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Als EPU-Mensch ökonomisch überleben

Ich hab nun schon an mehreren Stellen betont, daß wir im Kunstbetrieb ein merkwürdiges Phantasma installiert haben. Freelancers gelten meist als höchstes Ideal. Der freischaffende Künstler, die freischaffende Künstlerin, aus rein künstlerischer Arbeit ein adäquates Jahreseinkommen erwirtschaftend, das sei die „Königsklasse“.

Bis zum nächsten Steuerbescheid, der für "Berichtigungen" sorgen wird, erwartet die Finanz von mir diese Zahlungen

Es ist ein kleiner Haken an der Sache. Diesen Typus findet man in Österreich fast überhaupt nicht, die lebenden Exemplare sind eine verschwindende Minorität. Diese Minderheit steht in zweierlei Geruch, ist mit Widersprüchen belegt. Einerseits müssen genau DAS ja die „richtigen“ Kunstschaffenden sein, die sowas hinkriegen. Andrerseits stehen sie prinzipiell unter Generalverdacht, sich dem Markt anzudienen und die „Reinheit der Kunst“ am Kassenschalter zu schänden.

Danach richten sich dann auch die Vorscheibungen der Sozialversichrungen, momentan diese

Das sind also reichlich nervöse Umgangsformen mit einer Profession, die in dieser und jener Praxis unter dem üblichen Druck steht, den alle Freelancers kennen. Bedenkt man nun, daß EPU, also „Einpersonenunternehmen“, rund 60 Prozent von Österreichs Betrieben ausmachen, möchte man annehmen, der Staat sorge in seiner begleitenden Gesetzgebung für ein Reglement, das diesem Berufsfeld gerecht wird und das uns durch die stets sich ändernden Geschäftsverläufe stärkend begleitet. Beim Staat gibt es aber offenbar andere Prioritäten.

An das Kreuz des Triple A-Phantasmas geschlagen (Foto: Amici delle SVA)

Unternehmensberater Conrad Pramböck hat gerade für erfrischenden Klartext gesorgt und den Kontrast Angestellte/Freelancers etwas herausgearbeitet:
„Sie (Die Angestellten, Anm.) haben extrem große Sicherheit, regelmäßiges Einkommen, verdienen ab dem ersten Arbeitstag, haben einen voll ausgestatteten Arbeitsplatz und bekommen Unterstützung von ihren Kollegen. Selbstständige hingegen verbringen die ersten Wochen damit, Möbel und Computer zu besorgen, mit Rechtsanwalt und Steuerberater zu sprechen. Das sind zwar wichtige Dinge, aber es vergeht Zeit, die sie nicht dafür investieren können, Geschäfte zu machen.“ [Quelle]

Ich verrate ja kein Geheimnis, daß gerade in krisenhaften Verläufen eines Landes ganze Kettenreaktionen davon ausgelöst werden, daß stärkere Instanzen anfallende Probleme flott an die nächst schwächeren Instanzen weitergeben. So staunt man als Freelancer mitunter, welcher Scherereien und Aufgaben einem plötzlich zugefallen sind, die ruckzuck von oben nach unten durchgereicht wurden.

Während fix angestellte Leute zwischendurch ihre Belastungserlebnisse in einem Krankenstand mit anschließendem Urlaub auskurieren, beiße ich im nächsten Durchgang an zu langen Arbeitstagen meine Zähne zusammen. (Gut, ich hab es ja so gewollt. Selbstgewählt!)

Dabei empfinde ich es dann schon als sehr provokant, wenn ich zeitgleich lese, wie ein Profi, außerdem vormaliger Finanzminister, sich sein gut situiertes Leben absichern kann: „Zuletzt musste Ex-Finanziminister Grasser laut Bericht mit einem kargem Jahreseinkommen von 13.520 Euro auskommen. Die Finanz hegt „den konkreten Verdacht einer Abgabenhinterziehung bezüglich Umsatzsteuer, Einkommenssteuer und Kapitalertragssteuer“, heißt es.“ [Quelle] Und genau derlei Steuerbescheide gehen automatisch an die SVA, um dort für „Berichtigungen“ in den Vorschreibungen zu sorgen.

Ich soll mir gelegentlich auch noch Neid unterstellen lassen, wenn ich solchen Status quo kritisiere? Das ist alles in Österreich sehr kurios geordnet. Vor dem Hintergrund aufgedeckter Korruptionsvorgänge im Lande kämpfen Kleinstunternehmen heute mehr denn je um ihr Bestehen, bei dem oft folgende Hürde aufragt.

Unter den Tausenden EPU-Leuten ringt eine Legion vor allem mit dem Reglement der Sozialversicherung, durch welches sie so unter Druck sind, daß die SVA längst als Konkurs-Risiko ersten Ranges gilt.

Im „Forum zur Förderung der Selbständigkeit“ [link] kann man allerhand über diese Zusammenhänge erfahren. Seit Monaten widmen sich ferner die „Amici delle SVA“ ganz speziell den Problemlagen, dem Informationsstand und den Lösungsansätzen dafür, die Versicherungspflicht bei der SVA ökonomisch zu überleben: [link]

Und jetzt noch ein kleiner Schwank zum Abschluß dieses Beitrages. Es gibt offenbar Geschäftsmodelle, deren Konzeption alles übersteigt, was ich mir vorstellen kann:
>>Klar ist zudem: In Grassers Stiftungskarussell bunkern mehr als neun Millionen Euro. Preisfrage: Wie ist das möglich, wo er doch beim Finanzamt nur ein so geringes Einkommen versteuert hat? Stimmt da etwas mit der österreichischen Steuergerechtigkeit nicht?<< [Quelle]

+) Siehe zum ganzen Themenkomplex auch: „Wovon lebt der Krusche? [link]
+) Zu den Hintergründen auf dem Kunstfeld: [link]
+) Steirischer Lokalkolorit („Niemand hat mich gerufen“) [link]

[Wovon lebt der Krusche?]

das kühle extrazimmer 17

Ein paar Tage keine Neuigkeiten, eine Panne, die Website kurz vom Netz weg, schon ist es auch das Publikum… weg. Klar? Klar! Naja, keine große Sache, nichts, was irreparabel wäre. Aber es fehlt dadurch eben ein praktisches Bindeglied zwischen einer räumlich verstreuten Community.

