperation von kunstsammler erich wolf und „kunst ost“ begonnen hat, bedeutet in der region ein betreten von neuland. der weg führt uns zu einem kompetenzzentrum für steirische gegenwartskunst, das als fixe einrichtung eine ganze reihe jener aufgaben erfüllen soll, die so bis heute keinen ort in der region haben.

ereignis-ort, präsentationsraum, bildungsstätte, arbeits-ort, drehscheibe für einen umfassenden know how-transfer. ein projekt, das sich nicht nur lokal und regional bewähren soll, sondern das auch internationale relevanz entfaltet. derlei vorhaben laufen unter anderem auf eine praktische schule der wahrnehmung und des denkens hinaus.

diese gesellschaft hat in den letzten jahren ein beunruhigendes ausmaß an stagnation und kompetenzverlusten erfahren. was immer die günde dafür sein mögen, faktum ist, daß konventionelle bildungseinrichtungen das nicht verhindern konnten, zum teil sogar selbst als die quelle solcher probleme gelten müssen. wir loten hier im spannungsfeld mehrerer kunst-genres neue möglichkeiten aus, die kulturellen möglichkeiten der menschen zu bereichern und zu stärken.

zukunft gestalten

aus irland ist mir diese anregung zugeflogen: „vergeude keine gute krise!“ krisen sind oft sehr wichtige voraussetzungen für neue entwicklungen. es ist viel unruhe in unser aller leben gekommen, weil sich nicht nur der lauf der dinge so ganz generell zu ändern scheint, sondern weil sich inzwischen unübersehbar die strukturen unseres zusammenlebens verändern.

das ist in den letzten jahren von sehr krisenhaften vorfällen begleitet, oft auch initiiert worden. in dieser zeit scheint es vielen menschen naheliegend zu sein, sich über solche vorgänge zu beklagen, vorwürfe zu formulieren. so als würde da draußen jemand unsere zurufe erwarten.

es erscheint mir wesentlich vielversprechender, im gemeinwesen aktiv zu werden und sich in die entwicklungsprozesse einzubringen. (man muß natürlich erst einmal eine meinung HABEN, um sie auch ÄUSSERN zu können.)

wenn wir dazu etwas zu sagen haben, sollten wir das auch tun!

ob nun von regionalen instanzen eingeführte prozesse probate mittel sind, derlei entwicklungen zu fördern, etwa: die beteiligung von bürgerinnen und bürgern, kann ja nur geklärt werden, wenn man hingeht, teilnimmt.

„Wie wird sich die Energieregion Weiz-Gleisdorf in den nächsten 40 Jahren entwickeln? Wie werden wir wohnen, arbeiten, uns fortbewegen? Wie wird sich unser Energiebewusstsein verändern?“

so lautet eine aktuelle fragestellung vom LEADER-management der energie-region„. ich habe zur zeit einen eher gedämpften optimismus, was die qualität der kommunikation zwischen a) den bürgerinnen und bürgern der region und b) den funktionstragenden aus politik und verwaltung angeht.

aber eben deshalb und aus den erfahrungen der letzten jahre bin ich überzeugt: wir müssen das ÜBEN. die PRAXIS des „bottom up-prinzips“ fällt uns nicht in den schoß. und was immer jemand über den zustand der politik beklagen möchte, kommunikation kann sich nicht in einbahn-systemen einlösen. sie bedarf der ausdauer vor allem dann, wenn sie in einigen abschnitten belastet erscheint.

eine von mehreren gelegenheiten, kulturpolitischen anliegen gehör zu verschaffen

nun ist gerade der KULTURBEREICH eines der am schwächsten getragenen genres der kommunen, sobald es einige schritte über herkömmliche repräsentationsformen hinausgehen soll. das zu BEKLAGEN wäre vollkommen sinnlos. wir kunst- und kulturschaffenden sollten in genau solche prozesse einsteigen, um unsere ansichten a) darzulegen und b) zu begründen.

um es noch einen tick konkreter zu machen:
kulturpolitik jenseits des landeszentrums bedeutete bisher überwiegend: a) verfügbare budgets zu verteilen und b) veranstaltungen zu eröffnen.

falls das jemand für eine ungenügende vorstellung von zeitgemäßer kulturpolitik hält, muß ja geklärt und öffentlich geäußert werden, WAS GENAU kulturpolitik leisten soll, welchen zielen sie zu widmen wäre und welche mittel daher als unverzichtbar erscheinen.

ich hoffe demnach, daß ich bei diesen veranstaltungen einige kunst- und kulturschaffende treffen werde.

[2005: übersicht]

aufbruch aus der jammerkultur

ich hab vor einigen jahren die lektüre eines buches von matthias horx sehr anregend gefunden. „das zukunfts-manifest“ trägt einen bemerkenswerten untertitel: „aufbruch aus der jammerkultur“. diese jammerkultur ist also kein bloß österreichisches phänomen. aber sie hat bei uns in den letzten 10 bis 15 monaten ein großes revival erlebt.

ich finde ja sehr interessant, welche positionen möglich sind, wenn wir uns mit politik und verwaltung in einer klaren haltung der eigenverantwortung und eigeninitiative auseinandersetzen. das ist auf den feldern von kunst und kultur nicht die regel, doch ein lohnendes feld neuer erfahrungen.

dieser tage habe ich einen mann sagen hören: „meine anschauung war immer, mit braucht niemand was schenken, mir braucht nur jemand die möglichkeit zu geben.“ das hat mich natürlich neugierig gemacht. wie tickt jemand, der eine company dirigiert, zu der weltweit 26.000 leute gehören?