Die Publikumsfrequenz ist sofort dahin, wenn nichts läuft

Wo andere Kulturinitiativen fixe Häuser bevorzugen, an die sie ihr Publikum binden, ist „kunst ost“ eine hauslose Initiative. Das bedeutet, wir residieren in einem KOMMUNIKATIONSRAUM. Und dafür ist die Webpräsenz ein wichtiges Fundament.

Ich hab freilich über die Jahre keinen Beleg gefunden, daß die Website ein wichtiger Diskursraum wäre. Direkter Feedback ist die rare Ausnahme. Dazu ein amüsantes Beispiel. Zu einem Zeitpunkt, da hier schon rund 300 Beiträge publiziert waren, erreichte mich folgende Botschaft:

>>hallo krusche, ich bin vielleicht ein pedant, aber, wenn du konsequent die kleinschrift verwenden willst dann solltest du “letzten 20 Jahre” vermeiden. lg bernhard<<

Das bezog sich also auf einen einzelnen Tippfehler in „die erfahrung von weng“ [link] Angesichts einer Inhaltsfülle, die frei zugänglich ist und zur Debatte steht, bloß so eine Petitesse zurückzumelden, das illustriert auf verblüffende Art den Zustand unsere kulturellen Lebens. Da haben wir also noch viel Arbeit vor uns.

Gelegentlich blitzt im Lauf der Dinge ein interessantes Posting auf, viel tut sich auf die Art aber nicht. Am lebhaftesten waren hier bisher Leute, die ich schließlich blockieren mußte, weil sich schnell herausstellte, daß sie Revisionisten sind, die ganz ausdrücklich serbische Kriegsverbrechen in Bosnien-Hercegovina leugnen: [link]

An diesen Leuten war nicht nur erstaunlich, welche Ansichten sie vertraten, sondern auch ihr Versuch, Webspace und Publikum, also im Web etablierte Öffentlichkeit, zu okkupieren, sozusagen bei „kunst ost“ auf mögliche Trittbretter zu springen.

Ansonsten neigen Kunst- und Kulturschaffende überwiegend nicht zu konsequenter Netzpräsenz sowie zu öffentlichen Diskursen ihrer Anliegen und Angelegenheiten. Eines der betrüblichsten Beispiele ist jene Community, die seit etwa Sommer 2011 Zugriff auf das neu gestaltete Grazer „Künstlerhaus“ fordert, sich aber seit Monaten nur über einen weitgehend toten Briefkasten der Öffentlichkeit mitteilt: [link]

Andrerseits kann man bei uns leicht erleben, daß ein Andersdenken gegenüber den vorherrschenden Ansichten einer Community im Web postwendend als undemokratisch gedeutet und entsprechend geahndet wird. Da waren meine jüngsten Erfahrungen in einer Kontroverse mit dem Filmemacher Heinz Trenczak sehr aufschlußreich; der offene und öffentliche Meinungsaustausch gipfelte in der Unterstellung „polizistischen“ Verhaltens und dem Aviso an meinen Herausgeber, er werde mit rechtlichen Schritten zu rechnen haben; siehe „Lizenz zum Zetern“: [link]

Es ist also die Webpräsenz Kulturschaffender bei uns nicht primär das Erschließen eines zusätzlichen Aktionsraumes, in dem Telepräsenz und Telekommunikation unseren realen Handlungsspielraum erweitern würden. Websites werden doch meist nur als „Schaufenster“ und „Ablagesysteme“ genutzt, viele Informationen landen dort im Modus „fire and forget“.

In „Winden und wimmern“ habe ich skizziert, welche kulturpolitische Arbeit in der Steiermark schon geleistet, verschriftlicht und sogar der Behörde übergeben wurde, Arbeit, die ja auch in Dokumenten auf diversen Websites verfügbar ist, während wesentliche Diskurslinien der Gegenwart nicht einmal an die Höher dieser Inhalte herankommen: [link]

Das bedeutet praktisch, diese Arbeitspapiere sind zwar im Web abgelegt, wurden aber in meiner Branche eher nicht rezipiert — „fire and forget“ –, weshalb anscheinend auch viele kulturpolitischen Kontroversen inhaltlich stets bei annähernd Null beginnen dürfen.

Wir sind also in Fragen einer lebhaften Netzkultur, die Medienzugänge auf der Höhe der Zeit nutzen könnte, noch nicht ganz in dem Bereich angelangt, den der kulturpolitische und strukturelle Status quo des Landes nahelegen würde. Daher meine Frage: Machen wir was?

— [netzkultur: der überblick] —

Der nächste Abschnitt

Mit “kunst ost” entstand das überhaupt erste LEADER-Kulturprojekt der Steiermark. Eine Besonderheit, da dieses EU-Programm davor dem landwirtschaftlichen Bereich, den Kommunen und regionalen Firmen gewidmet war, nicht den Kulturinitaiativen und der Gegenwartskunst.

Während andere Verfahrensweisen darauf zielen, möglichst viele Personen und Formationen unter ein gemeinsames Dach zu holen, bemühen wir uns, kulturpolitisches Neuland zu betreten. Das heißt, wir forcieren die Bildung und Konsolidierung völlig eigenständiger Gruppierungen, die in sich autonom bleiben.

Das bedeutet auch, wir haben keineswegs vor, als „kunst ost“ über Quantität zu punkten, sondern über kontinuierliche Prozesse, die im regionalen Leben wirken.

Ein gemeinsames Auftreten mit „kunst ost“, beziehungsweise unter dem Signum von „kunst ost“, erfolgt jeweils nur temporär, projektbezogen. Das geschieht von Mal zu Mal mit einer generellen Themenstellung, die wir in ihren möglichen Aspekten gemeinsam bearbeiten.

Damit haben wir heuer einen neuen Status quo erreicht, der sehr vielversprechend ist. Ich denke, dieses Mehr an Eigenverantwortung bringt ein Mehr an Engagement. Das wiederum dürfte Kommunen in den krisenhaften Budgetsituationen eher dazu bewegen, Kofinanzierungen einzubringen. Außerdem haben wir für die jeweils gewählten Zeitfenster und Vorhaben ein großes Maß an wechselseitig verfügbaren Ressourcen im Spiel.

Das bedeutet, die einzelnen „Kleingruppen“ („location crews“) verstärken sich in diesem begrenzten Miteinander gegenseitig, ohne darin ihre Autonomie zu schmälern. Daraus sollten ausreichend positive Arbeitserfahrungen entstehen, damit zukünftige Kooperationsbereitschaft zunimmt.