frank j. polzler: vom bäckergesellen zum konzern-chef

frank j. polzler, chairman von remax europe, hatte sich für ein plauderstündchen mit mir zeit genommen. die gelegenheit dazu ergab sich, als er seine heimat besuchte. der mann stammt aus der oststeiermark, ist in den frühen 1950ern nach kanada ausgewandert.

polzler hatte dabei zwar züge eines abenteuers an sich, ist aber eher der typ eines entrepreneurs. mit welchem „mindset“ schupft der mann so einen riesigen laden? den wesentlichen kontrast hatten wir schnell im blickfeld.

polzler: „die große herausforderung in europa ist, die leute zu überzeugen, daß sie ein kleines bißchen risiko übernehmen. die risiko-aversion ist hier enorm. ich weiß nicht, vielleicht durch das sozialsystem. wenn von diesen acht millionen menschen nur zehn prozent eine gute idee haben, da soll ich mich doch nicht nur auf die regierung verlassen, daß ich jetzt einen job hab. ich tu ja selber was für mich.“

was polzler positiv formuliert, ist bei uns mit reichlich negativer konnotation längst soziale realität; daß wir etwa im kulturbereich zunehmend gezwungen sind, uns ökonomisch auf eigene beine zu stellen und unternehmerisch zu denken. wer meinem milieu angehört, weiß sehr gut, wie abschätzig „unternehmerisches denken“ betrachtet und bewertet wird.

daß man sich damit zugleich in eine abhängigkeit begibt, die ihrerseits recht bald der anlaß für abwehrreaktionen ist, schafft grundlagen für eine reichlich neurotische situation. selbstermächtigung hat ganz sicher auch unternehmerische dimensionen. aber das hat uns niemand beigebracht. davon trennen uns mitunter schmerzhafte lernprozesse.

polzler: „eines der probleme in europa ist, daß man nur sicherheit, sicherheit, sicherheit will.“ er rundet ab: „die einzige sicherheit, die eine person hat, ist die gesundheit und was sie im kopf hat.“ ich bin bei leuten seines schlages natürlich immer sehr neugierig zu erfahren, wie sie dimension und komplexität ihres geschäftes bewältigen. der unternehmer bricht das auf eine zentrale kompetenz herunter: „ich fälle entscheidungen.“

was ist aber, wenn falsche entscheidungen getroffen werden? polzler: „dann mache ich eine andere entscheidung, um diese zu korrigieren. und dann fälle ich wieder eine entscheidung, um dieses und jenes zu machen. das ist es, was ich tue. und das alles in einer positiven art des denkens.“

klingt simpel. ist es das auch? ich habe keine anderen erfahrungen gemacht, würde diese ansicht demnach unterstreichen. eine von der dimension der vorhaben offenbar unabhängige option. polzler betont: „man darf keine angst haben, ein problem zu lösen.“

das kann ich sehr gut auf unser metier umlegen. haben wir präzise befunde der probleme kulturschaffender in österreich? gut. wie sehen dann die strategien aus und wie die handlungspläne? und wann geht’s los?

zum stichwort innovation sagt polzler: „wenn es auf diesem weg nicht klappt, dann probier einen anderen. 99 prozent der leute hören auf, wenn es auf eine bestimmte art nicht hinhaut. wenn man über den berg nicht drüber kann, bohrt man entweder unten durch oder geht außen herum.“

das kann man freilich nur in betracht ziehen, wenn man nicht darauf wartet, daß einem von anderen die steine aus dem weg geräumt werden…

ach, die kunst!

es steht außer zweifel, DAS ist der klassiker: „ah, sie sind künstler. und was arbeiten sie?“ erstaunlich wenig menschen kommen auf die idee, daß sie es hier mit einer PROFESSION zu tun haben könnten. die rache der romantischen professionals gipfelt dann in: „ach, es ist mit der kunst so schwierig!“

da treffen sich zwei seiten im OBSKURANTISMUS. der chor schwillt an, wenn die verunsicherten mitplaudern, die sehnsüchtigen und die grimmigen. „naja, das kann man eigentlich nicht so genau sagen, was kunst ist.“ so? warum denn nicht? „wenn man das sagen könnte, müßte man es ja nicht MACHEN.“

nun haben wir menschen über jahrtausende die fähigkit zum symbolischen denken entwickelt, haben uns verschiedene kommunikationswege erschlossen, auf denen wir sehr unterschiedliche codes einzusetzen verstehen. aber plötzlich soll über das tun nicht geredet werden, sollen inhalte und bedeutungen der debatte entzogen sein? schade um die viele arbeit!

vor ein paar hundert jahren war das einfacher geregelt. kunstwerke zu ordern ist den alten eliten vorbehalten gewesen. aristokraten und kleriker traten im namen gottes als auftraggeber auf, kunstwerke waren auf erden der repräsentation dieser herrschaften gewidmet und nebenbei höheren idealen gutgeschrieben.

der große rest der menschen, der pöbel, hatte damit nichts zus schaffen. (irgendwer mußte sich ja krummlegen, um jenen mehrwert zu erwirtschaften, den der kunstbetrieb verbrauchte.)

die kunstschaffenden hatten in früheren zeiten mit sehr eingeschränkter bedeutung zurecht zu kommen und mußten der herrschaft dienstba. das hat sich mittlerweile sehr geändert. deshalb sind wir freilich weder fragen des MARKTES losgeworden, noch von der dominanz diverser eliten befreit. einerseits DEUTUNGSELITEN, die laufende diskurse führen, was kunst sei und was nicht, andrerseits KAUFMÄNNISCHE kräfte, die marktwerte bewegen.

zwischen solchen „brückenpfeilern“ wäre noch so allerhand zu verhandeln und zu einzurichten. solange wir die debatten meiden, um stets neu zu klären, was kunst sei und was nicht, überlassen wir diese definitionen allein der ökonomie und der politik. keine gute idee!

solange wir unsere blicke mit romantischem geschwätz trüben und einander klischees aus dem vorigen jahrhundert hersagen, wird es aussichtslos bleiben, dem lauf der dinge neue bedingungen abzutrotzen. natürlich ist es schwierig, in österreich durch künstlerische arbeit ein erträgliches jahreseinkommen zu erwirtschaften. (das ist in vielen anderen branchen auch so.) nebenbei sind fragen der steuern und der sozialversicherung geradezu obszön schlecht geregelt und werden der realen berufssituation kunstschaffender in österreich nicht im mindesten gerecht.

dazu kommt, daß wir in politik und verwaltung quer durchs land nur sehr selten das glück haben, auf sachkundige persdonen zu stoßen. denn meist wird in kommunen die kulturpolitik so verstanden, daß man spärliche budgets zu verteilen und veranstaltungen zu eröffnen habe; das war’s.

solange die einzige antwort auf all das der landesübliche jammer-ton ist, wird sich daran nichts verändern lassen. mich intertessiert eher, die befunde zu präzisieren, schlüsse daraus zu ziehen und handlungspläne daraus abzuleiten. dann wäre noch TUN nötig.

p.s.: ich schätze sehr die evidenz von diskursbeiträgen bei der „ig kultur österreich“: [link] es wäre ja vorzüglich, wenn sich auch andernorts kunstschaffende in öffentliche diskurse über kunst und deren bedingungen einbringen würden.

die bürde?

künstlerische praxis als permanente bürde der kunstschaffenden? das wäre ein merkwürdiges lebens- und arbeitskonzept. „Zeitgenössische Kunst ist immer schwierig.“ wird künstler richard frankenberger zum auftakt in einem artikel („Kunst im Kukuruzfeld“) in der „WOCHE“ zitiert. ich darf widersprechen? denn was sagt das schon! es ist auch schwierig gebrauchte autos zu verkaufen. oder bürgermeisterin in einer kleinen gemeinde zu sein. oder eine mehrstöckige hochzeitstorte zu fabrizieren.

warum immer? und was heißt schwierig?

frankenberger präzisiert im zweiten satz: „Unsere Stärke ist es, hier zu bleiben.“ schon klar. im kleinen oststeirischen ort pischelsdorf läßt sich für gegenwartskunst nun seit jahren, nein, seit jahrzehnten keine situation herbeiführen, wie sie etwa ein kunsthaus in einem landeszentrum haben könnte. und selbst die „zentrumsleute“ knirschen inzwischen, was das betrifft: akzeptanz, interesse, publikumsfrequenz, budgets… keine chance auf eine entspannte situation!

gut, fragen sie einen gebrauchtwagenhändler, die bürgermeisterin einer kleinen gemeinde oder den zuckerbäcker ihres vertrauens. alle knirschen, weil sich keine entspannte situation ergeben will. aber die kunst! es liegt ja vielleicht in der natur der sache, wo es in der menschheitsgeschichte gerade erst einmal drei generationen her ist, seit sich breite bevölkerungsteile mit kunst befassen können. könnten! damit meine ich, mein großvater war zwar ein grundsätzlich etwas kunstinteressierter mann, aber der handwerker hatte sein lebtag keinen praktischen zugang zu kunstwerken und damit verbundenen ästhetischen erfahrungen, wie wir das heute für wichtig hielten.

anders ausgedrückt: seit wir formell aufgehört haben untertanen zu sein und seit wir die tyrannis der nazi losgeworden sind ist noch nicht gar viel zeit vergangen, um zugänge zur gegenwartskunst zu entwickeln, zu finden, zu erproben. es gibt vorerst keinen breiten gesellschaftlichen konsens, daß die befassung mit kunst wichtig sei. und es fehlt generell immer noch an konsequenter landesweiter vermittlungsarbeit.

werke der gegenwartskunst, manchmal mischungen aus artefakt und prozeß, können selbstverständlich nicht von einem breiten publikum rezipiert werden, wenn klischees den blick verstellen und vermittlungsarbeit fehlt

genau in diesem kontext halte ich es für FATAL und sehr kontraproduktiv, wenn die erste botschaft eines berichtes über kulturgeschehen jenseits des landeszentrums so beginnt: „Zeitgenössische Kunst ist immer schwierig.“ vor allem, weil das auch INHALTLICH gedeutet wird und weil sich so darin klischees bestätigen, mit denen der gegenwartskunst bescheinigt wird, sie sei unverständlich, abgehoben, elitär und letztlich… eher überflüssig; was sich ja allein schon in der schwachen ausstattung der kommunen mit kulturbudgets ausdrückt.

diese botschaft – „immer schwierig“ – kennt freilich noch andere wurzeln. eine künstlerische boheme hat sich einst, als zeitlich begrenztes soziokulturelles phänomen westeuropäischer prägung, in antibügerlichen attitüden gezeigt. es fällt manchen knstschaffenden heute noch schwer, sich zu entscheiden, ob sie nun ganz offen anstreben sollen, auch auf dem markt zu reüssieren, um dringende geldprobleme loszuwerden, oder ob sie sich auf einen eher mönchischen weg in die kunst einlassen mögen, der zwar tief in die sache führt, aber nicht von großem publikumsinteresse begleitet ist, um sich auch ökonomisch zu rentieren.