Wir würden das inzwischen gerne in eine neue Phase überleiten und zu einem Beispiel von „best practice“ entwickeln, welches nicht nur steiermarkweit Gewicht hat, sondern EU-weit zur Debatte stehen kann. Ich denke, diesen neuen Abschnitt haben wir inzwischen schon betreten.

Die Formationen für dsas kommende „April-Festival“: [link]

Wovon handelt Kulturpolitik? #14

Künstler Karl Grünling hat in der „Kleinen Zeitung“ vom 7.2.12 ein paar Überlegungen zur kulturpolitischen Lage der Steiermark vorgelegt, die interessante Anregungen für eine aktuelle Debatte sein könnten. Mit den drei Bereichen der (Aus-) Bildung, Produktion und Vermittlung im möglichen Zusammenhang hält er sich gar nicht erst auf. Grünling spricht für die wirtschaftlichen Fragen von uns Kunstschaffenden. Seine Forderung: Mehr Direktförderung, weniger Funktionärswesen.

(Quelle: Kleine Zeitung)

Ich denke allerdings nicht, daß sein Befund ausreichend stichhaltig ist. Prinzipiell steht es ja jeder Einzelperson frei, zum Beispiel beim Land um eine Förderung vorstellig zu werden. Es gibt momentan einen neu besetzten Förderbeirat, dessen Tun wir noch nicht genau kennen, weil er in dieser Form ganz jung ist: [link]

Aber dem früheren, unter dem Vorsitz von Heimo Steps, wird man nicht vorwerfen können, er habe sich von der Politik zurufen lassen, was er tun solle. Wer also auf ein Förderansuchen negative Antwort bekam, das Recht auf Einspruch und Anhörung genutzt hat, wer dann dennoch ohne Zusage blieb, wird wohl akzeptieren müssen, daß ein bestimmtes Vorhaben zu dem Zeitpunkt nicht durchzubringen war. Das ist in jedem Metier ein ganz normaler Vorgang.

(Quelle: Kleine Zeitung)

Grünling meint, so würden wir an die Programmatik diverser Institutionen angepaßt. Sehen wir einmal davon ab, daß künstlerische Arbeit seit wenigstens fünftausend Jahren unter genau diesen Bedingungen stattfindet, daß nämlich Auftraggeber Interessen äußern. Auch das ist völlig normal und war nie anders. Man kann es sich freilich anders wünschen. Das hieße zum Beispiel, nicht für den Markt zu produzieren. Etliche Kunstschaffende haben diesen Weg gewählt. (Ich etwa.)

Was genau wäre nun wünschenswert? Zwei Wege der direkten Finanzierung von Kunstschaffenden sind gut eingeführt: Die Bestellung von Auftragswerken und Ankäufe. Dem könnte sich auch der Staat widmen. Halt! Tut er ja. Sollte es mehr Budget dafür geben? Welche Vergabe-Modi wären dabei vorteilhaft?

Beides müßte entsprechend begründet werden, denn daß a) die Marktsituation für Kunstschaffende in Österreich katastrophal ist, wissen wir ebenso wie daß uns b) die verfügbaren Budgets als zu klein erscheinen. Ein „Bitte mehr von all dem!“ fällt also in den Bereich „No na!“ und ist daher eine Null-Aussage.

Blieben noch einige andere Optionen. Stipendien? Gibt es. Ein lebenslanges Stipendium? Eine fixe Anstellung? Ein geschützer Arbeitsplatz? Das müßten Kunstschaffende schon aus Prinzip ablehnen. Die historischen Beispiele dafür sind eher beunruhigend bis abschreckend.

(Quelle: Kleine Zeitung)

Von der Einengung und der Gängelung ist unter meinen Kolleginnen und Kollegen oft die Rede. So auch hier. Aber wodurch soll die denn möglich sein? Wer kann mir mein Tun diktieren? Wer ZWINGT mich zu Kompromissen im Werk? Ja, ich weiß, die Marktlage kann nicht ignoriert werden, wenn man auf dem Kunstmarkt sein Brot verdienen will.

Aber das bedeutet bloß, ich werde mich dem entziehen, wenn mir da Bedingungen winken, die ich unakzeptabel finde, wenn mir meine künstlerische Freiheit geschmälert werden soll. Es gibt tausend andere Tätigkeiten, die mir Geld einbringen können und es mir ermöglichen, meine künstlerische Freiheit zu verteidigen.

Moment! Da ich Künstler bin, möchte ich mich freilich auch von meinem künstlerischen Werk ernähren können und sollte dabei nicht auf andere Tätigkeiten angewiesen sein. Gut. Aber ich will dabei keine Zurufe vom Markt entgegennehmen? Schwierig! Und eine Abnahmegarantie gibt es in keiner Branche, so natürlich auch nicht auf dem Kunstfeld. Was wäre der Ausweg?

Grünling nennt eine Option. Ein „eigenes Kulturbudget“, welches Kunstschaffenden direkt zugute komme. Das wäre also ein Splitting des bestehenden Kulturbudgets in ein a) Kulturbudget und ein b) Kunstbudget. Ist das so gemeint? Ist das machbar? Ist das wünschenswert? Das Kunstbudget wäre dann nur der primären Kunstproduktion gerwidmet, keinen anderen Aspekten wie Vermittlung, Diskurs etc.

Wer darf oder soll folglich im Bereich dieses Kunstbudgets einkommen? Nach welchen Kriterien soll jemand als kunstschaffende Person anerkannt werden? Vor allem von wem? Welches Gremium wäre dafür zuständig? Vielleicht ein Förderbeirat zuzüglich Fachbeiräte? Die haben wir ja schon. (Und der Modus ist seit dem 2005er-Kulturförderungsgesetz nicht übel.)

Wer würde sich mit den verbleibenden Mitteln eines Kulturbudgets um (Aus-) Bildung plus Vermittlung kümmern, um Kuratorien, Diskurs, Reflexion, kunsthistorische Texte etcetera? Oder regeln wir das selbst, weil wir ja die Berufendsten wären und weil es da schließlich um UNSER Berufsfeld geht? Nein, wir sollten uns eigentlich primär der Kunst selbst, der Kunstproduktion widmen. Aber wer bezahlt uns das? Der Markt? Der Staat? Ja. Nein. Beide und alle. Sonst noch wer?

Kurz, mir ist völlig klar, was Grünling meint. Und könnte ich das haben, wäre es fein. Angenehm. Aber das ist auch leicht dahingesagt. Jetzt möchte ich allerdings gerne wissen, wie dieser Modus genau aussehen würde. Dann wüßte ich schon etwas mehr, was wir konkret mit den Leuten aus Politik und Verwaltung verhandeln müssen.

Post Scriptum:
Wir haben nun die ersten Februar-Tage und nichts, absolut nichts, belastet meine Existenz als Künstler so sehr wie Modus und die Höhe der Beiträge, über die ich an Finanzamt und Sozialversicherung gekettet bin. Das wurde nämlich gerade wieder für das erste Quartal im neuen Jahr amtlich ausformuliert und schnürt mir den Hals ab.

Ich möchte also, etwas polemisch, anfügen:
Um das laufende Geschäft kümmere ich mich schon, wenn die Politik uns den Rücken stärken möchte, daß die Finanz- und Sozialreglements einer Kunst-E-M-U mit prekärer Marktsituation angemessener wären.

Immerhin sind rund 60 Prozent der Betriebe Österreichs „Einmannunternehmen“, wobei wir Kunstschaffende mit materiellen und immateriellen Gütern arbeiten, deren Marktwert und Sozialprestige einen kulturellen Status quo des Landes reflektieren, der so problematisch ist, wie es Grünling ja andeutet.

[überblick]

Wovon handelt Kulturpolitik? #12

Kunstschaffende, die rein aus ihrer Kunstproduktion ein annehmbares Jahreseinkommen erwirtschaften, sind in Österreich die Ausnahme. Solche Leute können sie in vielen Genres mit der Lupe suchen. Es bleibt ein Rätsel, warum genau dieser Typ von Professional das dominante Rolemodel der Branche sein soll und überdies noch mit allerhand moralischen Implikationen behängt wird.

Viele Berufsgruppen kennen Freelancers. Der „freischaffende Künstler“ ist in Österreich bloß eine Variation und auf dem Feld der Kunst keineswegs das Hauptereignis. Leute von Rang haben zum Beispiel Lehraufträge; wie etwa Brigitte Kowanz oder Niki Passath an der Angewandten in Wien.

Der Weizer Maler Hannes Schwarz

Die FH bietet auch attraktive Anstellungen, wie in Graz beispielsweise Melitta Moschik eine inne hat, oder Lehraufträge, wie Jörg Vogeltanz einen pflegt. Auch auf der TU kann man fündig werden. Der Universitäre Bereich ist ebenfalls ein sicherer Hafen für Künstler. Dichter Alois Hergouth, ein Mitbegründer des „forum stadtpark“, war am Institut für Volkskunde an der Universität Graz beschäftigt. Außerdem verdienen an zahlreichen Mittelschulen Künstler ihr Brot. Hannes Schwarz, der bedeutenste lebende Maler der Oststeiermark, ebenfalls ein „forum stadtpark“-Gründer, war Jahrzehnte als Lehrer tätig. Im Bereich der Literatur kommt das genauso häufig vor.

Von Alfred Kolleritsch bis Wolfgang Pollanz reichen Beispiele der Lehrer, die auf solche Art von den drückendsten existenziellen Lasten befreit sind und etwa über eine verminderte Lehrverpflichtung Zeit für ihr kulturelles Engagement finden. Bildungseinrichtungen aller Art bieten solche Beispiele. Aber auch Politik und Verwaltung haben Jobs für Kunstschaffende. Andrea Wolfmayr war beispielsweise Nationalsratsabgeordnete und ist heute im Kulturamt der Stadt Graz tätig.

Medienkünstler Niki Passath

Ökonomisch erfolgreiche Freelancer wie Thomas Glavinic sind die Ausnahme. Selbst eine bedeutende Größe der österreichischen Literatur wie H.C. Artmann hat zum Lebensabend materielle Probleme gekannt und durfte sich dafür noch von einem Schnösel wie Jörg Haider vorführen lassen.

Das heißt also unterm Strich, daß Freelancers den geringeren Teil der Kunstschaffenden ausmachen. Unter ihnen, und dafür bin ich selbst ein Beispiel, bemühen sich viele, in kunstnahen Bereichen Geld dazuzuverdienen, weil sich aus nur künstlerischer Praxis kein adäquates Jahreseinkommen ausgeht.

Viele Kunstschaffende üben Brotberufe aus. Recht häufig sind auch Ensembles wie der freischaffender Künstler und die Lehrerin etc., also Ehepaare, bei denen ein Part über ein fixes Einkommen verfügt und dem anderen Teil entsprechenden Freiraum sichert.

Viele Menschen haben nicht einmal die Spur einer zutreffenden Vorstellung vom österreichischen Kunstbetrieb. Da gab es vor Jahren eine Veranstaltung in Weiz, zu der ich eingeladen war, in einer Debatte über die Bedeutung Kunstschaffender in dieser Gesellschaft mitzuwirken. In der Runde saß auch Markus Wilfling. Ich erinnere mich noch an das Staunen einiger Gäste, als sie erfuhren, daß Wilfling KEIN wohlhabender oder zumindest gut situierter Mann ist, denn „er hat es doch geschafft“.

Künstler Markus Wilfling und Kunsthistorikerin Mirjana Peitler-Selakov

Wir leisten uns in Österreich also ein doppeltes Problem. Einerseits herrschen keine realistischen Auffassungen von realen Berufsbildern auf dem Kunstfeld. Andrerseits tun wir selbst offenbar zu wenig oder kaum Angemessenes, um die vorherrschenden Bilder und Klischees zu korrigieren.

Kein Wunder, daß der kulturpolitische Diskurs entsprechend hinkt und holpert, was allerhand dazu beiträgt, daß die sozialen Rahmenbedingungen Kunstschaffender weitgehend inadäquat sind. (Vor allem im Bereich der Steuergesetzgebung und der Sozialversicherung.)

Es muß einigen sehr verschrobenen psychischen Dispositionen zu verdanken sein, wie gerne verwischt wird, daß Kunstschaffende seit Jahrtausenden vor allem einmal Dienstleister waren. Selbst der große Leonardo befand seine künstlerischen Potentiale nachrangig gegenüber den praktischn Fertigkeiten, die er den Fürsten seiner Zeit anbot, um sein Brot zu verdienen.

Ab der Renaissance kennen wir Traditionen, worin der höfliche Dienstleister teilweise zum sebstbewußten Unternehmer wurde. Superstars des Geschäfts wie Brunelleschi oder Cellini sind freilich Ausnahmeerscheinungen geblieben. Jedenfalls haben sie Wege geebnet, damit der individuelle Künstler, dem eine besondere Aura zugeschrieben wird, sich als Einzelpersönlichkeit im Betrieb profilieren, hervorheben kann. Und nur ausnahmsweise wird er auch großen ökonomischen Erfolg schaffen.