das sind fisimatenten eher persönlicher art, ohne große kulturpolitische relevanz. wer tief in der „provinz“ ein fixes und nicht gerade kleinens haus für gegenwartskunst einrichtet, muß entweder eine besondere konzeption vorweisen, die ausreichend publikum und allgemeines interesse mobilisiert, oder seine konzeption überdenken, falls das nicht auf eine „fitzcarraldo-nummer“ (opernhaus im regenwald) hinauslaufen soll.

wir werden, um in solchen fragen voranzukommen, weder „städtische salonkultur“ aus den zentren in die „provinz“ übertragen können, noch ergebnisse erzielen, indem wir alte rollenkonzepte des künstlerdaseins reanimieren, die von heroischen posen und edler einsamkeit handeln. das ist alles 19. jahrhundert. das hat sich, stendahl rauf und runter balzac, längst erledigt.

wäre unter uns kulturschaffenden zu klären, was gemeint sein könnte, wenn wir von kulturpolitik auf der höhe der zeit zu reden hätten.

auf die nächste ebene

im vorfeld hatte es die frage gegeben: „wie hast du es geschafft, daß der buchmann herauskommt?“ ich konnte ein wenig angeben und sagen: „ist gar nicht so schwer gewesen.“ gut, das sind spielchen. nein, das ist nicht ganz nebensächlich. zur erläuterung: christian buchmann ist steirischer landeskulturreferent und wirtschaftslandesrat. er war gestern zu einem arbeitsgespräch nach gleisdorf gekommen.

ich habe als kunst- und kulturschaffender zwei grundlegende anliegen an leute aus politik und verwaltung:
a) gehört zu werden und
b) sachkundige gegenüber für arbeitsgespräche zu finden.

von links: sigrid meister (kustodin des „museum im rathaus“), winfried kuckenberger (leiter des büros für kultur und marketing), karl bauer (sachpromotor unserer „tage der agrarischen welt“) und gerhard flekatsch (kulturprojekt „bluethenlese“)

manchmal bin ich erneut überrascht, wie viel vorarbeit es ist, für ein komplexeres meeting die eigenen optionen aufzubereiten, so daß kommunizier- und verhandelbar ist, was wir anstreben und wie es erreicht werden soll. mir lag daran, personen der drei sektoren staat, markt und zivilgesellschaft an einen tisch zu bekommen. es ging darum, modi zu klären, wie eine kooperation von leuten aus diesen drei sektoren gestaltet sein solle, um längerfristig eine stabile arbeitssituation für kunst- und kulturschaffende zu erreichen.

landesrat christian buchmann: „warme stube richte ich zur zeit keinem. ansonsten bin ich für vieles offen.“

um diese fragen zu debattieren, hatte ich auch alois reisenhofer, den kulturreferenten von gleisdorf, an den tisch gebeten. und winfried kuckenberger, den leiter des büros für kultur und marketing, der sigrid meister, die kustodin des „museum im rathaus“, mitgebracht hatte. bürgemeister christoph stark hatte sich ebenfalls zeit genommen.

die drei sektoren, also politik & verwaltung, wirtschaftsbetriebe und deren metabereich sowie — in unserem fall der zivilgesellschaft — vor allem kunst- und kulturschaffende. worin und wofür können wir abschnittweise an einem gleichen strang ziehen? wie vermeiden wir das feststecken in bewährten klischee-ensembles, über die kaum mehr als bloß ein starkes gefälle produziert wird? unterm strich bleibt ja auch die frage, ob und unter welchen bedingungen uns ein umgang miteinander gelingt, der von begegnungen in augenhöhe geprägt ist.

alois reisenhofer (gleisdorfs kulturreferent) und maren spitzer-diemath (büro buchmann)

es waren demnach diese aspekte unterzubringen UND konkete, projektbezogene fragen, inhaltliche aspekte eines kulturgeschehens jenseits des landeszentrums, in dem überdies die gegenwartskunst an boden gewinnen kann. nicht weniger wollte ich bei diesem treffen auf dem tisch haben. damit ist auch klar gewesen, das konnte nur der AUFTAKT einer serie von treffen sein, in denen dieses komplexe paket bearbeitet wird.

arbeitstreffen, die eben zunehmend davon geprägt sein sollen, daß leute aus politik, verwaltung, wirtschaft und zivilgesellschaft a) gemeinsame fragen finden, b) daraus gemeinsame aufgabenstellungen beziehen, was c) zu gemeinsamen vorhaben führen soll. das betrifft unter anderem strukturen und bedingungen, in denen sich AUCH das kunstschaffen ereignen kann. aber hier muß klarheit bestehen, daß die kunst kein werkzeug der sozialarbeit, des tourismus oder anderer metiers ist.

bürgermeister christoph stark (links) und landesrat christian buchmann

es sind die gemeinsamen fragen und aufgabenstellungen, zu denen sich kunstschaffende mit ihren mitteln einbringen können, ohne daß die künstlerische praxis selbst in einen werzeugkasten für andere zwecke gepackt wird. ich stelle fest, daß diese nötige trennschärfe von den funktionären am tisch ansatzlos verstanden wurde, während sie unter uns kultur- und kunstschaffenden als thema nicht gar so präsent ist.

das berührt übrigens aspekte, wo ich mit künstler gerhard flekatsch einig bin: wir haben in unserem metier noch viel zu wenig antrengung darauf verwandt, breiter klar zu machen, wovon genau unsere profession eigentlich handelt, welche bedingungen sie hat und was genau sie zu leisten imstande ist, was andrerseits ausgeschlossen bleiben muß.

das macht wohl auch gelegentlich die verständigung mit leuten aus anderen metiers etwas schwierig. selbstreferenzielle wanderlegenden über das dasein als künstler nutzen uns dabei am allerwenigsten. wenn ich noch einrechne, wie wenig basiswissen selbst in gebildeten kreisen zu fragen des kunstbetriebes stellenweise vorzufinden ist, halte ich es für einigermaßen dringend, in diesen angelegenheiten langsam auf stand zu kommen. (oder doch etwas schneller.)

kunst? kannst’ knicken!

kunst ist nichts für dientboten, für untertanen. die domestiken sollen was arbeiten! (die kunstschaffenden eigentlich auch.) wie viele menschen würden jetzt zustimmend nicken? wie viele menschen halten sich selbst tapfer auf dem level früherer dienstboten? das muß einem in einer demokratie natürlich frei stehen.

wie viele ausflüchte kenne ich inzwischen von menschen, die eine befassung mit gegenwartskunst ausschlagen? ich könnte ein buch damit füllen. zu den standards zählt die vorhaltung, das sei alles zu elität, zu abgehoben, würde vom großteil der menschen nicht verstanden werden. staunen? fragen? lesen? nein, nicht jene, die heute noch einem kaiser oder anderer führern danken würden, daß sie wenigstens lesen, schreiben und rechnen lernen durften.

verleger reinhard wernbacher demonstriert auf dem kaffehaus-tisch das format für unser zeitschriften-projekt

aber kunst? meine lieben, das würde einem womöglich die zeit vor den tv-gerät unzulässig verkürzen. kleiner einschub: verleger reinhard wernbacher gibt eine regionalzeitung heraus, „die oststeirische“: [link] es ist für den großteil seines publikums duchaus gewöhnungsbedürftig, dabei auch imnmer wieder ausdrücklich mit dem thema gegenwartskunst in berühung zu kommen.

nun geghen wir einen schritt weiter und diskutieren die pilot-ausgabe einer kunstzeitschrift für die region. wir möchten herausfinden, was passiert, wenn wir mit dem thema einmal breiter unter die leute gehen. im großen format. das demonstrierte er mir auf einem kaffehaus-tisch. ich habe inzwischen schon eine zusage von graphic novelist jörg vogeltanz [link], der ein grafisches gestaltungskonzept erarbeiten würde, das seinerseits einen visuellen beitrag zum thema ergäbe.

graphic novelist jörg vogeltanz (links) im selbstportrait, als figur in einer seiner geschichten

zurück zum ausgangspunkt dieses eintrags, der neigung vieler menschen, die befassung mit gegenwartskunst auszuschlagen. so bekennen sich unzählige leute zur tradition der untertanen. aus neugier und aus neigung eine andere sprache zu erlernen, mit anderen codes vertraut werden, seine horizonte aufzureißen, um in das staunen zu gehen, zu fragen (achtung! philosophiegefahr!), die eigene wahrnehmung durch neue erfahrungen zu verfeinern, das ist wirklich nichts für dienstboten.

wir haben heute zwar in diesem wohlhabenden land erhebliche probleme, ganze generationen mit einem adäquaten bildungsstatus auszustatten. es fehlt an grundkenntnissen, es mangelt an fachpersonal und die akademischen kreise lassen uns allgemein ratlos darüber, daß der uni-betrieb so viel kostet, aber so schwache ergebnisse zeigt.

deshalb müssen aber wir noch lange nicht mehr augenmerk auf das kulturelle klima dieses landes werfen. wo kämen wir hin, wenn wir etwa der kunst und deren derivate mehr stellenwert beimessen würden? das kostet ja. zeit und geld. und leidenschaft.

über kunstwerke reden: kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov vor einer arbeit von ulla rauter

ich weiß schon, was ich selbst predige: die kunst ist die kunst und sie ist nicht dazu da, soziale probleme zu lösen. aber die BEFASSUNG mit kunst führt zu erlebnissen, erfahrungen, kompetenzen, die wir im gemeinwesen dringend brauchen. so hängt die sache nämlich zusammen.

außerdem führt die befassung mit kunst zu vergnügungen, die genau NICHT den fragen der alltagsbewältigung gewidmet sind. und das ist offenbar so frivol, da winken abertausende menschen ab, verbeugen sich noch vor dem verbliebenen schatten der herrschaft, den wir nachfahren der untertanen offenbar nur schwer abschütteln können.

einst wußten fürsten und bischöfe ganz genau, warum sie den pöbel lieber auf dem feld schuften oder bei anderen arbeiten sich abrackern sahen, als sich mit kunstwerken und schließlich mit sich selbst zu befassen. (das haben sie ihresgleichen vorbehalten.)

es ist natürlich kein zufall oder eine leere phrase, daß wir mit dem projekt „kunst ost“ eine „soziokulturelle drehscheibe“ etabliert haben, die zwar im kern der gegenwartskunst gewidmet ist, sich aber eine wesentlich komplexere aufgabenstellung vorgenommen hat.

ich hab im vorigen eintrag [link] skizziert, wie wir uns lokal/regional um eine kooperationsbasis mit politik und verwaltung bemühen, damit a) verstanden wird, was wir tun, warum und wie wir es tun, damit b) das engagement für ein anregendes kulturelles klima eine breitere basis bekommt.