In Österreich sind wir teilweise bei einem romantischen Motiv aus Romanen hängengeblieben. Der Bohemien, die Bohemienne, antibürgerlich aufgestellt, alle „bürgerlichen Werte“ und das „Establishment“ verachtend, um doch niemand anderen als Publikum und als Geldquelle zu haben, denn da ist nur die Bourgeoisie, der sich ein Bohemien mit seiner Attitüde und seiner Kritik widmen kann, von der ihm der Lebensunterhalt bezahlt wird.

Solche Klischees und Ressentiments ergeben Gemengelagen des Diffusen, in denen natürlich überhaupt nicht klar sichtbar wird, welche realen und realistischen Berufsbilder auf dem Kunstfeld zu finden sind und welche Bedarfslagen kulturpolitisch zu verhandeln wären.

Ich meine, wer solche Diffusion mehrt, statt durchschneidet, wer sich in solchen Unschärfen geborgen fühlt, statt aus ihnen herauszutreten, ist natürlich verurteilt, in diesen prekären Verhältnissen hängen zu bleiben.

Eine Kulturpolitik, die nicht bloß der Funktionärswelt überlassen ist, sondern auch von der Elgenverantwortung Kunststschaffender getragen wird, müßte solcher Diffusion eigentlich energisch entgegenwirken. Siehe zu diesen Überlegungen auch: „Wovon lebt der Krusche?“ [link]

[überblick]

KWW: Ab in die Praxis!

Die Vorgeschichte erstreckt sich über mehrere Jahre, nun bündeln wir das mit aktuellen Perspektiven. Dieses Team arbeitet an Beispielen der Best Practice in gemeinsamen Projekten von Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft. Damit loten wir auch aus, welche neuen Beziehungsformen diese Kombination zuläßt.

Am vertrautesten Beispiel festgemacht, das Sponsoring-Phantasma: Die Künstlerin kommt zum Unternehmer und sagt: „Gib DU mir ein Geld, damit ICH was mache, DU wirst auch davon profitieren.“ Das ist a) eine antiquierte Pose und b) urbanen Konzepten entlehnt. „Wir machen, ihr zahlt.“ Diese Orientierung überzeugt mich nicht.

Von den Mühen, seine sieben Zwetschken zusammenzubekommen...

Es ist höchst unwahrscheinlich, daß sich dieser Modus a) abseits des Landeszentrums und b) im Kontext Gegenwartskunst bewährt, so lange es nicht um repräsentative Vorhaben geht. Außerdem verschenkt dieser Zugang die Frage, welche aktive Rolle allenfalls Unternehmer selbst im Kulturgeschehen der Region finden könnten. Im Sinne von aktiv, gestaltend, kommunizierend, nicht bloß über das „Medium Geld“.

Also habe ich zum Ausgangspunkt gefragt: Worin treffen wir uns allenfalls? Welche Fragestellungen teilen wir eventuell? Und zwar auch mit Leuten aus der Wissenschaft. Unser aktueller Arbeitsansatz geht von einer Problemlage aus, welche JEDES dieser Metiers berührt:

Die zunehmende Fragmentierung der Gesellschaft.

Daraus resultiert unter anderem eine starke Erosion sozialer Stabilität und ein wachsender Kompetenzverlust in allen Bereichen. Folglich sehen viele Menschen eine Institution, einen Betrieb, eine Gemeinde, einen Staat zunehmend als Mischung aus Service-Station und Selbstbedienungsladen.

Daher beschäftigen uns hier Verfahrensweisen und Projekte, bei denen in der Kooperation der drei Metiers Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft das Interesse an Partizipation steigen kann, weil wir miteinander sehr anregende Arbeitssituationen erleben.

Es geht um Partizipation statt Konsumation!

Und zwar als einer Orientierung, in welcher Zusammenarbeit Vergnügen macht und Problemlösungskompetenzen wachsen. Allein die bisherige Praxis von „kunst ost“ belegt, daß diese Möglichkeit zwar von einigen Hürden umstellt, doch erreichbar ist.

Wir schaffen Gelegenheiten und Kontinuität, um zu gemeinsamen Vorhaben zu finden, in denen die weitreichende Verschiedenenheit dieser drei Genres kein Ausschließungsgrund ist. Ganz im Gegenteil! Im Kennenlernen der verschiedenen Arbeitsbedingungen und Codes liegt ein wechselseitiger Gewinn.

Unser Ziel hat zwei Fokusbereiche:
+) Ein Gewinn an Kenntnis von einander: Wie läuft es da und welche Prioritäten stehen auf der Liste ganz oben?
+) Die Entwicklung und Realisierung gemeinsamer Vorhaben.

Deshalb verständigen wir uns zum Auftakte über:
+) relevante Fragen und
+) interessante Aufgaben,
die wir in den Genres Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam haben. Darum auch die aktuelle Fragestellung:

„Regionale Identität: eine Illusion oder unsere Wirklichkeit?“
[Die Veranstaltung]

…denn das ist ein Themenzusammenhang, mit dem wir auf jedem der drei Felder praktische Erfahrungen haben. Wir möchten die unterschiedlichen Deutungen und Gewichtungen kennenlernen, um so das „gemeinsame Feld“ ausloten zu können, von dem aus sich zu nächsten Schritten aufbrechen läßt.

[KWW] [April-Festival 2012]

Die Künstlerhaus-Debatte #9

„es fehlt ein begriff davon…“

Der öffentliche Diskurs zu Fragen der Kunst und der Kulturpolitik wird merklich lebhafter. Eine aktuelle Umfrage in der „Kleinen Zeitung“ hat mir zum Beispiel dieses bemerkenswerte Statement von Autor Johannes Schrettele in die Hände gespielt:

Johannes Schrettele

„es fehlt ein begriff davon, was und wofür kunst in einem gemeinwesen sein soll, weil ein begriff davon fehlt, was ein gemeinwesen, was öffentliche räume überhaupt ausmacht, außer tourismus und konsumangebote. dadurch fehlt auch ein verständnis dafür, dass es kunstproduzentInnen mit speziellen kompetenzen, räume und diskurse zu produzieren, gibt, die beamtInnen und politikerInnen naturgemäß nicht haben. mittel und möglichkeiten müssten wesentlich direkter zu diesen produzentInnen gehen, politik von politikerInnen gemacht werden, die sich wirklich dafür interessieren.“ [Quelle]

Ich stimme diesem Befund zu. Wenn wir keine klaren Begriffe habe, können wir aktuelle Anliegen nicht verhandeln, wir können nicht einmal streiten. Nötige Prozesse der Begriffsbestimmungen werden wohl primär von den Kunstschaffenden selbst ausgehen müssen. Es sollte kein Problem sein, die Ergebnisse solcher Prozesse dann auch bei Politik und Verwaltung ankommen zu lassen.

Die letzten Jahre haben laufend bestätigt: Wenn WIR (Kunstschaffende) nicht klären, was Kunst sei, werden das Politik und Wirtschaft gerne für uns erledigen.

Die Kulturschaffende Edith Draxl betont, es sei „die Vermischung von sozialen und inhaltlichen Kriterien unproduktiv für die Entwicklung der Kunst. Es gibt zu wenig Wissen um aktuelle künstlerische Entwicklungen, daher wird öfters provinziell gedacht und falsch gewichtet.“ Ein wichtiger Aspekt, denn Sozialarbeit ist mit anderen Aufgaben und Zielen ausgestattet als Kulturarbeit, auch wenn es natürlich Schnittpunkte gibt. Und die Regeln der Kunst sind wiederum ganz anders angelegt.

Werner Schrempf

Kulturvermittler Werner Schrempf betont „Gezielte Unterstützung von Kooperationen, Professionalisierungs- und Internationalisierungsprozessen.“ Das muß freilich auch von den „primären „ Akteurinnen und Akteuren gewollt und angestrebt werden. Schrempf ferner: „Stärkung erfolgreicher und zukunftsweisender Initiativen, begleitet durch den Auftrag, sich gemeinsam mit der regionalen Szene zu entwickeln. Nutzung von Synergieeffekten versus Kategorisierung in ‚groß und klein’ oder ‚frei und etabliert’“.

Ausgezeichnet! Zumal die aktuelle Nomenklatur ohnehin in den Ramschladen gehört, weil mit diesen Termini keine zügige Verständigung mehr möglich ist. „Hochkultur“ versus… was eigentlich? Und „Szene“. Und dies und das. Trübe Kategorien, die neue Klärung darüber vertragen könnten, was womit gemeint ist und was selbst nach Revision nichtssagend bleibt.

Also wieder rüber zu Schrettele: „es fehlt ein begriff davon,…“ Und bitte nicht vergessen! Es wäre unter anderem zwischen Gegenwartskunst und Voluntary Arts zu unterscheiden. Kunsthandwerk und ambitionierte Basteleien sind auch etwas anders. Um Draxl zu wiederholen: „die Vermischung von sozialen und inhaltlichen Kriterien unproduktiv…“

Was sind also Kategorien der Kunst, was soziale Agenda, was sind wirtschaftliche Fragen und was ist Sache des Tourismus-Büros Ihres Vertrauens? Es müssen wahrlich nicht alle Widersprüche eliminiert werden, um zu interessanten Einsichten zu kommen. Im Gegenteil, das Widersprüchliche ist anregend. Aber wer in der Sache Parteienstellung beansprucht, sollte seine oder ihre Gründe halbwegs kohärent vorbringen können.

Und bitte auf jeden Fall mehr davon in den öffentliche Diskursen!

[Die Debatte: Übersicht]

Die Künstlerhaus-Debatte #8

Boulevardisierung des Kunstbetriebes?

Eine Artikelserie in der „Kleinen Zeitung“ bietet zum Auftakt ein Interview mit Kulturlandesrat Christian Buchmann. Die ersten vier Fragen lassen erahnen, auf welchem Niveau der kulturpolitische Diskurs in der Steiermark angelangt ist:

1) „Bei einer Podiumsdiskussion über die schöne Kunst und das schnöde Geld sagte Kurator Peter Weibel kürzlich auf die Frage, was sich denn ändern solle: ‚Der Buchmann muss weg!’ Und aus dem Saal echote es: ‚Ja, der Buchmann muss weg!!!’ Was haben Sie falsch gemacht?“
2) „Nach besagter Diskussion hörte man von den Leuten die Kritik, dass Ihnen Empathie und Leidenschaft für die Kultur und die Kulturschaffenden völlig abgehe.“
3) „Es heißt, Sie hätten eine geradezu körperliche Abneigung gegenüber Kulturleuten.“
4) „Ist Ihre Klientel schwierig oder sind Sie schwierig?“
Da wird mir ja schlecht! Quelle: [link]

Wird gerade abgeräumt oder aufgedeckt?

Ich halte Michael Tschida für einen seriösen und konzentrierten Journalisten. Wie ist dann aber so eine Story zu erklären? Und wie viele Jahre ist es wohl her, daß Josef Haslinger seiner Kritik einer „Politik der Gefühle“ ein ganzes Buch gewidmet hat? (Es war 1987!) Nebenbei: Warum hängen sich neuerdings auffallend viele Leute meines Metiers an die Rockschöße von Peter Weibel?

Ich halte das saloppe Verteilen psychologischer Befunde für sehr problematisch. Was ich hier lese, ist nicht einfach polemisch, es lotet einen psychischen Zustand aus, der als irgendwie schadhaft angedeutet wird. Derlei Tendenzen sind völlig unakzeptabel und ich halte es für würdelos, solchen Diskurs-Kuriositäten zu applaudieren.

Wir sollten jene Beispiele an Verfahrensweisen aus dem 20. Jahrhundert kennen, die Kunstschaffende mit der Unterstellung psychischer Devianz bis Pathologie in Anstalten oder Gräber geschafft haben. Der Hitlerismus wie der Stalinismus sind reich an einschlägigen Beispielen. Wir können doch nun das gleiche Mittel nicht auf Opponenten anwenden.

Kulturpolitische Diskurse in solchem Kielwasser, wenn auch vergleichsweise in der Untergriffigkeit homöopathisch verdünnt, dürften nicht in Frage kommen und diskreditieren außerdem jede klare inhaltliche Position. Wenn also ein Kulturpolitiker zur Debatte stehen muß, dann geht das eigentlich nur über a) fundierte Sachargumente und b) geistreiche Polemik, doch keinesfalls, indem die leibliche oder psychische Integrität der Person angegriffen wird.