das muß uns auch mit leuten aus der wirtschaft besser gelingen. sie bemerken den feinen unterscheid? nicht die kunst soll störker mit witrschaft, verwaltung und politk verzahnt werden, sondern das kulturelle engagement.

zur praxis des „bottom up-prinzips“

der begriff „bottom up“ steht in der regionalpolitik für „bürgerbeteiligung“ und für „von der basis her“. das finde ich nun seit jahren in vielen papieren („regio next“, „leader“, „lokale agenda 21“ etc.) als wichtige anforderung, die in der kommunalpolitik beachtet werden möge. aber was bedeutet das in der praxis?

wir loten das in gleisdorf nun seit einigen jahren aus. zugegeben, ich komme damit nicht annähernd so zügig voran, wie ich es mir wünschen würde. woran mag das liegen? man kann natürlich pech haben und in einer gemeinde leben, wo sich alte funktionärsherrlichkeit massiv gegen eine praxis der bürgerbeteiligung abschottet. solche fälle gibt es, sogar hier in nächster nähe. in gleisdorf ist das zum glück nicht so.

eine meiner wichtigsten erfahrungen in diesen zusammenhängen ist die wachsende klarheit, daß politik und verwaltung gegenüber dem alltagsleben, wie ich es kenne, von grundsätzlich anderen konventionen und prioritäten geprägt sind, was vor allem bedeutet: kommunikation ist knifflig.

politik und verwaltung an einem arbeitstisch mit mir; von links: kulturbüro-leiter winfried kuckenberger, bürgermeister christoph stark und kulturreferent alois reisenhofer.

unterm strich kommt das freilich auf einige aspekte herunter, die in jeder banalen beziehung zu einem ende oder zu neuen ufern führen können. einer dieser aspekte: haben wir genug zeit und gelegenheit, um uns darüber zu verständigen, was wir von einander verstanden haben?

eine andere, sehr grundlegende erfahrung besagt: es braucht zeit!

diese prozesse, aus denen auf den feldern der kultur und der regionalpolitik KOOPERATION entstehen kann, in der man einander in AUGENHÖHE begegnet, lassen sich über kein knie brechen und sind nicht beliebig beschleunigbar. zeit ist ein enorm wichtiger faktor. (wir müssen also herausfinden, wie sichergestellt werden kann, daß uns weder geld, noch langer atem ausgehen.)

ich hab bei verschiedenen gelegenheiten betont, an dieser gesellschaft mißfalle mir zur zeit vor allem zweierlei: stagnation und rasender kompetenzverlust. ich bin nicht der einzige, dem das aufstößt. da wir eben eine kulturdebatte hatten, fand ich bemerkenswert, wie einhellig meine drei gesprächspartner – bürgermeister, kulturreferent und kulturbüro-leiter – jene tendenz zur „eventitis“ kritisiert haben, in der bei EVENTS ein immer höherer aufwand nötig sei, um menschen zu mobilisieren, wobei es in diesen abläufen kaum noch möglich erscheine, INHALTE zur debatte zu bringen.

das ist nun ein fragenkomplex, den wir teilen, wie unterschiedlich auch sonst unsere prioritäten sein mögen. etwa diese frage: wie können wir menschen gewinnen, sich auf relevante themen einzulassen und sich damit nachvollziehbar auseinanderzusetzen? das sind unter anderem soziokulturelle agenda.

da fallen auch fragen nach kommunikationsstrategien und verfahrensweisen im umgang miteinander an. ausdrücklich NICHT, um einander schönfärberei anzudienen oder die jeweils anderen ansichten zu „verkaufen“. ich war angenehm überrascht, wie sehr genau dieser punkt unter uns verschiedenen leuten als konsenstauglich erschien: über relevante themen der region ins gespräch kommen.

kunst hat ihre eigenen regeln und strategien in ihrem verhältnis zur gesellschaft (die ausstellung von ulla rauter im rahmen des „frauenmonats“ von „kunst ost“)

das sind ja auch zusammenhänge, wo kunstschaffende themen und anlässe finden, mit ihren bevorzugten mitteln stellung zu beziehen. die kunst nicht als „angewandte solzialarbeit“, als wellness-faktor oder dekorationsgeschäft, auch nicht als „quotenbringer“ für das tourismus-büro, sondern als ganz eigenständige disziplin mit ihren eigenen regeln; aber die kunstschaffenden als mitmenschen, die auf ihre umgebung einfallsreich reagieren.

was zur zeit die vorrangigen probleme der region sind, halte ich für evident. strukturelle und budgetäre schieflagen werden durch kommunikations-hemmnisse und eine reihe anderer defizite verschärft. etliche standortnachteile haben geschichte und tradition. der problemkatalog wurde mehrfach abgefaßt und ist evident. aber was schließen wir daraus? und was gedenken wir zu tun?

derlei dinge debattiere ich im kontext von kunst und kultur gerade mit funktionstragenden aus politik und verwaltung. ich will herausfinden, wie ein „bottom up-modell“ in der praxis angelegt sein muß, um funktionieren zu können. ich will verstehen können, wo teilweise die kommunikation zwischen
a) politik und verwaltung und
b) zivilgesellschaft klemmt.

dazu ist es einigermaßen hilfreich, die konzepte und prioritäten der jeweiligen gegenüber zu kennen. so hab ich kürzlich erfahren, bürgermeiszter christoph stark habe ein konzept für die „region gleisdorf“ verfaßt und den funktionstragenden der kommunen zur diskussion gestellt.

es ist ja nicht so, daß politische papiere immer als „geheimdokumente“ gehandelt werden. ich bekomme auf anfrage meistens die gewünschten unterlagen, deren kenntnis ich für wichtig halte

solche arbeitspapiere werden nicht grade am schwarzen brett ausgehängt. aber wenn ich darum frage, bin ich noch selten enttäuscht worden. ich halte es für vorteilhaft, intentionen und arbeitsansätze der politik auf wunsch möglichst detailliert erfahren zu können.

ich schätzte es auch sehr, wenn nicht ignoriert wird, daß ich darüber dann eventuell ein gespräch führen möchte; sei es, daß ich einwände vorzubringen habe, sei es, daß ich etwas davon aufgreifen möchte.

warum wir?

ich hab vorhin in „modalitäten und rahmenbedingungen“ erwähnt: „wichtig ist auch für das kulturelle engagement in der region, daß wir konzepte schaffen, die regionale betriebe bewegen, unsere aktivitäten mitzutragen.“ [link]

das ist einer der härtesten brocken, denn herkömmliche ideen von sponsoring lassen sich auf operettenabende und kammermusik anwenden, auf lesungen, die mit prominenten schauspielern besetzt sind und auf so manches theaterprojekt konventioneller art, auch auf den charity-bereich. herkömmliches sponsoring hat vor allem repräsentationsaufgaben.

kulturelle aufbauarbeit, wie wir sie leisten, und gegenwartskunst als beitrag dazu sind dafür auf anhieb nicht geeignet. damit meine ich, sie sind zur repräsentation nicht geeignet. sie wären ja ihrerseits eher das ziel von finanzierungen durch charity- und sponsoring-aktivitäten. sie können also nicht zugleich deren repräsentatives trägersystem sein.

das besagt auch: wo gegenwartskunst schon erheblichen rang und zum teil auch marktwert hat, sind eben markt, sammler und andere instanzen präsent, um in diesen bereich zu investieren. doch quasi das VORFELD solcher kunstbereiche, aus dem dann einzelne kunstschaffende mit jener reputation und auch jenem gehobenen marktwert hervorgehen werden, ist eine deutlich unterfinanzierte zone.

das kompensieren freilich auch keine lokalen geschäftsleute vor ort. sie sind über herkömmliche kulturelle aktivitäten nicht zu bewegen, nennenswerte beträge in ein kulturprojekt zu investieren.

eben diese geschäftsleute schätzen teilweise traditionelle kulturangebote, wie sie in den landeszentren oder an festspielorten angeboten werden. dank umfassender mobilität sind diese veranstaltungen beliebig erreichbar, was also kein mangelgefühl aufkommen ließe, wenn am eigenen wohnort das kulturgeschehen etwa auf ein level der 1970er-jahre zurückgefahren würde.

ich meine, es würde vorerst keine heftigen reaktionen geben, wenn sich die entwicklung von rund 30 jahren des heimischen kulturgeschehens plötzlich ungeschehen machen ließe.

kurioser weise würden die selben leute, die den status quo unter kulturschaffenden für überflüssg halten, händeringend zwar, aber mit aufgestickten ärmeln millionenbeträge in genau die „ergänzenenden“ maßnahmen schaufeln, mit denen sie jene stagnation und den rasenden kompetenzverlust dieser gesellschaft auszugleichen wünschen.

damit will ich ausdrücken: wir erleben eigentlich jetzt schon auf massive art, welche kompetenzmängel ein unterfinanzierter und teils auf repräsentation getrimmter kulturbetrieb zur folge hat. weil nämlich ein gesamtes kulturelles klima abkühlt und absackt, millionen von menschen dem boulevard und endlosem tv-konsum überläßt, was ja ganz offensichtlich nicht sehr inspirierend wirkt.

in all dem liegt einige brisanz, die wir in eine kulturpolitische debatte zu übersetzen haben. denn hier, in unserem metier, bei uns kunst- und kulturschaffenden, liegen etliche der kompetenzen, die dem etablierten betrieb offensichtlich abgehen. das hat mir allein schon der heurige programmschwerpunkt „frauen, macht & technik“ [link] gezeigt, mit dem wir erstaunlich offene türen fanden.

quelle: kronenzeitung vom 18. juli 2011

was lese ich nun kurz vor unserere letzten veranstaltung in der heurigen serie zu diesem thema? dem land fehlen rund 2.000 facharbeitskräfte und seitens der wirtschaft werde gewünscht, daß sich mehr frauen in berufen qualifizieren würden, die bisher eher nur von männern gewählt wurden.

es zeigt sich also, was wir als kulturinitiative gerade machen, korrespondiert mit wachsenden debatten über akute defizite in unserer gesellschaft. freilich ist die kunst nicht dazu da, solche probleme zu lösen. doch der kulturbereich gesamt ist ein „möglichkeitsraum“, um solche angelegenheiten zu thematisieren und zu bearbeiten.

damit möchte ich sagen: die kunst ist immer noch die kunst. sie hat keine anderen aufgaben, als das zu sein. soziale aufgabenstellungen müssen wir schon mit anderen mitteln anpacken. kunst ist kein soziales „reparatur-set“.

aber als KULTURschaffende sind wir gut gerüstet, soziale frage- und aufgabenstellungen zu bewältigen. dabei wiederum sind die komplexen erfahrungen aus der befassung mit kunst sehr fruchtbar. so hängt das zusammen. und darum WIR. darum wird es nicht möglich sein, unsere beträge zur entwicklung des gemeinwesens zu ignorieren.