Wer den Lauf des steirischen Kulturbetriebes seit etwa März 2010 verfolgt hat, da völlig unübersehbar geworden war, daß erhebliche Budgetkürzungen kommen werden, hat auch beobachten können, wie sich das aufbaute, nein, aufbauschte, was ich eben auf „infograz“ als „Revolution in Hauspatschen“ beschrieben hab, als eine Lampenputzerei, einen „Aufstand im Sitzen“: [link]

Ich bin sehr verärgert, daß sich in meinem Milieu solche Spießermanieren breit machen konnten, die vor allem einmal dem Boulevard in die Hände arbeiten. Daß wir auf solche Art unsere eigenen Fundamente beschädigen, scheint vielen gar nicht aufzufallen.

Ist eigentlich bemerkt worden, wie ein anderer Artikel in der „Kleinen Zeitung“ zu einem Kommentar geführt hat, der als exemplarisch gelten darf? Da qualifizierte ein petergruber1 den ganzen Berufsstand der Kunstschaffenden als ein Feld von „durchgeknallten Selbstverwirklichern“, denen Gelder gestrichen werden sollten, damit sie einmal „wirklich arbeiten“? [link]

Auch hier fällt auf, daß vor allem einmal die psychische Integrität der Kritisierten in Frage gestellt wird. Dazu wird eine räuberische Haltung unterstellt, die sich auf ein Nichts gründet, für das die Gesellschaft abgezockt werde. Ergänzend und zur Illustration noch einige Zitate von „krone.at“:

“Was ist Kunst?“ „in einem runden raum in die ecke kacken“ / „Die Kunst der Fäkal- und anderen ‚Künstlern’, die Du beschreibst besteht in meinen Augen lediglich darin, eine finanzstarke Lobby (aus Steuergeldern finanziert, versteht sich) zu haben und dies weidlich auszunützen“ / „In diesem Bezug wäre es interessant zu erfahren WIEVIEL Steuergeld da so ins Klo gespühlt wird…“

Slogans, Phrasen, aber auch Herabwürdigungen, Beschimpfungen… es weist nichts darauf hin, daß solche Mittel die Anliegen Kunstschaffender voranbringen könnten. Wenn solche Beiträge Platz greifen können, dürfen, muß ich annehmen, daß in weiten Bereichen meines Metiers die Ambition, um kulturpolitisches Neuland zu ringen, aufgegeben wurde.

Sachliche Kompetenz, stichhaltige Argumente, meinethalben ergänzt um geistreiche Polemik, dazu dürfte es meiner Einschätzung nach keine Alternativen geben.

[Die Debatte: Übersicht]

Die Künstlerhaus-Debatte #7

Durchgeknallte Selbstverwirklicher

Ein petergruber1 hat am 04.01.2012 folgenden bemerkenswerten Kommentar zu einem Artikel in der „Kleinen Zeitung“ abgegeben:
„der einzige Grund warum ich mich auf die kommende Kriese freue ist der, dass dann die ganzen durchgeknallten Selbstverwirklicher ersten mal wirllich arbeiten wetdem müssen – denn die jährlichen Millionenförderungen werden ausbleiben. Dann werden die mal sehen was Sie fordern können“

Daß jemand mit solcher Gehässigkeit auf eine Berufsgruppe losgeht, Kunstschaffende rundheraus als „durchgeknallte Selbstverwirklicher“ abtut und eine unscharfe Vorstellung von „wirklicher Arbeit“ in den Raum stellt, macht mich neugierig.

Der Artikel, auf den petergruber1 reagiert hat, bietet uns aber zur Sache keinerlei Neuigkeiten: „Künstlerhaus: Kulturbaustelle mit vielen neuen Chancen“: [link] Der öffentliche Diskurs zu Künstlerhaus und Gegenwartskunst ist also zumindest in diesem Blatt momentan nicht vorangekommen.

Die Suppentöpfe der Kunstschaffenden: Money for nothinh and chicks for free?

In der „Krone“ gab es inzwischen einige interessante Gastkommentare von sachkundigen Leuten, da Michaela Reichart und Martin Grasser meinten: „Weil eine Zeitung auch ein Forum für Diskussionen und Gedankenaustausch sein sollte, haben wir handelnde Personen um Gastkommentare gebeten, die in den kommenden Tagen und Wochen erscheinen werden.“

Aber zurück zu petergruber1. Derlei Ansichten über unser Metier sind a) keineswegs selten und werden vor allem b) auf dem Boulevard recht gerne und häufig aufgekocht. Wenn der Schlatz aus einem Kommentator dermaßen hervorbricht, darf ich vor allem einmal darauf schließen, wie sehr er seine eigene Berufstätigkeit als sinnvoll und erfüllend empfinden muß.

Das ist ja kein so seltenes Phänomen. Getreu dem Rock & Roll-Mythos „Money for nothing and chicks for free“ wird gerne angenommen, Kunstschaffende führten ein eher sorgenfreies Leben auf Kosten anderer Leute, während man sich selbst in der Hackn krummlegen müsse. Diese Kolportage bezieht auch Futter aus den romantischen Geschichten über eine (urbane) Boheme, die in antibürgerlicher Attitüde natürlich auch ein bürgerliches Leben und dessen „Werte“ ablehnt, welche das aber – so die Klischees – auf Kosten jenes Bügertums tun möchte, dem es sich nur mit Hohn zuwendet.

Das hat in Summe recht wenig mit dem Berufsfeld von Künstlerinnen und Künstlern zu tun. Solche Stereotypen-Wirtschaft kennen wir auch in sanfteren Versionen. Es wäre in diesem Zusammenhang vermutlich von Vorteil, die Bilder etwas zurechtzurücken und auf aktuellen Stand zu bringen.

Das verlangt unter anderem einige Konzentration darauf, welche Bilder vom Dasein als Kunstschaffende die Öffentlichkeit dominieren und was daran revidiert werden müßte. Verkürzt läßt sich sagen: Seit in der Renaissance das Kunstschaffen aus der Abhängigkeit des „göttlichen Auftrags“ herausgetreten ist und Autonomie beansprucht hat, kennen wir maßgebliche Künstler als Unternehmer im durchaus heutigen Sinn.

Was genau tun eigentliche Menschen, wenn sie sich mit Kunst befassen?

Komischerweise wird das von Leuten, die Kunst kaum interessiert, gerne ignoriert. Oder aber, falls sie es bemerken, wird es als Argument GEGEN Kunstschaffende vorgebracht; Stichwort: „Kommerzler“. Solche abstruse Abschätzigkeit, die sich Kunstschaffende als Eremiten oder Bewohner des „Hotel Mama“ zurechtträumt, aber als ökonomisches Wesen nicht vorstellen kann, findet auch unter jenen Interesse, die sich selbst mühen, auf dem Kunstfeld ernst genommen zu werden.

So findet man unter den Selbstdarstellungen mancher Kreativer originelle Gedanken wie: „freie Kunst ist gelebte Liebe. Solange Künstler von ihrer Kunst leben müssen, sind sie Anbieter käuflicher Liebe und nicht frei.“ Oder: „Künstler die Kunst zwecks Profit machen sind wie Eltern die ihre Kinder zwecks Kindergeld zeugen.“

Das sind ziemlich spießige Bonmots, die keiner weiteren Überprüfung an den Realitäten Kunstschaffender standhalten. Das sind auch keine Kategorien der Kunst, die hier angesprochen werden.

Brunelleschi, Piero della Francesca, Dürer, frühe Leitfiguren der Entwicklungen hin zu dem, was wie heute als Intentionen und Bedingungen von Kunst kennen, waren keine Bohemiens, sondern Professionals. Es gibt Kontinuitäten solcher Prefessionalität, die durch allfällige Brüche eher noch bestätigt, als geschwächt werden.

Inzwischen hat uns Duchamp irritiert, Warhol die Plomben gezogen, Beuys in’s Grübeln gebracht und John Cage verstummen lassen.

Daß wir im Reich der Kunst und ihres Marktes stets auch mit Widersprüchen und Gleichzeitigkeiten konfrontiert sind, setze ich als bekannt voraus. Aber im Kern bleibt es vorerst noch ein Berufsfeld, das offenbar sehr vielen Menschen völlig unklar ist. Und was einem derart unklar ist, scheint darin ausreichend provokant zu wirken, um eine Feindseligkeit zu speisen, die sich etwa auf solche Art Luft macht: „dass dann die ganzen durchgeknallten Selbstverwirklicher ersten mal wirllich arbeiten wetdem müssen“.

Was immer dieser Absender petergruber1 für Probleme hat, und die scheinen nicht gering zu sein, für uns bleibt daraus die Anregung, etwas mehr Mühe darauf zu verwenden, wie unser Beruf gesehen und erfahren werden kann. Wir werden freilich Leute nicht erreichen können, die, wie petergruber1, sich auf schlechte Zeiten freuen, damit es den Kunstschaffenden schlecht gehe. In solcher Verfassung ist man ja eventuell auf irgend eien Art von Hilfe angewiesen, die außerhalb unserer Kompetenzen liegt.

[Die Debatte: Übersicht]

kww: Kommunikationslagen

Ich bleib noch ein Weilchen bei den Fragen nach dem Verhältnis zwischen Kulturbetrieb und Privatwirtschaft. Was ich von BEIDEN Seiten am häufigsten höre, ist die Variante: Kulturschaffende haben ein Projekt und fragen bei Wirtschaftstreibenden um Geld. Gibt es kein Geld, ist die Verständigung schlagartig zu Ende. Solche ersterbende Kommunikation hat das Zeug zum Selbstläufer. Ein fataler Effekt.

Gibt es eigentlich „Die Geschäftsleute“ und „Die Geschäftswelt“, wovon wir Kulturschaffenden dann diese oder jene Meinung haben? Ich glaub das nicht. Solange wir aber auf dem Kulturfeld keine differenzierten Ansichten aufgrund von profunden Einsichten zulassen, bleibt das alles diffus und damit klischeeanfällig.

Werner Weiß, Geschäftsführer der "aee-intec"

Eben saß ich mit einem recht kuriosen Unternehmer an einem Tisch. Werner Weiß ist einer von zwei Geschäftsführern des europaweit zweitgrößten Institutes, das sich mit Forschung und Entwicklungen im Bereich erneuerbarer Energie befaßt.

Weiß hat quasi berufsbedingt sehr interessante Ansichten darüber, wie Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zusammenwirken und was dabei zu beachten sei. Weiß betont die Wichtigkeit von Politikberatung, damit man politische Rahmenbedingungen mitgestalten kann. Und zwar vor dem Hintergrund, daß die Politik nach seiner Meinung eigentlich so gut wie alle Instrumente zur Gestaltung von Energiepolitik längst aus der Hand gegeben habe. „Energiepolitik macht nicht der Energieminister, sondern die großen Konzerne.“

Weiß konstatiert: „Die Politik ist dazu verkommen, den Staat wie eine Firma zu managen.“ Und er meint: „Politik muß die Märkte kontrollieren, nicht umgekehrt.“ Das sind bemerkenswerte Ansichten eines Mannes, der für sich selbst geklärt hat: „Ich muß doch nicht als Geschäftsführer das siebenfache Gehalt unserer Angestellten haben, nur weil das so üblich ist.“ Diesen Geist drückt auch der Betrieb als Konstruktion aus. „Die Firma gehört niemandem.“

Damit meint Weiß, er und sein Kollege Ewald Selvicka haben ausgeschlagen, daß der Betrieb in persönlichen Privatbesitz übergehe. Die Firma wird von einem Verein getragen, also einer „Rechtspersönlichkeit“ [link], die ihrerseits für manche der anfallenden Projekte eine GmbH als „Hilfsbetrieb“ besitzt. „Warum muß das jemandem gehören?“ fragt Weiß rhetorisch, „Es läuft so schon 20 Jahre gut.“

Ich kenne Weiß und Selvicka aus den Anfängen dieser Geschichte. Was einst als eine Selbstbaugruppe begann, die dieser Region Europas höchste Dichte an Solarflächen verpaßt hat, ist heute eine Firma, die kaum noch direkt in die Region herein wirkt, sondern hauptsächlich quer durch Europa aktiv ist, außerdem in Afrika und im arabischen Raum.

Übrigens! Die Partie ist momentan federführend beim Bau der größten solarthermischen Anlage der Welt im saudi-arabischen Riad. Da geht es um 36.000 m² Kollektorenfläche. Worauf ich nun hinauswill, ist die Betonung des Umstandes, daß Wirtschaftstreibende, Unternehmerinnen und Unternehmer, sehr verschiedene Gesichter und Rollen haben.

Manche von ihnen, wie die aee-intec-Leute, würde ich als Kulturschaffender jetzt nicht um Geld anhauen. Ich sehe sie als Verbündete im Ringen um einen würdigen Status quo dieser Gesellschaft. Und ich gewinne als Kulturschaffender, wenn ich sie immer wieder treffen kann, um mit ihnen offene Fragen zu debattieren. Die Beiträge zu einem fruchtbaren kulturellen Klima sind eben nicht bloß materieller Natur.

[Die „aee-intec„] [kww: übersicht]