modalitäten und rahmenbedingungen

wir sind mit „kunst ost“ unter anderem teil eines eu-programmes, nämlich des: „Aktionsprogramms Achse 4 LEADER über kulturelle Förderungen im ländlichen Raum“. darin ist eine klare aufgabenstellung formuliert, sich im gefälle zwischen „zentrum und provinz“ um eine kulturelle praxis zu bemühen, die nicht auf „urbanisierung der region“ hinausläuft.

das meint, es wäre unfug, kulturelle strategien aus dem landeszentrum zu übernehmen. wir haben eigene ziele und verfahrensweisen zu entwerfen, zu erproben, umzusetzen. soweit meine deutung dieses passus: „Bewahrung und Weiterentwicklung des ländlichen Raums (Gemeinden unter 50.000 Einwohner) in seiner Funktionsfähigkeit als möglichst eigenständigen Kultur- und Lebensraum.“

diese textpassage hat auch einige brisanz vor dem hintergrund einer neuen, radikal beschleunigenden LANDFLUCHT. das heißt, menschen folgen der arbeit, pendeln aus, wandern ab. läßt sich da auch kulturell gegensteuern? welche lebensbedingungen werden wir haben, wenn solche prozesse ein jahrzehnt weiter gediehen sind?

kunsthistorikerin mirjana peitler-selakov (hier links, neben künstlerin eva ursprung) ist als diplomingenieurin auch mit der welt der technik gründlich vertraut

zurück zur gegenwart! soweit wir für die entsprechenden vorhaben a) die nötigen EIGENMITTEL aufbringen und b) die nötige VORFINANZIERUNG schaffen, können wir dazu momentan auch eu-gelder einsetzen. da die behörde rund sechs monate braucht, um jeweils eingereichte unterlagen zu prüfen und dann den eu-anteil auszuzahlen, müssen also für einen kleinen kulturverein beträchtliche summen vorrätig sein, um diesen modus nutzen zu können.

das ist zur zeit praktisch kaum zu schaffen, weil vor allem die kommunen ihre kulturbudgtes – soweit überhaupt vorhanden – komplett runtergefahren haben. beispiel: die stadt gleisdorf war über jahre sehr gut gestellt. vom gleisdorfer kulturbudget ist aber nun in zwei schritten (gegenüber 2009) bloß noch ein viertel geblieben. also real nicht minus 25%, sondern minus 75%.

dazu birgt so ein eu-deal erhöhte risken, denn es prüfen zwei instanzen, das land steiermark. und die „Agrarmarkt Austria (AMA)“. sollte eine aufwendung als nicht widmungsgerecht eingestuft werden, muß das geld refundiert werden: „Der Endbegünstigte ist verpflichtet, bereits geleistete Förderungszuschüsse zuzüglich um Zinsen in der Höhe von 3% p.a. über dem jeweils geltenden Basiszinssatzes der ÖNB gerechnet ab dem Tag der Auszahlung – zurückzuzahlen, wenn einer oder mehrere der vorweggenannten und sonstigen Gründen aus dem Förderungsvertrag bzw. Finanzierungsangebot zutreffen.“

tierarzt karl bauer ist unser sachpromotor in fragen der agrarischen welt

zum glück kompensiert das land steiermark im rahmen seiner kulturförderung noch einiges, was hier draußen weggebrochen ist. ansonsten wäre hier schon vor monaten mit autonomen kulturprojekten völlig schluß gewesen. in einem mix der mittel, wobei momentan privat aufgebrachte gelder und ehrenamtlich geleistete arbeit die basis ausmachen, haben wir unser programm aufrecht erhalten können.

dazu gehören momentan auch schritte zu stabilen kooperationen und eine konsequente arbeit an neuen finanzierungsmodellen. da wir seit mindestens frühjahr 2010 über das heraufdämmern dieses status quo bescheid wußten, sind die aktuellen finanzierungsprobleme nicht ganz aus dem blauen gekommen. dennoch scheint die zeit kaum zu reichen, angemessen gegenzusteuern.

ich denke allerdings, daß wir mit diesem sommer die konsolidierung des projektes schaffen dürften. verschiedene kooperationsschritte sind getan und sollten zu passablen ergebnissen führen. wichtig ist auch für das kulturelle engagement in der region, daß wir konzepte schaffen, die regionale betriebe bewegen, unsere aktivitäten mitzutragen.

(quelle: der standard)

dieses allgemeine ringen um möglichkeiten und budgets ereignet sich AUCH vor dem hintergrund wachsender strukturprobleme jenseits von graz, die insgesamt teil einer gesamtösterreichischen entwicklung sind; stichwort: landflucht. (siehe dazu den artikel Der ländliche Raum wird stark ausgedünnt„!)

wer bringt die dazu relevanten theilthemen in die öffentlichkeit der region? na, gar zu viele instanzen dieser gesellschaft arbeiten vorerst nicht daran, wie man allein der laufenden berichterstattung in den printmedien entnehmen kann.

daß sich nun KULTURSCHAFFENDE solchen gesellschaftlich relevanten themenstellungen widmen, daß dabei künstlerische praxis auch für akzente sorgt, ist offenbar für die regionalen honoratioren noch gewöhnungsbedürftig…

was ist das LEADER-kulturprogramm der steiermark? [link]
die LEADER-kulturprojekte in der steiermark: [link]